Die wärmt dort auch noch, wenn es bei uns schon längst wieder kalt und grau ist. Deshalb kommen Kenner gerne im Herbst. Dann können sie den See in Ruhe und mit der besten Sicht des Jahres genießen. Klassiker am Gardasee sind die wunderschönen Städtchen Brenzone und Malcesine, beide am nordöstlichen Ufer zu Fuße des Monte Baldo gelegen. In Castelletto di Brenzone zum Beispiel wird jeden Dienstag im malerischen Hafen ein schöner Wochenmarkt abgehalten und Malcesine hat mit seiner Scaligerburg ein Wahrzeichen am See, das schon Goethe begeisterte. Von Malcesine aus führt eine Seilbahn auf den Monte Baldo, von dem man einen der schönsten Blicke auf den See hat.
Am wildromantischen Nordufer ist das Städtchen Riva ein bevorzugtes Ziel. "Gestern in Riva angelangt", schreibt Nietzsche an die "geliebte Schwester". Der meerartige See entfaltet hier um Riva und das nahe, hübsche Torbole seinen Reiz auf ganz besondere Weise. Denn die nahen Zweitausender der Alpen sorgen für eine besonders klare Luft, in der die unzähligen Nuancen des Wassers zwischen Türkis und Blau noch kontrastreicher als anderswo zu leuchten scheinen. Gerade im goldenen Herbst. Der taucht die Parks und Gärten voller Ahorn, Gingkos, Magnolien, Kamelien und unzähligen anderen Gewächsen in magische Glutfarben, in denen dunkle Pinien ihre schmalen Ausrufezeichen setzen.
Ein schöner Fußweg am Ufer entlang führt nach Riva del Garda. Wie in einem Fjord liegt das Städtchen mit seinen 15000 Einwohnern am verengten Nordufer im Windschatten des über 1500 Meter steil aufragenden Hausberges Monte Rocchetta.
Ausflugsboote und Fähren tuckern in den Hafen. Gleich neben den Anlegern führt eine steinerne Brücke zur Rocca. Die trutzige Wasserburg aus dem 12. Jahrhundert ist heute Museum. Doch neben den Exponaten von der Römerzeit bis zur Moderne ist die eigentliche Attraktion ganz klar der wundervolle Panoramablick auf Stadt und See aus den Fenstern des Kastells.
Spätestens beim Bummel durch Riva mit seinem charmanten Stil-Mix von Habsburger-Bauten und venezianischen Palästen erlebt man dieses südländische Flair, das den Gardasee seit je zum Sehnsuchtsziel nicht nur der Deutschen gemacht hat. Auch Goethe, Rilke, Kafka und die Mann-Brüder fanden es hier so bezaubernd schön wie inspirierend. Weshalb auch dem Briten D. H. Lawrence ("Lady Chatterley") die morbide Eleganz von Riva gleich als Kulisse für einen ganzen Roman diente.
Gerade so wirkt auch noch heute die Piazza III Novembre nahe des Hafens. Eingerahmt von Bogengängen, in denen Cafés zum süßen Nichtstun einladen, setzt sie ein unübersehbares Zeichen mit dem dreißig Meter hohen Torre Apponale. Der einstige Burgfried der Festung Riva zeigt jetzt als Uhrturm die Zeit. In den verwinkelten Gassen ringsum finden sich unzählige Restaurants und Bars, Pizza-Futterstellen für schnellen Touristenhunger vor allem, aber auch echte kulinarische Geheimtipps. Wie das "Al Volt", dessen Wirtin ihre sorgfältig angerichteten Köstlichkeiten (Hechtsoufflé, butterzarte Rinderbacke in Barolo) in einem Wohlfühl-Ambiente serviert, in dem selbst die weißgestärkten Servietten noch Schleifen tragen. Oder das versteckt liegende "Vaticano", wo "la Mamma" samt Sohn so bodenständige wie leckere Speisen auftischen. Ringsum tafeln fast nur Einheimische - immer eine Empfehlung!
Überhaupt ist gerade im Herbst am Gardasee Schlemmerzeit angesagt - mit Weintrauben und Oliven, Maroni und Pilzen satt. Jetzt kann man bei angenehmen Temperaturen durch die Weinberge wandern, unterwegs beim Winzer einkehren und bei einem guten Tropfen aus der Gegend den Blick auf den See genießen.
Schon seit mehr als hundert Jahren wird in Riva, aber auch in Arco und Torbole ein besonders gastfreundlicher Brauch gepflegt: Auf den Märkten dort kann jedermann kostenlos vom ersten Most und von den reifen Trauben probieren.
Ein paar Euro freilich kosten die heiß gerösteten und heiß geliebten Maroni. Frisch aus dem Tütchen, die Hitze mit einem Schluck jungen Weines gedämpft - köstlich! Wobei die welschen Maroni mit unseren Esskastanien nur bedingt zu tun haben. "Sie sind größer als Kastanien, lassen sich leichter schälen", klärt Bauer Roberto auf, der von seinen rund 250 Bäumen mehrere tausend Kilo erntet: "Und besser schmecken tun sie auch!" Was wir natürlich sofort testen müssen.
In kleinen Trattorien gehören zur Maronizeit Pasta oder Salat mit den nahrhaften Früchten zu den typischen Herbstgerichten. Ganz wie bei "Mamma" schmecken dann auch Steinpilz, Pfifferling oder Täubling gegrillt, im Risotto oder mit Nudeln.
Leibliche Genüsse, denen sich auch die Geistesgrößen unter den Gardasee-Besuchern wohl allzu gerne ergaben. Nietzsche inbegriffen.
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