Man nagelte ihn sogar mit ausgebreiteten Flügeln an die Scheunentore. Denn wenigstens im Tod sollte er ein bisschen hilfreich sein und vor Feuer und Unwettern schützen. Außerdem, so hofften die Bauern, würde das Schicksal ihres Raubvogel-Genossen vor Augen, es die gierigen Habichte abhalten, sich über Hühner und Enten herzumachen.
Alle Nachstellungen haben es indes nicht geschafft. Tyto alba, so heißt die Eule in der Sprache der Zoologen, ernsthaft zu gefährden. Dass die Bestände des nächtlichen Jägers langsam zurückgehen, liegt aber dennoch an uns Menschen. Die modernen Scheunen sind gut abgedichtet, haben keine Einfluglöcher mehr und auch keine lauschigen Ecken hinter Balken, in denen Schleiereulen ihr Nest errichten können. Und auch Kirchtürme taugen als Brutdomizil kaum mehr. Eine Untersuchung in Baden-Württemberg etwa hat ergeben, dass in den letzten 50 Jahren 72 Prozent aller Kirchen so umgebaut wurden, dass für Eulen und ihren Nachwuchs kein Platz mehr ist.
Zudem führt der zunehmende Maisanbau dazu, dass für den Jäger die Beute knapper wird. Denn die Eule liebt Mäuse. Dafür hat der Vogel eine absolut perfekte Jagdmethode entwickelt — und die passenden Sinne dazu. Die Kleinsäuger werden sowohl mit Ohren und Augen geortet. Dazu dient auch der typische herzförmige Schleier im Gesicht, der der Eule den Namen gegeben hat. Er wirkt wie ein Schalltrichter und leitet jedes noch so winzige Geräusch zu den Ohren. Gleichzeitig blendet der „Trichter“ alle Nebengeräusche außerhalb des Gesichtsfeldes aus. Ein dichter weißer Flaum auf der Oberseite der Flügel und gezähnte Federn am Rand der Schwinge verhindern jegliches Fluggeräusch.
Im Tiefflug gleitet die Schleiereule auf regelmäßigen Routen an Hecken entlang oder sie folgt Gräben. Entdeckt sie ein Opfer, lässt sie sich wie ein Stein fallen und packt ihre Beute. Ein Entkommen ist dann völlig unmöglich.
Eine erfolgreiche Jagd ist aber auch besonders zur Zeit der Aufzucht der Jungen notwendig. Denn Schleiereulen sind fruchtbar. Zwischen drei und zwölf Eier legt ein Weibchen im Frühjahr. Und sind die Mäuse draußen am Feld Legion, kann sich sogar noch eine zweite Brut im späten Sommer anschließen.
Dass Schleiereulen trotz der zunehmend widrigen Lebensumstände nicht als gefährdet gelten, ist dieser Fruchtbarkeit zu danken. Und der Tatsache, dass es die Vögel mit dem Begriff „Treue“ nicht so genau nehmen. Denn wenn es auch Fälle gibt, in denen sich ein Eulenpärchen ein Leben lang die Treue hält (und so ein Schleiereulenleben kann immerhin 22 Jahren dauern) — die Regel ist dies nicht.
Da paaren sich Männchen mit gleich mehreren Weibchen, obwohl ihre Partnerin gerade auf dem Gelege sitzt. Da lassen sich Weibchen mit mehreren Männern ein. Kunterbuntes Sexleben. So ist sie halt, die Natur.
Das wunderschöne Foto der drei jungen Schleiereulen von Günter und Herbert Bachmeier entstand übrigens in der Nähe von Möhrendorf. Nächtelang saßen die Fotografen im Juni vor dem Eulenloch und warteten auf ihr Motiv. Gegen Mitternacht zeigten sich schließlich die drei Vögel. Die Aufnahme wurde bereits prämiert. Sie war das Siegerbild des Europäischen Fotowettbewerbs von Euronatur.
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