Die Evolution hat den Menschen zu einer unersättlichen Naschkatze geformt. Deshalb muss der Geschmack des ersten Honigtropfens auf der für Süßes besonders empfänglichen Zungenspitze für unsere Vorfahren ein süßes Schlüsselerlebnis gewesen sein. Das war ein großer Schritt für den einzelnen Menschen, aber ein noch größerer für die Menschheit. Denn damit hat der Homo sapiens die Honigbiene für sich entdeckt, die er seither gnadenlos ausbeutet.
Wurden am Anfang nur Honig und Larven genutzt, so ist heute die Palette der Bienenprodukte riesengroß: Pollen, Wachs, Gelee royal, Kittharz und sogar das Bienengift gehören dazu. Selbst das "feine Näschen" der Stechimmen wird getestet, ob es sich zum Aufspüren von Sprengstoff und Rauschgift einsetzen lässt. Die wilde, freie Honigbiene ist längst zu einem abhängigen Nutztier abgestiegen, das ohne den Menschen gar nicht mehr überlebensfähig ist. Aus dem Wildtier Honigbiene wurde ein Haustier, das der Mensch nach seinen Vorstellungen züchtete.
Die heutige Zuchtbiene soll sammelfreudig, fruchtbar, krankheitsfest, schwarmträge, langlebig, flugtüchtig, wetter- und winterfest und obendrein noch sanftmütig sein. Die noch ihr Leben riskierenden Honigräuber von einst sind zu Imkern mit Schutzkleidung und Bienenforschern mit Forschungsetat aufgestiegen. Was diese Fachleute bisher über die Biologie der Biene Maja herausgefunden haben, ist faszinierend. In Bernstein eingeschlossene Honigbienen beweisen, dass diese staatenbildenden Insekten seit mindestens 35 Millionen Jahren auf der Erde existieren.
Bis zu 50000 Individuen leben in einem Bienenvolk auf Gedeih und Verderb zusammen. Wegen der starken Arbeitsteilung kann kein Individuum über längere Zeit alleine existieren. Obwohl die Bienen eines Volkes so stark aufeinander angewiesen sind, kennen sie sich untereinander nicht persönlich. Sie leben in einem anonymen Verband. Ausweis für die Mitgliedschaft ist der Gruppenduft. Die Zusammenarbeit von Königin, Arbeiterinnen und Drohnen in einem Bienenvolk ist ein Musterbeispiel, wie im Erbgut verankerte Verhaltensweisen das Leben von zigtausend Individuen koordinieren.
Obwohl sich Bienen über ein kompliziertes Kommunikationssystem verständigen, einen ebenso hochentwickelten Orientierungssinn besitzen, materialsparende Zellen in Perfektion bauen und über ein raffiniertes Klimaanlagensystem in ihrem Stock verfügen, sind sie nichts anderes als Marionetten ihres Erbgutes, das ihrem Verhalten enge Grenzen setzt. Wichtigste Erkenntnis für den Menschen ist aber sicher die Bedeutung der Honigbiene für die Bestäubung der Pflanzen.
Im Laufe von Jahrmillionen hat sich zwischen Insekten und Pflanzen eine enge und für beide Seiten vorteilhafte Beziehung entwickelt. Pflanzen vertrauen ihren Blütenstaub nicht mehr dem Wind an, sondern lassen ihn durch Tiere befördern. Diese Transportarbeit wurde aber nur gegen Belohnung übernommen. Die "Bezahlung" erfolgte in Nektar und Pollen. Honigbienen haben sich als besonders zuverlässige Pollentransporteure erwiesen, da sie extrem blütenstet sind. Hat eine Biene einmal eine Pflanzenart angeflogen, bleibt sie dieser treu, bis dort nichts mehr zu holen ist.
Diese Treue ist für die Pflanzen von großer Wichtigkeit, denn ohne Übertragung der Pollenkörner, in denen die männlichen Geschlechtszellen verpackt sind, könnten viele Pflanzen weder Samen noch Früchte hervorbringen, es sei denn, sie griffen auf die Notmaßnahme der Selbstbefruchtung zurück. Wegen der großen Bedeutung der Insekten für die Pflanzen haben diese raffinierte Tricks entwickelt, um ihren Helfern zu zeigen, "wo es lang geht". Neben Duftstoffen entstanden auch regelrechte Schauapparate, die der Anlockung von Insekten dienen. Letztere sind unter dem Namen Blüten bekannt. Dank der Beziehung zwischen Pflanzen und Tieren wurde die ehedem blütenlose Welt farbig und erfüllt von verführerischen Düften.
