Damals war die "Herren-Komplettausstattung" mit Knickerbocker, Pullover, Sporthemd, Gürtel und Strümpfen der Renner - für 9,95 Reichsmark. Während der Nazi-Zeit gabs das Porträt "unseres Volkskanzlers" Hitler. Nach dem Krieg dominierte erst die Grundausstattung - Kühlschränke, später Fernseher. Dann wuchs mit dem Wohlstand das Angebot. Es gab fast nichts, was es nicht gab bei der Quelle. Hunde, Fertighäuser, Betonmischer, Nerzmäntel, Mallorca-Reisen, Schwimmbäder, erschwingliche Haute Couture von Designer Heinz Oestergaard. "Ohne den Quelle-Katalog lässt sich die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht erzählen", schreibt Gregor Schöllgen in seiner Biografie über den Versandhaus-Gründer. Leider belässt der Historiker es aber eher bei Aufzählungen des Sortiments. Dabei ist der Katalog in der Tat ein bemerkenswerter Spiegel der Republik - bis hin zum Untergang der Quelle: Dass Ministerpräsident Horst Seehofer 2009 eigens hierher eilte, um einen Kredit für den Druck des letzten Katalogs zu liefern - das war angesichts des doch längst dominierenden Internet-Shoppings, das die Quelle verschlafen und damit den Anschluss an die Konkurrenz verpasst hatte, eine eher verzweifelte, rückwärtsgewandte Geste.Gleich am Anfang schreibt Schöllgen, worum es sich bei seinem Buch handelt - um eine Auftragsarbeit. "Damit hatte ich nicht gerechnet. Als ich im Sommer 2007 von Madeleine Schickedanz (...) mit der Sichtung und Ordnung seines Nachlasses beauftragt wurde (...), habe auch ich nicht den vollständigen Zusammenbruch des Lebenswerks von Gustav Schickedanz vorhergesehen." Der Erlanger Historiker hat eine Geschäftsidee professionalisiert: "Wir kapitalisieren Geschichte", heißt das Motto seines "Zentrums für Angewandte Geschichte" (ZAG), das vor allem Firmen-Historie aufbereitet - im Auftrag der Unternehmen, die dafür zahlen. "Der Historiker wird zum Dienstleister", so Schöllgen.
Allerdings drängt sich auch beim neuesten Produkt aus seinem ZAG der Eindruck auf: Es ist den so entstandenen Büchern eben ein Stück weit anzumerken, dass es Auftragsarbeiten sind. Schöllgen lieferte unter anderem bereits Unternehmens-Geschichten der Nürnberger Industriellen Theo Schöller und Karl Diehl. Detailliert geht es da um den Aufstieg ihrer Firmen. Den Menschen selbst aber, ihren Motiven und Antriebskräften, kommt Schöllgen recht wenig nahe. Das ist bei seinem 464-Seiten-Buch über "Gustav Schickedanz. Biographie eines Revolutionärs" (Berlin Verlag, 32 Euro) nicht viel anders. Schöllgen erzählt vor allem eine erstaunliche Erfolgsgeschichte - samt dem Ausklang, dem Niedergang des Versand- und Kaufhauses nach dem Tod des Patriarchen. Über Schickedanz selbst erfährt man nicht sehr viel Neues, obwohl der Autor doch exklusiven Zugang zum Familienarchiv hatte. Das ist ein Punkt, den Historiker-Kollegen kritisieren: Schöllgen verweist lediglich allgemein auf die Quellenlage, liefert dann aber keine Details: Auch dieses Buch enthält keine Belege, keine Fußnoten. "Die Biografie bleibt so einer wissenschaftlichen Überprüfung entzogen", bemängelt der Nürnberger Historiker Eckart Dietzfelbinger. Problematisch ist das vor allem, wenn es um die Rolle von Schickedanz während des Nationalsozialismus geht. Der am 1. Januar 1895 in Fürth geborene Sohn eines Arbeiters, der in einfachen Verhältnissen aufwuchs, trat Anfang November 1932 der NSDAP bei. Ab 1935 saß er für die Partei im Stadtrat von Fürth.
