Montag, 19.11.2018

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Unterwegs zum Leser: Die NN-Redaktion steht für Offenheit und Dialog

Mehr Transparenz: Journalisten müssen Einblick in ihre Arbeit geben - 10.01.2018 13:19 Uhr

Professor Klaus Meier lehrt an der Katholischen Universität in Eichstätt Journalistik. Erst kürzlich wurde er mit dem „Ars Legendi-Preis 2017 für exzellente Hochschullehre“ ausgezeichnet. Über „Journalismus auf Augenhöhe“ hat er publiziert und diskutiert. Seine Credo: Offenheit ist das Gebot der Stunde. Der 49-jährige Hochschullehrer bemüht sich seit Jahren um eine praxisnahe Ausbildung für seine Studenten. © Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt


Herr Professor Meier, Transparenz galt bis vor 20 Jahren als Unwort in der Branche, bei Fehlern hat der "Fehlerteufel" zugeschlagen, wir Journalisten haben uns ungern in die Karten blicken lassen. Warum ist das jetzt anders?

Prof. Klaus Meier: Der Druck auf den Journalismus ist gewachsen, weil in den sozialen Netzwerken jeder zum Medienkritiker werden kann. Fehler fallen auf, werden öffentlich angeprangert – und die Redaktion muss darauf reagieren. Der andere Grund, warum Transparenz auf dem Vormarsch ist, liegt in der Debatte über Fake News und alternative Fakten. Journalisten wollen sich ganz bewusst von Desinformation abgrenzen, deshalb müssen sie heute ganz offen erklären, wo sie ihre Fakten herhaben, sie wollen nicht als Geheimbund auftreten.

Also hat uns der Druck von außen dazu gezwungen, unsere Recherchewege offenzulegen?

Meier: Zum Teil ja, aber es ist schon lange eine ethische Forderung, Öffentlichkeit durchsichtiger zu machen: Generell stärkt das Offenlegen die Glaubwürdigkeit einer Redaktion, weil der Leser oder Nutzer theoretisch in die Lage versetzt wird, den Rechercheweg selbst nachzugehen. Selbst wenn davon kaum jemand Gebrauch macht, vertraut man einer Information mehr, wenn man weiß, wie man sie selbst überprüfen könnte.

Und wie ist es dann um das Redaktionsgeheimnis bestellt? Ab und an müssen und wollen wir Informanten schützen, denen andernfalls meist berufliche Nachteile drohen würden.

Meier: Das Redaktionsgeheimnis ist ein hohes Gut, sogar Bundesverfassungsgerichtsurteile stärken es. Aber man muss schon differenzieren: Ich sehe das Redaktionsgeheimnis nur dort als sinnvoll an, wo eine Redaktion investigativ tätig ist, wo es also darum geht, Druck von außen abzuwehren, etwa von Seiten der Politik oder der Wirtschaft. Und natürlich geht es um den Informantenschutz. Die Panama-Papers sind dafür ein Paradebeispiel. Der geheim gehaltene Informant würde wohl umgebracht werden, käme seine Identität ans Tageslicht. Bei mindestens 99 Prozent aller Geschichten trifft dies alles aber nicht zu.

Offenheit kehrt auch andernorts in die journalistische Arbeit ein. Redaktionen öffnen sich für Besucher, gehen nach außen. Steigt der Journalist von seinem hohen Ross herunter?

Meier: Ja, das Berufsbild verändert sich. Das ist natürlich nicht leicht: Auch andere Berufe, die auf Autorität bauen, lassen sich ungern in die Karten schauen oder geben Fehler zu, Ärzte oder Richter beispielsweise. Auch der Journalist tut sich schwer damit, weil seine Rolle sich auch dadurch definiert, dass er aufgrund der Recherche mehr weiß als andere. Im Informationszeitalter wissen aber viele Leser in Teilbereichen mehr als der jeweilige Redakteur. Experten gibt es überall. Journalisten sind heute als Piloten im Wissensnetzwerk unterwegs und sollten das Wissen der Leser nutzen und vernetzen.

