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Komm doch mit ins Offene

In Erlangens Zentrum können Radler und Spaziergänger vom Schlossgarten bis zum Burgberg auf roten Wegen jede Menge Grün entdecken - 28.08.10

Vor 35 Jahren haben weitsichtige Stadtväter Erlangens Grün zu einer Parklandschaft mitten im Zentrum verbunden. Mit Alt-OB Dietmar Hahlweg wurde der Stand der Dinge erkundet.


Manchmal hilft der Griff nach den Sternen, wie Heinrich Kirchners "Prometheus" im Skulpturenpark am Burgberg zeigt. Der kühne Plan von Alt-OB Dietmar Hahlweg aus den 80er Jahren ist aufgegangen. Alle
Manchmal hilft der Griff nach den Sternen, wie Heinrich Kirchners "Prometheus" im Skulpturenpark am Burgberg zeigt. Der kühne Plan von Alt-OB Dietmar Hahlweg aus den 80er Jahren ist aufgegangen. Alle
Foto: Bernd Böhner

Für den Garten Eden braucht niemand einen Passierschein. Im Gegenteil: "Komm! Ins Offene, Freund!" ruft Heinrich Kirchners "Wächter" am Eingang zum Erlanger Burgberggarten gastfreundlich und liebenswürdig jedem Besucher zu. Die Pforten Edens sind mit dem Fahrrad zu erreichen. Seit der Ära Hahlweg sitzen die Erlanger, zum Schrecken der Schlendriane von Auswärts, auf zwei Rädern und selbstverständlich radelt auch der Alt-OB zur Verabredung im Freien.

Anlass zum Treffen: Es ist jetzt 35 Jahre her, seit die Stadt unter Dietmar Hahlweg gegen einige Widerstände Wurzeln setzte für eine Parklandschaft im Zentrum, die den Schlossgarten mit den Höhenkämmen der Burgberggärten verknüpft. Mit dem wichtigsten Initiator als Cicerone durch den schmucken Grüngürtel wird der gegenwärtige Stand der Dinge erkundet. "Auf roten Wegen das Grün entdecken", warb Erlangen zu Beginn der 70er Jahre für mehr Bäume und Sträucher - und für große Kunst.

Einmaliger Höhepunkt des Park-Parcours ist der Skulpturengarten mit 17 großen Figuren des Erlanger Bildhauers Heinrich Kirchner. Am Burgberg steht die Kunst ganz im Einklang mit der Natur und keiner, der den "Mann im Boot" passiert hat, der am "Bild des Hoffens" vorbeispaziert ist, hin zu "Prometheus" und dem gütigen "Abraham", wird unberührt dieses Areal in der Steillage des ehemaligen Fleischmannschen und des Thaler-Gartens wieder verlassen. Zumal das feine Lächeln der "Sitzenden" am Seerosen-Bassin aufs Schönste ermuntert, bald wiederzukommen.

Dietmar Hahlweg hat als junger Oberbürgermeister 1982 zusammen mit dem 1902 in Erlangen geborenen Künstler den Heinrich-Kirchner-Skulpturengarten als Hommage an den Bildhauer eröffnet. Unter alten Bäumen und auf Streuobstwiesen ist die Erinnerung großartig bewahrt. Es war Liebe im Spiel, als das Außergewöhnliche entstand. Der Grundstücksbesitzer, der Erlanger Landwirt Robert Fleischmann, folgte dem Ruf seines Herzens ins Ötztal und verkaufte sein hiesiges Berg-Anwesen an die Stadt.

Zusammen mit dem von Peter von Siemens vermittelten Thaler-Garten, den Erlangen 60 Jahre lang kostenlos nutzen darf, ergab sich ein traumhaftes Gelände zum Flanieren unter Buchen und Eichen, Linden und Akazien. Nebenan, in Richtung Musikinstitut, tut der Alt-OB einen Blick in die historische Grüntradition. Im späten 18. Jahrhundert gewährte der kaiserliche Reichspostmeister Ruprecht Wels den Erlangern einmal pro Woche Zutritt zu seinem privaten Pflanzenreichtum im "Welsgarten" mit seinen Silberpappeln und Maulbeerbäumen, Birken, Lärchen, Weiden und Kastanien. Im nahen Eichenwald geht es noch einmal 100 Jahre tiefer in die Vergangenheit.

Neubürger verewigten sich um 1640 in diesem Patenwald mit drei Baumpflanzungen als Dank für das Bürgerrecht. Gut behütet von diesen mächtigen grünen Kronen befindet man sich im Nu an einem Lieblingsplatz der Unistadt-Einwohner: im "Riechgarten". Der Duft von Lavendel und Minze, Melisse und Pfeffer liegt in der Luft im "Aromagarten" an der Palmsanlage. Zupfen und Pflücken sind ausdrücklich erlaubt, ja sogar empfohlen! Bevor das würzige Wunderland entstand, zogen die Köche des Bezirkskrankenhauses hier Gemüse. Schöner Luxusgedanke, dass jetzt nichts mehr "gebraucht", dafür aber genossen werden darf.

