Frank Kasper aus Nürnberg hat eine besondere Liebhaberei: Er spricht Ido. Das ist eine Sprache, die der Kunstsprache Esperanto entlehnt ist. Die hätte das Zeug zur Weltsprache gehabt, doch Englisch hat sich durchgesetzt. Und so beherrschen in Deutschland nur rund einhundert Menschen das Ido-Idiom. Dabei ist die Sprache simpel und schnell zu lernen.
Schon der Linguist und Schriftsteller Tolkien gab seinen Elfen im Herr der Ringe eine eigene Ausdrucksweise. Dem Ido nicht unähnlich ist auch die Sprache der Klingonen in den Raumschiff-Enterprise-Filmen und das Na’vi im Blockbuster Avatar.
Durch den Hype um diese Kinofilme und die großen Fangemeinden im Internet versuchen sich vermutlich mehr Interessenten in einer der so genannten Plansprachen, deren Grammatik und Vokabular quasi am Reißbrett entstanden sind.
Ein Schnitzel bestellt man in Ido mit dem Wort „Schnitzelo”, denn ein Hauptwort ist immer durch ein angehängtes „o” charakterisiert. Der Wortstamm kommt aus einer der sechs großen europäischen Sprachen, darunter Französisch, Spanisch, Englisch und Deutsch. Der Wortstamm wird übernommen: Sport wird zu sporto, Problem zu problemo und Vater zu patro.
Die Grammatik ist simpel und kann in einem Tag zumindest durchgearbeitet werden. Unregelmäßige Verben sind unbekannt. Das Bilden von Plural, Vergangenheits- und Zukunftsformen ist klar geregelt. Der Linguist Detlev Blanke meint, dass für den Spracherwerb von Ido nur ein Achtel der Zeit aufzuwenden sei wie für Englisch oder Französisch.
Esperanto und Ido lagen um 1900 im Trend. „Damals haben Wissenschaftler aus aller Welt die Chemie und Physik vereinheitlicht”, erklärt der Potsdamer Ido-Forscher Groth. Beispielsweise indem sie einheitliche Maßeinheiten einführten. Ähnliches versuchte man auch mit der Sprache. Europa war ein sprachlicher Flickenteppich, das Englische noch nicht dominant.
Die 1887 vorgestellte Kunstsprache Esperanto sollte eine Art Weltsprache werden. „Doch nicht jeder erste Entwurf ist der beste”, sagt Groth. Zwanzig Jahre später folgte das Reformprojekt Ido, das einige Mängel des Esperanto ausbesserte. Beispielsweise verzichtet Ido auf jegliche Sonderzeichen, die sich im Esperanto häufen, da es stark auf slawische Sprachen zurückgriff. Doch die Esperantisten verwarfen den Vorschlag.
Seither schwelt zwischen beiden Lagern ein Glaubenskrieg, welche Sprache die bessere sei. Esperanto hat als einzige Kunstsprache mit geschätzten 100000 bis eine Million Sprechern Bedeutung und Bekanntheit erlangt. Die Idisten sehen trotzdem ihre Sprache im Aufwärtstrend.
In den 1990er Jahren wäre Ido fast ausgestorben. Mangels Interesse und Nachwuchs. Mit dem Internet kam die Rettung: Über soziale Netzwerke bleiben die Idisten länderübergreifend in Kontakt, über die Internet-Telefonsoftware Skype treffen sie sich zum virtuellen Stammtisch und über Mailing-Listen entwickeln sie ihre Sprache weiter.
Dabei sammeln sie Argumente, die ihre Ambitionen zur Weltsprache wieder aufleben lassen. Der Vorsitzende der deutschen Ido-Gesellschaft, Frank Kasper, meint, dass Europa eine neutrale Zweitsprache als Ergänzung zur Muttersprache brauche. Mit „neutral” meint er dabei, dass kein Land wie derzeit etwa Großbritannien oder die USA einen Heimvorteil haben sollten. Jeder soll lernen und beim Erwerb der Zweitsprache gleiche Voraussetzungen haben.
Eine verbindliche Zweitsprache könne womöglich auch das babylonische Sprachgewirr in der Europäischen Union mit derzeit über 20 Amtssprachen bändigen helfen. Doch Kasper und die anderen 19 Idisten in Tübingen wissen, dass sie damit ihr Ziel recht weit gesteckt haben. Vielleicht könnte doch eine der Filmsprachen der Außerirdischen das Rennen machen.
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