Ein überzeugter Nazi war er nicht. Aber Schickedanz zog durchaus Nutzen aus dem, was die Nationalsozialisten trieben: "Der Profiteur" überschreibt Schöllgen sein umfangreiches Kapitel über Schickedanz Rolle in der NSZeit. Er erweiterte sein seit der Quelle-Gründung 1927 vor allem auf dem Versandhandel basierendes Unternehmen nämlich um einige andere Firmen und Immobilien, die allesamt aus vorher jüdischem Besitz stammten. "Arisierung" nannten die Nazis dieses von ihnen später legalisierte und vorangetriebene Verfahren der kaum kaschierten Enteignung von Juden. Schickedanz erwarb so neben der Geismann-Brauerei Fürth vor allem die Vereinigten Papierwerke Heroldsberg von den Gebrüdern Rosenfelder, den Erfindern des "Tempo"-Taschentuchs. Schöllgen schreibt: "Wohl hatten die Unternehmen und Immobilien, die Schickedanz zwischen 1933 und 1938 in seinen Besitz bringt, zuvor durchweg jüdische Eigentümer. Allerdings waren diese in der Regel schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der beginnenden Arisierung geschäftlich angeschlagen oder ruiniert. So gesehen werden sie durch den Verkauf ihres Besitzes an Schickedanz aus einer misslichen Situation befreit." Und weiter: "So gesehen hat Gustav Schickedanz in allen Fällen eine Chance genutzt und von den Umständen profitiert. In keinem Fall hat er sie ausgenutzt, um die unter Druck stehenden Verkäufer zu übervorteilen. Im Gegenteil." Dass er wenigstens einen ordentlichen Preis für die Unternehmen zahlte, verärgerte einige Nürnberger Nazis.
Nach dem Krieg wurde Schickedanz in einem langwierigen Entnazifizierungsverfahren schließlich als "Mitläufer" entlastet. Wohl kein zweiter Fall, so Schöllgen, sei derart intensiv geprüft worden. Das entlastende Urteil der Spruchkammer übernimmt er auch deshalb. Das sei zu leichtfertig, sagen Kritiker: Man müsse die Arbeit der "Entnazifizierer" im Kontext sehen - mehr und mehr sei die Rehabilitierung früherer NS-Funktionsträger ein Ziel dieser Verfahren gewesen, weil die junge Wirtschaftswunder-Bundesrepublik auch auf die alten Eliten angewiesen gewesen sei. Elite war Schickedanz ohne Zweifel: Wie er sein Versandhaus aufbaute, das erzählt Schöllgen mit vielen Zahlen und Details. Revolutionär sei die Einführung der weltweit neuen Logistik im Nürnberger Versandhaus gewesen. Damit gelang der Quelle ein beispielloses Wachstum. Der lange, erbitterte Konkurrenzkampf mit Josef Neckermann zieht sich durch das Buch. Schickedanz als Förderer vor allem seiner Heimatstadt Fürth, als sozial engagierter Patriarch eines Unternehmens, das Wert legte auf seine Mitarbeiter - aber auch als einer, der letztlich nicht loslassen, nicht aufhören konnte: Diesen Aspekt arbeitet Schöllgen gut heraus, der die private Seite der Familie sonst eher andeutet als ausbreitet. Nach dem Tod des Quelle-Gründers 1977 übernahm seine (zweite) Frau Grete, die er kennenlernte, als sie Lehrling im Unternehmen war, die Regie. Wie er starb auch sie mit 82 Jahren, 1994; beide wurden genauso alt wie die Quelle, deren Ende 2009 kam nach einer Serie von Management-Fehlern. "Mit einer nachgerade erstaunlichen Konsequenz" habe Madeleine Schickedanz "auf die falschen Leute gesetzt und deren Irrfahrten nicht erkannt", schreibt Schöllgen mit Blick vor allem auf das Missmanagement von Thomas Middelhoff am Ende seiner soliden, teils aber trockenen und mangels Quellenangaben schwer überprüfbaren Chronik.
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