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Weniger Stellen: Wollen Unternehmen keine Azubis mehr?

Konzerne bilden immer seltener aus - 12.01.2019 12:28 Uhr

Immer weniger junge Menschen machen eine Ausbildung. Und auch die Betriebe bilden seltener aus. © ddp


Werden die Firmen Opfer des grassierenden Fachkräftemangels oder sind sie an der Entwicklung selbst schuld? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander.

Da bislang weder ein Meister noch etwaige andere Fachkräfte vom Himmel gefallen sind, sollten die Firmen stärker in die eigene Ausbildung investieren, um etwas gegen den Mangel zu unternehmen, meinen einige Experten. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Viele Konzerne bilden in Relation zur Gesamtbelegschaft immer weniger aus (siehe Grafik). Gemessen wird die Entwicklung mit der sogenannten Ausbildungsquote, die die Anzahl der Azubis pro 100 Angestellte angibt. Beschäftigte etwa die Commerzbank vor zehn Jahren noch 7,4 Azubis pro 100 Mitarbeiter, sind es heute gerade einmal zwei. Bei der Telekom fiel die Quote von 7,6 auf 4,2.

Können die Firmen nichts dafür?

Auch bei den befragten Arbeitgebern der Region gingen die Relationen tendenziell nach unten: Der Herzogenauracher Automobilzulieferer Schaeffler etwa stellte 2017 im Vergleich zu 2007 circa einen Azubi pro 100 Mitarbeiter weniger ein. Pressesprecher Marlon Matthäus erklärt das unter anderem mit der demografischen Entwicklung bei kaufmännischen und gewerblich-technischen Berufen. Die gleiche Begründung liefert die Nürnberger N-Ergie. Im Klartext bedeutet das: Es kommen kaum junge Bewerber nach.

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Diese Rechtfertigung allein will Stephan Doll, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Mittelfranken, nicht gelten lassen. Natürlich habe sich der Markt gedreht und Betriebe suchen eher Azubis als andersherum, sagt er. Doch der Azubi-Mangel sei zum Teil auch selbst gemacht: Durch Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz und schlechte Bezahlung werde eine Ausbildung in einigen Branchen – allen voran in der Gastronomie – schlicht uninteressant.

Er findet, dass sich die Wirtschaft nicht nur hinter dem Fachkräftemangel verstecken darf: "Fachkräftesicherung funktioniert nur, wenn man auch selbst ausbildet." Vor allem Hauptschüler werden seiner Meinung nach von vielen Unternehmen – gerade in den großen Städten Nürnberg, Fürth und Erlangen – links liegen gelassen.

Und auch die bayerische Politik stehe potenziellen Auszubildenden und Arbeitskräften zu oft im Weg, findet Doll. Die gesetzlichen Hürden, Asylbewerber und Geflüchtete im Freistaat auszubilden, seien deutlich zu hoch. Außerdem gebe es für Mitarbeiter, die sich der Digitalisierung stellen, keine Weiterbildungsregelung. "Jedes Bundesland hat so etwas, nur Bayern nicht", kritisiert er.

Bei der Forderung, die Betriebe müssten mehr in den Nachwuchs investieren statt sich zu beschweren, geht die Arbeitgeberseite mit der Gewerkschaft sogar Hand in Hand. "Alle Betriebe müssen mehr ausbilden – auch mehr Nicht-Olympioniken", mahnt etwa Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer im Handelsblatt.

Der Ausbildungsexperte des arbeitgebernahen IW-Instituts, Dirk Werner, sieht gleichfalls eine Mitschuld bei den Firmen – jedoch an völlig anderer Stelle als Doll: Die fast verschwundene Bereitschaft, über den eigenen Bedarf hinaus auszubilden, habe auch "mit dem Druck der Betriebsräte und Gewerkschaften" zu tun, da sie fordern, dass möglichst alle Azubis auch übernommen werden, argumentiert er gegenüber der Zeitung.


Zu wenig belastbar? Viele Azubis brechen ab


"Soll wohl ein Scherz sein"

Die Arbeitnehmervertreter als Sündenböcke? "Das soll wohl ein vorgezogener Faschingsscherz sein", schimpft Doll. In Firmen mit Betriebsrat gebe es nachweislich mehr Azubis als andernorts, erklärt er. "Da kann mir auch gleich jemand erklären, dass die Erde eine Scheibe ist."

Stephan Kastner, Leiter des Geschäftsbereichs Berufsbildung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittelfranken, versteht die ganze Diskussion nicht: "Wir haben im Bezirk sogar mehr Ausbildungsverträge als im Vorjahr", erklärt er. Der Grund für sinkende Quoten sei, dass es "schlicht zu wenig junge Menschen gibt". Das zeigt er auch in Zahlen: "40 Prozent der von uns befragten Unternehmen haben angegeben, dass sie gar keine Bewerbungen bekommen haben."

Seine Lösung: Die Ausbildung – oder zumindest ihr Image – attraktiver machen, wie es auch Bildungsministerin Anja Karliczek fordert. Der Fachwirt hieße dann Berufsbachelor. Die Berufsabschlüsse sollen so einfacher mit einem ähnlichen Studiengang gleichgestellt sein. Ein entsprechender Kabinettsbeschluss soll noch im Januar folgen. Kastner: "Damit lassen sich Ausbildung und Studium besser vergleichen – und außerdem klingt es besser." 

Kilian Trabert Volontär der Nürnberger Nachrichten E-Mail

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