Sonntag, 18.11.2018

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Wo der Hanswurst seine derben Possen riss

Zweiter Rundgang zu historischen Spielorten in der Nürnberger Altstadt - 01.12.2010 21:54 Uhr

Auf der Insel Schütt stand von 1827 bis 1833 das Interims-Theater, hier in einem Aquarell von G.C. Wilder um 1828. © Archiv


Wir befinden uns am Lorenzer Platz, wo das Nachtkomödienhaus 1800 abgerissen und durch ein Pachttheater mit festem Ensemble ersetzt werden sollte. Um 1800 etablierten sich in Wien, Mannheim, Weimar und Berlin „Nationaltheater“, um sich der deutschen Dichtung der neueren Epoche – gereinigt von ausländischen Einflüssen – zuzuwenden. Im Juli 1798 reichte der Reichsadler-Wirt Georg Leonhard Aurnheimer einen Vorschlag zur Errichtung eines neuen Theaterbaus ein. Dabei berief er sich auf den wichtigen Einfluss eines gereinigten Theaters auf Sitten und Moralität aller Volksklassen. Seine Baukosten kalkulierte er mit 25000 Gulden. Es handelte sich um das erste Angebot eines Nürnberger Bürgers, ein Theater zu gründen, und belegt damit bürgerliches Selbstbewusstsein.

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Im Mai 1799 wurde der Pachtvertrag unterschrieben und Aurnheimer als „Prinzipal“ (Direktor) das „Theaterprivileg“ auf 30 Jahre verliehen; jährliche Abgaben: 440 Gulden! 1801 wurde das Aurnheimersche Nationaltheater eröffnet. Opern goutierte das Publikum dankbar, Schauspielvorstellungen von den „jungen Klassikern“ (Goethe/Schiller) spielte man dagegen oft vor leerem Haus. Wie in Hamburg (Lessing) hatte ein privatfinanziertes Theater keine Chance zu überleben. Aurnheimer gab 1808 auf – Geldnöte zwangen auch seine ambitionierten Nachfolger, das Theaterprivileg bis 1827 mehrfach zu veräußern. Wegen Baufälligkeit musste das Theater 1827 auf Abriss gesperrt werden.

Da die Nürnberger nicht ohne Theater leben konnten, wurde ein Interims-Bau errichtet. Zu diesem kommen wir später auf der Insel Schütt.

Von 1830 bis 1833 wurde das neue Haus vom Architekten L. Schmidtner (Schloss Burgfarrnbach) im spätklassizistischen Stil errichtet, und im September 1833 öffnete das „Alte Stadttheater am Lorenzer Platz“ seine Pforten. Das Innere stellte eine minimierte Ausgabe des Münchner Hoftheaters dar und wurde vom Publikum sehr unterschiedlich beurteilt. Die einen sprachen abfällig vom „Vuglhäusla“, die anderen lobten die sehr gefällige, intime Form. Die Baukosten (75000 Gulden) wurden mittels Aktienkapital finanziert. Verpachtet wurde der Musen-Tempel an mehr oder weniger geeignete Theater-Prinzipale für jährlich 1100 Gulden.

Die Anfangsjahre 1833 bis 1850 gestalteten sich vor allem finanziell – und dadurch häufig auch künstlerisch – schwierig: In 17 Jahren beeinflussten neun Prinzipale die Geschicke mehr schlecht als recht. 1852 wurde das käufliche „Theaterprivileg“ abgeschafft, und die Situation verbesserte sich durch Subventionen, so dass Nürnberg nach 1870 bald zu den „großen“ Bühnen Deutschlands zählte. 1945 fiel das zuletzt als reines Schauspielhaus genutzte Gebäude dem Bombenkrieg zum Opfer.

Nun begeben wir uns auf den nördlichen Lorenzer Platz Nr. 3, wo eine ovale Bronzetafel an der Wand auf die ehemalige Lorenzer Lateinschule hinweist. Dort führten die Schüler bis zur Reformation geistliche Spiele auf, ob bereits ab Schulgründung 1325 ist nicht nachweisbar. Osterspiele, das Leiden Christi in der Karwoche oder Krippenspiele zu Christi Geburt wurden auch in Kirchen sowie auf Straßen und Plätzen dargeboten.

