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Siemens Healthineers: Solider Börsen-Start mit Hindernissen

Elektrokonzern nimmt durch Börsengang seiner Tochter vier Milliarden Euro ein - 16.03.2018 15:24 Uhr

Eine leere Dax- und Xetra-Anzeigetafel als Folge einer Computerpanne sind beim Börsengang der Siemens Healthineers AG auf dem Parkett der Frankfurter Wertpapierbörse zu sehen. Der Börsengang der Siemens-Medizintechnik-Tochter, die unter anderem Weltmarktführer bei bildgebenden Systemen wie Röntgen- und Ultraschallgeräten sowie Magnetresonanztomographen (MRT) ist, ist einer der größten der vergangenen Jahre in Deutschland. © Arne Dedert/dpa


Die Pläne von Siemens-Chef Joe Kaeser gehen auf: Mit einem soliden Börsen-Einstand für die Medizintechnik-Sparte Healthineers kommt er seinem Ziel, aus dem einst etwas schwerfälligen und weit verzweigten Elektrokonzern einen Flottenverbund mit einzelnen Schnellbooten zu machen, ein gutes Stück näher. Kurz vor knapp kam es am Freitag allerdings zu einer peinlichen Panne auf dem Parkett: Ausgerechnet zum "Tag der Aktie", mit dem den Menschen in Deutschland eigentlich die Geldanlage in Wertpapiere nahegebracht werden soll, hakte es im Handelssystem der Deutschen Börse in Frankfurt am Main.

Gut eine Stunde länger als geplant musste sich deshalb das angereiste Management gedulden, bis der erste Kurs der Healthineers-Aktie auf der Tafel erschien - und für Freude und Erleichterung sorgte, nachdem während der Wartezeit schon die ein oder andere Sektflasche vorzeitig entkorkt worden war: Mit 29,10 Euro lag der Einstandskurs um knapp vier Prozent über dem Ausgabepreis von 28 Euro, auch im Tagesverlauf verbuchten die Papiere zunächst Kursgewinne. Der Börsenneuling selbst sprach von einem erfolgreichen Debüt: "Wir sind stolz und freuen uns, diesen wichtigen Meilenstein erreicht zu haben", erklärte Healthineers-Chef Bernd Montag.

Auch auf dem Weg dahin hatte Siemens allerdings gewisse Hindernisse zu bewältigen: Die 4,2 Milliarden Euro, die der Elektrokonzern durch die Platzierung von 15 Prozent seiner Medizintechniktochter hereinholt, liegen deutlich unter den ursprünglichen Analystenerwartungen, die im besten Fall mit sechs bis zehn Milliarden Euro gerechnet hatten. Trotzdem bleibt es einer der größten Börsengänge der deutschen Geschichte. Auf ein noch größeres Platzierungsvolumen kamen nur die Deutsche Telekom 1996, die Deutsche Post und die einstige Siemens-Chiptochter Infineon im Jahr 2000 sowie der nun vor der Zerschlagung stehende Energieanbieter Innogy (2016).

Künftig drei börsennotierte Siemens-Töchter

Mit Ausgliederungen wie der von Siemens Healthineers will Kaeser einzelne Konzerneinheiten selbstständiger und damit agiler und wettbewerbsfähiger machen. Dafür hatte er bereits das Windgeschäft mit dem spanischen Konkurrenten Gamesa fusioniert. Für das Zuggeschäft ist ein Zusammenschluss mit dem französischen Wettbewerber Alstom vereinbart. Mit dem Börsengang von Healthineers soll es also künftig drei börsennotierte Töchter geben, die annähernd für die Hälfte des Konzernumsatzes stehen.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der Siemens Healthineers AG, Michael Sen (l-r), Ralf Thomas, Finanzvorstand der Siemens AG, Bernd Montag, Vorstandsvorsitzender von Siemens Healthineers, und Manuel Neuer, Torwart des FC Bayern München und der Fußball-Nationalmannschaft, stehen beim Börsengang des Erlanger Unternehmens auf dem Parkett der Frankfurter Wertpapierbörse an einem Mrt. © Arne Dedert/dpa