Unzählige Untersuchungen belegen die großartige Bestäubungsleistung der Honigbiene für unsere Nutzpflanzen. Dabei hat die Fremdbestäubung durch die Insekten nicht nur eine quantitative Auswirkung auf den Ernteertrag, sondern auch auf die Qualität der Produkte. Deshalb ist der Bestäubungsdienst der Honigbiene längst ein Wirtschaftsfaktor, dessen Wegfall allein in der Landwirtschaft weltweit Verluste von vielen Milliarden Euro zur Folge hätte. Nach Rind und Schwein ist die Honigbiene heute das drittwichtigste Nutztier in Deutschland. Dass immer wieder Bienenvölker massenhaft sterben, erfüllt Fachleute mit großer Sorge.
Zwar sind die Ursachen noch nicht genau erforscht, doch außer Frage steht: Sie ist menschengemacht. Die Evolution hat in Millionen von Jahren eine robuste, wilde Honigbiene geschaffen. Daraus haben die Imker eine Hochleistungsbiene gezüchtet, die naturgemäß alle Empfindlichkeiten und Anfälligkeiten von Hochleistungssystemen zeigen muss. Hinzu kommt: Die Bienenforscher schleppten mit ihren Forschungen an einer asiatischen Biene in den Siebziger Jahren die bei uns bis dahin unbekannte Varroamilbe ein, die sich vom Blut der Bienen ernährt.
Für das weitere Szenario gehört nicht viel Fantasie: Der muntere Ektoparasit traf eine anfällige, nicht abwehrbereite Honigbiene. Wie bei saugenden Parasiten häufig, spritzt der bei seinen Saufgelagen noch diverse Krankheitserreger in den geschwächten Bienenleib. Im Jahr 2003 vernichtete die Milbe rund ein Drittel der deutschen Bienenvölker, 2006 und 2008 waren die Verluste ähnlich. Hinzu kam ein weiterer asiatischer Parasit, der ebenfalls die Völker bedroht. Bienen, denen der Appetit noch nicht ganz vergangen ist, machen sich mit sprichwörtlichem Fleiß auf die Suche nach Nektarbar und Pollenbüffet im Blütenreich. Aber gerade dann, wenn ihr Nahrungsbedarf besonders hoch ist, kommt es immer häufiger zu einem Versorgungsengpass.
Die moderne Landwirtschaft hat die Landschaften so radikal ausgeräumt, dass es kaum noch Platz für Wildblumen gibt. Veränderte Mähzyklen auf Wiesen lassen Blumen erst gar nicht zum Blühen kommen. Die ersten Suchbienen müssen mit leerem Honigmagen notlanden und strecken alsbald für immer alle Sechse von sich. Ein paar schaffen es mit letzter Kraft, einen Kartoffelacker anzufliegen, um dort den Honigtau von Blattläusen zu tanken. Leider ist der Honigtau mit Insektiziden kontaminiert. Auch auf den letzten Blüten, die doch noch aufzutreiben sind, liegt hochgiftiger Staub, der vom gebeizten Saatgut des Nachbarackers herübergeweht wurde.
Die karge und vergiftete Ernte wird im Bienenstock ganz nach Bienenart fein säuberlich verteilt, was zu einer weiteren Schwächung des Volkes führt. Bei einem ordentlichen Winter kann dann die Thermoregulation nicht mehr aufrechterhalten werden, was das endgültige Aus bedeutet. Die wahren Folgen für das pflanzliche Leben auf unserer Erde, die sekundären Auswirkungen auf tierische Organismen, und damit auch auf den Menschen in einer Welt ohne Honigbienen, dürften sich jeder Berechnung entziehen. Ohne fleißige Bestäuber wird es zunehmend schwieriger, ein Land zu finden, in dem tatsächlich noch Milch und Honig fließen.
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