Krankheiten können durch Mittel bekämpft werden, die bei Gesunden dieselben Symptome auslösen. Problematisch ist aber: Die Beobachtung, dass Chinarinde die Symptome von Malaria auslöst, wurde nie wieder gemacht. Den Malariaerreger muss er sich woanders eingefangen haben.
Trotz des Geburtsfehlers entwickelte sich aus der Homöopathie eine wichtige Medizinrichtung - auch, weil die Schulmedizin die Menschen über Jahrhunderte eher quälte denn heilte. Millionen Menschen in Europa, Indien oder Amerika schwören heute auf die Heilkraft winziger Kügelchen, ohne sich zuvor eingehend mit den Prinzipien der Homöopathie beschäftigt und sie hinterfragt zu haben.
Was bei der Homöopathie durchaus wirken kann - und das wird auch nicht bestritten - ist der Placeboeffekt: Glaubt man an die Wirkung des eingenommenen Mittels, können Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert werden und eine Genesung eintreten. Doch meist wird Mensch und Tier bei kleineren Leiden eh irgendwann gesund - hat man zuvor ein Globulikügelchen geschluckt, glauben viele, dass es das Kügelchen war, das geholfen hat. Ebenso könnte man zum Beispiel bei kleinen Kindern ein Leiden einfach wegpusten (was oft sofort Besserung bringt) oder statt gekaufter Kugeln mit aufwändig verdünntem "Wirkstoff" bunte Zuckerkügelchen für die Tortendekoration schlucken - wenn man deren Herkunft nicht kennt.
Besonders viele Anhänger der Homöopathie finden sich übrigens laut Statistik unter gut verdienenden Frauen zwischen 30 und 44 Jahren, vor allem in Bayern. Daher zahlen auch einige Kassen die Globuli und Tinkturen, um an diese gesundheitsbewussten, reichen Kunden zu kommen. Immer mehr Ärzte bieten zudem eine homöopathische Behandlung an, um an diesem Millionengeschäft mitzuverdienen. Ihnen wirft der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vor, nur aus Marketinggründen homöopathische Methoden anzuwenden, obwohl sie selbst nicht daran glaubten: "Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen". Doch die Lobbyarbeit der Homöopathen ist ähnlich gut organisiert wie die der Pharmakonzerne.
Die Theorie von Hahnemann lässt sich kaum begründen: Wenn im Körper zwei Krankheiten mit denselben Symptomen, aber unterschiedlichen Ursachen auftreten, dann heben sie sich auf. Doppelt krank ist also angeblich gesund. Die moderne Medizin kann diesen Effekt nicht nachweisen. Im Gegenteil: Symptome werden in der Regel verstärkt, wenn sie durch mehrere Ursachen ausgelöst werden. Deshalb sollten etwa Asthmatiker nicht rauchen.
Auch das andere Prinzip Hahnemanns, dass Mittel umso stärker wirken, je stärker sie geschüttelt und verdünnt sind, ist mit der modernen Wissenschaft nicht vereinbar. So lässt sich leicht errechnen, dass sich schon nach wenigen Verdünnungsschritten kein Wirkstoffmolekül mehr im Fläschchen befindet. Die Homöopathen setzen allen Ernstes Mittel ein, in denen zum Beispiel bei der Verdünnungsstufe D23 (1:100 Trilliarden) ein Wirkstofftropfen auf die Wassermenge des gesamten Mittelmeeres kommt. Verdünnt wird aber bis zu Stufe D1000! Wissenschaftler verballhornen die Vorstellung gern mit der Idee eines homöopathischen Kaffees, also eines Getränks, in dem kein Molekül Koffein vorhanden ist, das aber unendlich stark sein soll.
"Die Prinzipien der Homöopathie sind völlig unplausibel", sagt Edzard Ernst, der im englischen Exeter eine Professur für Komplementärmedizin innehat. Ernst, der in München an einem Krankenhaus für Naturheilkunde arbeitete, stand der Homöopathie ursprünglich positiv gegenüber. Dann wandte er sich der wissenschaftlichen Erforschung der Alternativmedizin zu - und wurde enttäuscht.
Der Lackmustest für jede medizinische Intervention ist heute die klinische Studie, insbesondere die Doppelblindstudie. Dabei werden Patienten in zwei Gruppen geteilt. Die eine Gruppe erhält den zu untersuchenden Wirkstoff, die andere eine Zuckerpille ohne Wirkstoff. Keiner weiß, wer in welcher Gruppe ist. Am Ende wird untersucht: Wem geht es besser, wem nicht? Danach wird aufgelöst, wer den Wirkstoff erhielt und wer nur die Scheintherapie. Ernst: "In den letzten zehn Jahren haben sich immer mehr Studien angehäuft, die keinen Effekt der Homöopathie haben nachweisen können." Wer den Beweis erbrächte, dem wäre mehr Ehre als nur der Nobelpreis sicher, meinen Experten.
Stefan Willich von der Berliner Charité sieht das anders. An seinem Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie gibt es einen Lehrstuhl zur Erforschung der Komplementärmedizin. Gestiftet wurde er von der Carstens-Stiftung, die die Homöopathin und Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Carl Carstens ins Leben gerufen hatte. "Die Studien fallen ganz unterschiedlich aus, da gibt es kein einheitliches Bild", sagt Willich. Bei einzelnen Indikationen sei die Homöopathie der Schulmedizin durchaus ebenbürtig, vor allem bei Kindern, die unter Durchfall oder Neurodermitis leiden. Doch Metastudien sagen anderes, sie sind in den letzten zehn Jahren ohne Ausnahme negativ ausgefallen.
Je hochwertiger und unabhängiger die Studien sind, desto schwerer fällt es, irgendeinen Effekt der Homöopathie nachzuweisen. Den Höhepunkt markiert eine Studie von Aijin Shang der Universität Bern vom August 2005, die in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlicht wurde. Danach hat die Homöopathie denselben Effekt wie eine Scheintherapie. Das Magazin rief daraufhin das Ende der Homöopathie aus. Dem folgte ein Komitee des britischen Parlaments. Es schreibt, Homöopathie sei nutzlos, unplausibel und ethisch fragwürdig. Daher wird in Großbritannien massiv gefordert, die Homöopathie nicht mehr vom National Health Service zu bezahlen.
Das Ende verläuft zäh. "Ich sehe die Homöopathie nicht als widerlegt. Bei einigen Indikationen gibt es durchaus Effekte, die wir nicht erklären können", sagt Willich. Klar sei nur, dass schwere Erkrankungen nicht nur homöopathisch behandelt werden dürfen. "Das wäre ein Kunstfehler." Bei leichteren Erkrankungen habe die Homöopathie aber den Vorteil, dass sie keine Nebenwirkungen hat, solange die Globuli nicht mit unreinen Zusatzsubstanzen versetzt sind. Viele Mediziner dürfte das an den Leitsatz der Pharmakologie erinnern: "Ein Mittel, das keine Nebenwirkungen hat, steht unter dem dringenden Verdacht, auch keine Hauptwirkung zu haben."
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