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Ein Musical zum Bahnjahr: Hat’s das jetzt wirklich noch gebraucht? Darüber lässt sich sicherlich auch nach der Uraufführung von „Bahn frei!“ noch trefflich streiten. Denn einerseits hängt manch einem – pardon – die omnipräsente Eisenbahn-Feierei so langsam zum Hals raus. Andererseits verlässt man das Stadttheater Fürth nach fast drei Stunden beschwingt und mit hartnäckigen Ohrwürmern im Kopf. Insofern können sich die Herren Arenz und Wolf sowie Regisseurin Nilufar K. Münzing zufrieden auf die Schultern klopfen.
Die Geschichte setzt 1917 ein, als die ruhmreiche Ludwigsbahn schon ziemlich traurig vor sich hin dampft. Die Straßenbahn hat die Schienen-Herrschaft übernommen, im Krieg geht außerdem schnell mal die Kohle aus. Dennoch stellt Bahndirektor Kurt Hohfelder (Gerd Achilles) das „Frollein“ Lili Weber (Anna Müllerleile) als Schaffnerin ein.
Die aufmüpfige junge Dame ist eigentlich Sängerin, verlor ihren Vater im Krieg und schlägt sich nun alleine durch. Dass sie nur drei Viertel vom Lohn der männlichen Angestellten bekommen soll, stinkt ihr gewaltig. Jawoll, diese Frau hat Biss! Und singt kämpferisch „Wenn ich Suffragette oder Sozialistin wär“. Passend dazu hält das entzückende, selbstironische Nummerngirl (Sibylle Mantau) ein Schild mit der Forderung „Frauenwahlrecht“ in die Höhe — und hebt später die Faust zum Arbeitergruß.
Lili Weber ist ihrer Zeit voraus, genau wie Friedrich List (Oliver Fobe-Dörr). Wobei wir bei der zweiten Zeitebene des Musicals wären. Denn Ewald Arenz bedient sich eines einfachen, aber effektiven Kniffs: Bahndirektor Kurt Hohfelder erzählt das Leben der historischen Figur Friedrich List (1789-1846) und blickt so mit Lili und dem Publikum zurück in die Zeit um 1830. Der Pionier und Visionär List ist ein Besessener. Er träumt von einem vereinten Deutschland, das er mit einem Schienennetz überziehen will.
Mit Hilfe seiner singenden Tochter Elise (Elisabeth Sikora) versucht List, die Fürsten und Könige im zersplitterten Deutschland zu becircen. Die blondgelockte Schöne ist der trutschige Gegenentwurf zu der emanzipierten Lili. Als latent nerviges Püppchen am Schnürchen lässt sie sich von ihrem Vater instrumentalisieren — wird aber vor jedem Auftritt vom Lampenfieber-Blues gepackt.
Geschmeidig und ohne Längen tänzelt die Revue zwischen den beiden Ebenen hin und her, getragen von Thilo Wolfs zeitgemäß poppigen, ungemein eingängigen Songs, die aber auch Anleihen bei der Musik der 1920er Jahre nehmen (ebenfalls kurz eingebaut: Erich Mühsams Lied „Der Revoluzzer“). So wie in Christiane Beckers flexiblem, herrlich schnörkellosem Bühnenbild die Lokomotive nur als Silhouette zu sehen ist, dient auch das ganze Thema Eisenbahn allenfalls als Folie: Für ein Paket aus geschichtlichen und persönlichen Ereignissen. Liebe, Krieg, Revolution, Idealismus, Emanzipation, Inflation, Manipulation. All das und noch mehr ist drin in diesem vielschichtigen Musical, dessen Enden nicht in jedem Fall happy sind. Zumindest nicht für die Protagonisten. Für Arenz und Wolf (die gemeinsam schon mit „Petticoat & Schickedance“ punkteten), das 14-köpfige Ensemble, das Orchester und den Rest des Teams dafür umso mehr.
Weitere Aufführungen: 19. bis 22. und 27. bis 30. Oktober, Kartentelefon 0911/9742400.
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