Hinter dem Schloss weitet sich Erlangens grüner Salon, offen für Ballgäste zum Schlossgartenfest, für Literaturfreunde während des Poetenfestes und zwischendurch für die Phantasie-Performance - noch - namenloser Künstlerinnen, links. Im Aromagarten an der Palmsanlage, rechts, darf jeder ungeniert naschen.
Hinter dem Schloss weitet sich Erlangens grüner Salon, offen für Ballgäste zum Schlossgartenfest, für Literaturfreunde während des Poetenfestes und zwischendurch für die Phantasie-Performance - noch - namenloser Künstlerinnen, links. Im Aromagarten an der Palmsanlage, rechts, darf jeder ungeniert naschen.

Um die nächste Öse im preziösen Grüngürtel anzusteuern, nehmen die Räder Kurs auf den Schwabachgrund, zur Bleiche. Wo einst die Kattundrucker ihre Stoffe in den Fluss tauchten, gab es in den 70er Jahren durchaus nützliche Meinungsunterschiede um Nutzung und Anlage der Fläche. Ingenieure planten eine kühne Betonüberspannung dieser Flussminiatur. Gottlob setzten sich die Vertreter einer naturnahen Version der Schwabachquerung durch: Holzbrücken wurden gesetzt. Und wo sich die Ställe für die Versuchstiere der Forschungslabors ausbreiten sollten, kam nach einem Grundstückstausch mit der Universität später ein zauberhafter Wasserspielplatz zustande.

Nordwärts bewegen sich die Räder zum Botanischen Garten. "Einer der kleinsten Deutschlands, aber gärtnerisch bis in die feinsten Details gelungen", schwärmte Loki Schmidt über die 1826 vom Botanik-Professor Johann Christian Daniel Schreber initiierte Pflanzen-Enklave. 5000 Arten sind hier heimisch geworden. Päonien, Lilien und Azaleen entfalten ihre Pracht rund um die Stille eines intimen Japangärtleins. Zum Schmunzeln animiert die Kuriosität der Neischl-Grotte. 1907 schenkte Major Adalbert Neischl die Tropfsteinhöhlen-Imitation mit der Nachbildung von Frankenalbschichten der Bevölkerung. Wer im Botanischen Garten Steine prüfen will, muss die Öffnungszeiten genau studieren.

Militärisch streng, ganz im Sinne des Stifters, darf "jeden Sonntag von 14 bis 16 Uhr, aber nur von April bis Mitte September" besichtigt werden. Im Arzneigarten erwartet Luise Rückert die Besucher. Schützend hält die bäuerliche Holzfigur (mit eingebautem Bienenstock) ihre Kinder Ernst und Luise umfasst, die in Erlangen gestorben und auf dem Neustädter Friedhof begraben liegen. Mit 428 Gedichten leistete der Orientalist Friedrich Rückert Trauerarbeit um seine toten Kleinen. Der Komponist Gustav Mahler hat die "Kindertotenlieder" später vertont. "Bei uns wird vieles kleiner und fasslicher umschrieben", führt Alt-OB Dietmar Hahlweg ein in den Schloss-"Garten", nicht etwa in den Schloss-"Park".

Dieser grüne Salon, freudig ganzjährig genutzt, geht auf die junge Frau des Markgrafen Christian Ernst zurück. Nach langem Drängen der 30 Jahre jüngeren Gefährtin Elisabeth Sophie willigte der Brandenburg-Bayreuther Markgraf in einen französischen Barockgarten ein, der hinter dem 1704 fertig gestellten Schloss zu Ehren kam. Gut 140 Jahre später regte wiederum der Botaniker Schreber an, die barocken Rabatten in einen englischen Landschaftspark übergehen zu lassen. Platanen, Blutbuchen, Eiben und Linden wurden gepflanzt und dabei die Sichtachse zwischen dem Hugenottenbrunnen und dem Reiterstandbild Christian Ernsts, beide von Elias Räntz, gewahrt.

Seit 1818 besitzt die Universität den Schlossgarten; die Stadt übernahm die Pflege. Erlangens Gartenzimmer hat im Sommer täglich von sechs bis 21 Uhr geöffnet, im Winter sperrt der Schließdienst bei Einbruch der Dunkelheit die Türen zu. Früher läutete ein extra angestellter Wächter, im surrenden Rollstuhl auf Tour, die Messingglocke, um Bummelanten vor einer Nacht im Freien zu bewahren. Täglich. Nur beim Schlossgartenfest am letzten Wochenende im Juni und beim Poetenfest am letzten Wochenende im August herrscht unter grünen Riesen der Ausnahmezustand. 





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