Das Medizintechnikunternehmen, das als Ertragsperle des Konzerns gilt und Weltmarktführer bei bildgebenden Systemen wie Röntgen- und Ultraschallgeräten sowie Magnetresonanztomographen ist, soll mit dem Geld aus dem Börsengang Zukäufe finanzieren können. Im vergangenen Geschäftsjahr (Ende September) kam die Sparte bei 13,8 Milliarden Euro Umsatz auf ein operatives Ergebnis von knapp 2,5 Milliarden Euro. In der Labordiagnostik ist Healthineers nach eigenen Angaben die Nummer zwei weltweit. Dazu bietet das Unternehmen noch Spezialtherapiekonzepte an. Mehr als die Hälfte des Umsatzes ist wiederkehrend - wie das Servicegeschäft - und damit unabhängig von wirtschaftlichen Zyklen.

Auf seinem Kapitalmarkttag Mitte Januar hatte Siemens Healthineers potenzielle Investoren mit einem mittelfristig beschleunigten Wachstum sowie einer steigenden Rentabilität umworben und angekündigt, künftig mindestens die Hälfte des Gewinns als Dividende auszuschütten. 

Schritt an die Börse birgt auch Risiken

Siemens hatte in der Vergangenheit schon häufiger Geschäfte über die Börse abgegeben, die aus Sicht des Managements nicht mehr zum Kern gehörten: Etwa 1999 die Bauelementetochter Epcos, 2000 das Chipgeschäft Infineon und 2013 die Lichttochter Osram. Ein geplanter Börsengang der Hörgerätesparte wurde 2014 zugunsten eines Verkaufs des Geschäfts abgeblasen. Die Unternehmen entwickelten sich danach alle unterschiedlich. Gemeinsam haben sie jedoch eins: Nach dem Börsengang folgten teils schmerzhafte Restrukturierungsprozesse.

Epcos ist mittlerweile in der japanischen TDK aufgegangen und wurde bereits 2009 wieder vom Kurszettel gestrichen. Infineon litt unter seinem schwächelnden Speicherchipgeschäft, das der Chipkonzern unter dem Namen Qimonda an die Börse - und wenig später in die Insolvenz schickte. Mittlerweile hat sich der Dax-Konzern neu erfunden und ist seit einigen Jahren wieder in der Erfolgsspur. Auch Osram musste sein klassisches Lampengeschäft sanieren - und verkaufte es später nach China. Osram ist mittlerweile wieder obenauf - auch wenn die neue Strategie des Ausbau des LED-Geschäfts viel Geld verschlingt.

An keinem der Unternehmen hält Siemens heute noch Anteile. Bei Healthineers, Gamesa und Alstom soll das anders sein - hier will Siemens die Mehrheit behalten. Der Kurs von Siemens birgt aber auch hier Risiken: So stottert der Motor im Windgeschäft von Gamesa, was nicht nur dem aktuell schwierigen Marktumfeld mit scharfem Preisdruck geschuldet ist, sondern auch internen Problemen. Dieses gilt es bei der Zugfusion zu vermeiden.

Ein weiterer Kritikpunkt, auch von Investoren, ist der schleichende Machtverlust von Siemens bei den Töchtern. Die Entscheidungsmacht wird delegiert, auch wenn Siemens über die Aufsichtsräte weiterhin ein wichtiges Wort mitredet. Kaeser sieht nach früheren Aussagen kein Problem darin. Die Konzernmutter kann jedoch nicht mehr allein durchregieren. Was passiert, wenn es zu Konflikten kommt, ist offen. Investoren haben noch gut den öffentlich ausgetragenen Streit mit dem Osram-Management über deren neue Strategie in Erinnerung. Der Konflikt dürfte dazu beigetragen haben, dass sich Siemens von seinen restlichen Anteilen trennte.

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dpa

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