Eine Folge dieser Entwicklung ist, dass der Leser auf Augenhöhe angesprochen wird. Viele Verlage haben einen Ombudsmann berufen, der gezielt zwischen Leserinteresse und Redaktion vermitteln soll. Ist das auch Ausdruck der neuen Transparenz?

Wanderreporter Matthias Kronau machte sich auf zu den Lesern. © Roland Fengler


Meier: Ja, auf jeden Fall. Dialog mit den Lesern ist heute mehr denn je geboten. Der Ombudsmann soll die Festung Redaktion aufbrechen, die Zugbrücke herunterlassen.

Wir haben die Festung auch geöffnet: Unsere NN-Wanderreporter tourten im Sommer sechs Wochen lang durch unser Verbreitungsgebiet, die Kolleginnen und Kollegen, die jeweils eine viertägige Etappe absolviert haben, waren buchstäblich zum Greifen nah für die Leserschaft.

Meier: Dieser Ansatz ist absolut positiv zu sehen. Journalisten rauszuschicken, um Geschichten vor Ort auszugraben, zu entdecken, was die Leute bewegt, das ist eine Urform des Journalismus in modernen Demokratien, die heute genauso wichtig ist wie es früher der Fall war. Die Probleme anzusprechen, die die Menschen bewegen, über die bestimmte Eliten aber lieber schweigen würden, das zählt schon lange zu den Kernaufgaben eines guten Journalismus – auch und vor allem im Lokalen und Regionalen.

Sind wir an dieser Herausforderung gescheitert? Es gab in den vergangenen Jahren die Lügenpresse-Diskussion, dann die Fake-News-Debatte.

Meier: Auch Journalisten machen Fehler, wie alle Menschen. Aber gescheitert sind sie nicht, und schlechter als früher schon gar nicht. Die Begriffe "Lügenpresse" und "Fake News" sind politische Kampfbegriffe, die von der Mehrheit durchschaut werden. Das Vertrauen in die Medien hat sich bei der breiten Bevölkerung kaum verändert in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, das belegen Umfragen. In den letzten Monaten ist das Vertrauen sogar leicht gestiegen, wenn man von den radikalen Rändern der Gesellschaft absieht, die das Vertrauen in alle Institutionen verloren haben und nur ganz schwer wieder zurückzugewinnen sind. Die allermeisten Bürger sind sich aber stärker bewusst geworden, was Qualitätsjournalismus wert ist. Dazu hat die Fake-News-Debatte sicherlich beigetragen.

Gilt das auch, wenn Sie den Bundestagswahlkampf Revue passieren lassen? Hat sich unser Mediensystem bewährt?

Meier: Ich denke schon. Die großen Befürchtungen, die es gab, dass wir hierzulande ähnlich wie beim Brexit in Großbritannien oder der Trump-Wahl in den USA eine Öffentlichkeits-katastrophe mit Lügen, Falschinformationen und Desinformationskampagnen erleben, haben sich nicht bestätigt. Zum einen haben wir ein sehr vielfältiges und gutes Mediensystem in Deutschland, das mit Sicherheit besser ist als in den USA und zum Großteil auch besser ist als in Großbritannien.

Zum anderen ist durch die Debatten rund um Brexit und Trump das Bewusstsein gestiegen – bei der Bevölkerung und in den Redaktionen. Was ist unsere Rolle, fragen sich seither viele Berichterstatter. Unabhängig und unparteiisch zu berichten, diese Tugenden sind in den Mittelpunkt gerückt. Und die breite Bevölkerung ist kritischer und sicherer bei der Frage geworden, welchen Informationen man tatsächlich vertrauen kann.

Sie bilden in Eichstätt die Journalisten von morgen aus. Welche Grundannahme setzen Sie da voraus? Worauf muss der Redakteur in zehn Jahren achten?