Nach der Reformation verbot der Rat diese Aufführungen „als Affen- oder Dockenspiele“. Die antiken Autoren, die im Griechisch- und Latein-Unterricht bisher nur gelesen wurden, sollten nun zur Aufführung gelangen – zumindest die Römer Seneca und Terenz. Das Schuldrama wurde von Luther in Tischreden regelrecht gefordert: „Comödien zu spielen soll man um der Knaben in der Schule willen nicht wehren, sondern gestatten und zulassen...“

Ein paar Schritte von hier zur Bankgasse führen uns zu einer Tafel, die an die Nikolauskapelle mit Heilsbronner Hof erinnert (ein Ableger des Klosters Heilsbronn). Bereits 1509 wurde der Hof als Aufführungsort erwähnt, nach der Reformation dann noch bis 1627, wo Fechtspiele geboten wurden und einheimische wie ausländische Gruppen eine Spielstätte vorfanden. Vermutlich traten hier 1593 die ersten englischen Profi-Schauspieler in Nürnberg auf (C. Neuber schult die ersten deutschen Schauspieler um 1730!).

Mit wenigen Schritten sind wir an der Findelgasse, wo die Barfüßerkirche (Franziskaner) stand; an dem frisch renovierten Bankgebäude sind noch die Reste des Ostchores erkennbar. 1632 hatte der Rat im Vorgängerbau das „Anatomische Theater“ einrichten lassen, in dem öffentliche Sezierungen, aber auch Weiterbildungen für Bader, Wundärzte und Hebammen angeboten wurden (bis1671).

Die Peter-Vischer-Strasse überquerend kommen wir zur Katharinenkirche, die nach 1620 ebenfalls von den Meistersingern als Übungs- und Auftrittsraum genutzt wurde. Im ehemaligen Refektorium fand nach 1678 das „Anatomische Theater“ für die hiesige Ärzteschaft seinen Platz, nachdem das Barfüßerkloster teilweise abgebrannt war. Um 1930 wurde der ehemalige Kirchenraum als Konzertsaal genutzt. Somit stellt die heutige Verwendung der Kriegsruine als Open-Air-Bühne eine Fortsetzung dieser Tradition dar. Gönnen Sie sich einen Blick in den ehemaligen Kreuzgang mit Zeitungscafé.

Über die Heubrücke gelangen wir am Schuldturm vorbei auf die Vordere Insel Schütt. Die Uferbebauung muss sich der Spaziergänger mit Mühl- und Werkstattgebäuden vorstellen. Und mitten auf einem freien Platz stand von 1827 bis 1833 das Interims-Theater – ein schlichter Holzbau als neogotisches Provisorium (von Heideloff entworfen), während an der Theatergasse das (alte) Stadttheater von 1830 bis 1833 gebaute wurde.

Nun gehen wir weiter bis zur Grundschule auf der Hinteren Insel Schütt. Auf diesem Areal hatte der Rat der Stadt Nürnberg das „erste kommunale Theater“ Deutschlands als viereckigen Sandsteinbau mit drei umlaufenden Holzgalerien für 3000 Zuschauer errichten lassen. Wie kam es dazu? Die Berichte der englischen Wandertruppen über das Bestehen fester Theaterspielstätten in England – wie zum Beispiel das Globe Theatre – und die Möglichkeit, an den Auftritten gut zu verdienen, veranlassten den Rat am 14. August1627, ein Holzmodel in Auftrag zu geben. Nach dessen Begutachtung und Vorlage des Bauplanes wurde am 17. September 1627 bereits der Beschluss „zu einem theatro zu den fechtschulen, comedien und andern spielen“ gefasst.

Am 16. Juni 1628 fand die Eröffnung des Fecht- und Tag-Komödienhauses statt, das als Manege für artistische Darbietungen, für Ochsen- und Bärenhatzen, aber auch für Fechtspiele und Theateraufführungen verwendet werden sollte. Es dominierten Possen mit Hanswurst, Harlekin und Pickelhering. Die Absicht war berechnend: Überschüsse aus den Einnahmen sollten dem Heilig-Geist-Spital zufließen. Außerdem konnte der Rat mittels Zensur den Spielbetrieb kontrollieren, was ihm im Heilsbronner Hof anscheinend nicht immer gelungen war. 1766 wurde hier zuletzt gespielt; 1811 erfolgte der Abriss des Gebäudes. Unser Spaziergang endet dort, wo Nürnbergs „Stadttheater-Geschichte“ begann.

Empfehlenswerte Lektüre zum Thema: „Reichsstadt und Schauspiel – Theatrale Kunst im Nürnberg des 17. Jahrhunderts“ von NZ-Redakteur Markus Paul, „Vom Stadttheater zum Opernhaus – Fünfhundert Jahre Musiktheater in Nürnberg“ von Gisela Schultheis und Ernst-Friedrich Schultheis.

  

Norbert Edelmann E-Mail

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