Meier: Es sind die gleichen Grundtugenden, die Journalismus schon immer ausgezeichnet haben. Journalismus hat zwei Werte für sein Publikum. Zum einen muss er einen Überblick verschaffen, also die Informationslage des Tages abbilden. Dazu braucht es die Unabhängigkeit einer Redaktion. Dazu bedarf es aber auch einer gewissen Demut. Hochnäsigkeit ist fehl am Platze, stattdessen sind Dialogfähigkeit und das Agieren auf Augenhöhe mit dem Publikum gefragt. Der andere Wert ist mit den Schlagworten Kritik und Kontrolle zusammenzufassen. Der Journalist, egal ob heute oder in zehn Jahren, muss mit ausdauernder Recherche die Mächtigen im Auge behalten, allerdings mit Augenmaß…

. . . das offenbar aus Ihrer Sicht nicht immer an den Tag gelegt wurde…

Meier: . . . wir haben einiges erleben müssen in den letzten Jahren. Wenn es zum Beispiel um den Umgang mit Ex-Bundespräsidenten ging, haben Journalisten manchmal übers Ziel hinausgeschossen. Skandalisieren, um Politiker fertigzumachen, das haben wir in diesem Wahlkampf nicht mehr erlebt. Gott sei Dank.

Vielleicht liegt das auch an der zunehmenden Personalisierung, die sich in unserer Branche breitmacht. Ohne eigenes Profil und entsprechende Aktivitäten in den sozialen Netzwerken kommen immer weniger Journalisten aus. Eine vorübergehende Erscheinung?

Meier: Nein, die anonymen Journalisten, die sich hinter einer großen Medienmarke verstecken, wird es definitiv nicht mehr geben. Es gab sie sowieso nur bei überregionalen, nationalen und internationalen Themen. Denn auch der gute Lokaljournalist ist schon immer im Ort bekannt, er hatte noch nie "Feierabend", sogar in der Kneipe ging es weiter um die aktuellen Themen. Nichts anderes gilt in den sozialen Netzwerken: Dort muss ich natürlich auch am Abend mitdiskutieren, wenn es denn geboten ist, oder relevante Themen entdecken. Das ist das Schicksal dieses Berufs, Journalismus muss auch gelebt werden und war schon immer eine Herausforderung für die heute so betonte Work-Life-Balance. Tür zu und Beruf vergessen, das funktioniert in dieser Profession nicht. Auch das ist Teil der Transparenz.

Jede Redaktion hat ihre eigenen Regeln, wenn es um Transparenz geht. Für die Redaktion der Nürnberger Nachrichten gelten folgende:

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Zuschriften sind unverzüglich zu beantworten. Nach Möglichkeit erfolgt binnen weniger Tage eine Nachricht an die Leserin/den Leser.

Fehler, die im oft hektischen Redaktionsalltag unvermeidlich sind, hat nicht der "Fehlerteufel" zu verantworten, sondern die Redaktion. Um einen möglichst offenen Umgang damit zu gewährleisten veröffentlichen wir auf unseren Leserforum-Seiten regelmäßig "Korrekturen".

Wir suchen den Dialog mit unseren Abonnenten und Kunden. Die Redaktion führt Gespräche mit Leserinnen und Lesern, gerne auch zu strittigen Themen.

Wir sind eine offene Redaktion. Wer mit einer Redakteurin/einem Redakteur sprechen will, kann dies tun.

Um noch nahbarer zu sein, geht die Redaktion verstärkt nach außen: Einmal im Jahr besucht die Chefredaktion einen unserer Außenstandorte, um dort den Lokalteil zu gestalten. In den Sommerferien laufen unserer Wanderreporter durch das Verbreitungsgebiet. Und wir stellen uns bei diversen Veranstaltungen den Fragen unserer Leser.  

Michael Husarek

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