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Pssst!

Menschen machen Lärm und sehnen sich nach Stille - 14.05. 14:15 Uhr

Lärm ist das Geräusch der anderen", sagte Kurt Tucholsky. Wer will ihm da widersprechen? Die anderen sind Krachmacher. Du selbst bist es nie. Doch andere gibt es viele, ob es nun Nachbarn sind oder Kollegen, Kinder oder Möchtegern-Rennfahrer, Frösche, Gockel oder Mücken. Wer nach der schlimmsten Form von Lärm gefragt wird, hat wie aus der Pistole geschossen eine Antwort parat.

Die Welt ist viel zu laut für diesen Knirps, der sich die Ohren zuhält.
Die Welt ist viel zu laut für diesen Knirps, der sich die Ohren zuhält.
Foto: dpa

Und dabei spielt die Lautstärke gar keine große Rolle: Straßenverkehr wird am häufigsten genannt. Aber auch Kreissäge, Sexgestöhne, Doris-Day-Gedudel. Fingernägel, die über eine Tafel kratzen. Das Ticken der Uhr nachts um eins. Quietschende Züge. Dudelsäcke. Heavy-Metal-Gedröhne. Klaviergeklimper. Das Starten einer Harley Davidson. Laubsauger. Kirchenglocken...

Lärm ist das, was uns auf den Wecker geht. Es sind Geräusche, die vermeidbar wären, behaupten diejenigen, die sich belästigt fühlen. Die Psyche entscheidet,  ob Menschen ein Geräusch als Lärm einstufen oder sich daran ergötzen. "Lärm ist Schall, der jemanden stört, belastet, ängstigt, beunruhigt, ablenkt, aufregt oder nervös macht", schreibt Autorin Sieglinde Geisel in ihrem vergnüglich zu lesenden Buch "Nur im Weltall ist es wirklich still". Für unsere Ohren kann eine Fliege mit einem Schallpegel von nur zehn Dezibel einen gigantischen Radau machen, wenn uns ihr Summen beim Mittagsschläfchen stört.


Doch schaden kann uns dies nicht. Laut Professor Ulrich Hoppe, Leiter der Audiologie an der HNO-Klinik des Uni-Klinikums Erlangen, ist ein Schallpegel von bis zu 80 Dezibel, der acht Stunden pro Tag auf die Ohren trifft, gerade noch tolerabel. Dies ist in etwa die Lautstärke, der der Fahrer eines Lastwagens ausgesetzt ist. Alles, was darüber liegt, also auch das Getöse der afrikanischen Zikade, die mit 106 Dezibel zirpt, ist schädlich für unser Innenohr.  Darin befinden sich Haarzellen mit kleinen Härchen, die sich in einer Flüssigkeit wie Meergras am Grunde des Ozeans hin und her wiegen. Durch Lärm werden sie abgeknickt. Da der Mensch einige Tausend besitzt, merkt er noch nicht, wenn wenige kaputt gehen. Doch sind einige Hundert defekt, fehlen plötzlich bestimmte Frequenzen. Hintergrundgeräusche werden lauter wahrgenommen,  beispielsweise im Bahnhof oder im Café. Bei 120 Dezibel, was in etwa dem Getöse eines startenden Flugzeugs entspricht,  liegt die Schmerzgrenze.

"Ab einem Alter von 40 Jahren ist es ganz normal, dass man die hohen Frequenzen nicht mehr so gut hören kann. Auch bei Naturvölkern, die keinen Großstadtgeräuschen ausgesetzt sind, ist das so", sagt Hoppe. In manchen U-Bahnhöfen, beispielsweise am Weißen Turm in Nürnberg werde dieses Wissen genutzt. So würden unangenehme Töne mit sehr hohen Frequenzen eingespielt, um herumlungernde Jugendliche zu vertreiben. Ältere Menschen nehmen diese Störgeräusche gar nicht wahr. Sind die kleinen Härchen unserer Hörzellen erstmal geknickt, lässt sich dies kaum beheben. Manchmal lindert ein Medikament, das  die Durchblutung fördert oder eine Entzündung hemmt, die Beschwerden. Oft hilft nur ein Hörgerät. "

Aber das ist immer eine Krücke, weil es die Sinneszellen nicht repariert, sondern lediglich bestimmte Frequenzen anhebt", sagt Hoppe. Ein Segen seien mittlerweile Implantate, die ins Innenohr eingesetzt werden und die Funktion der Haarzellen übernehmen. Der Audiologe rechnet damit, dass etliche Jugendliche, die sich heute täglich von ihrem MP3-Player mit mehr als 90 Dezibel bedröhnen lassen, in ein paar Jahren schwerhörig sein werden.  Eine Untersuchung der Uni Erlangen an Medizinstudenten zeigte, dass diejenigen, die mehrmals im Monat in der Disco bei einer Beschallung von 110 bis 120 Dezibel feierten, deutlich schlechter hörten als ihre Kommilitonen. Doch Kinder und Jugendliche ahnen gar nicht, wie nahe sie der Gehörlosigkeit sind. Besonders gefährlich, sagt Hoppe, sei ein Spielzeug - der sogenannte Knackfrosch aus Metall -  der direkt am Ohr einen Schallpegel von 140 Dezibel entfaltet.

"Manche Kinder finden es lustig, die Frösche so lange an ihren Ohren knacken zu lassen, bis es in ihren Ohren pfeift", berichtet der Mediziner. Ob das nun Lärm ist? Kinder würden den Kopf schütteln. Und was bedeutet Lärm für Ozzy Osbourne, den Ex-Sänger der Rockband Black Sabbath? Oder für Pete Townshend, Gitarrist von  The Who? Würden die beiden, die durch ihre eigene Rockmusik nahezu taub geworden sind, von Krach als Ursache sprechen? Sicher ist: Es gibt objektiven Lärm, dessen Schallpegel per Dezibel gemessen wird. Erhöht man die Schallenergie nur um zehn Dezibel, so empfindet der Mensch dies als doppelt so laut. Und es gibt subjektiven Lärm, der gar nicht gravierend sein muss, aber den Zuhörer zur Weißglut treibt. Dabei sind monotone Töne oft erträglicher als plötzliche und Geräusche aus der Natur meist besser auszuhalten als künstliche.

Der Begriff Lärm kommt vom französischen all´arme, was "zu den Waffen bedeutet" und ist mit "Alarm" verwandt. Auch unser Ohr ist ein Alarm-Organ, das den Körper Tag und Nacht warnt und sich nicht mal im Schlaf abschaltet. Es leidet unter Dauerschall wie Verkehrsgeräuschen und lässt uns hochschrecken, wenn eine Tür knallt oder ein Hund bellt.  Und wenn das oft passiert, werden auch wir laut, denn in uns steigt die Wut. Hinter Lärmstreitigkeiten verbergen sich oft Machtkämpfe. Zumindest geht davon Autorin Sieglinde Geisel aus. Nur wer Macht hat, behauptet sie. dürfe über die Ohren der anderen herrschen. Denn Geräusche der Mächtigen gelten nicht als Lärm. Doch wer in der gesellschaftlichen Hierarchie unter oder neben uns steht, der darf uns nicht stören, der hat verdammt nochmal leise zu sein, weil er andernfalls in unser Territorium eindringt und unsere Intimsphäre verletzt.

Umgekehrt gilt derjenige, der sich beschwert, schnell als Spießer, der den Musik-, Rasenmäher-  oder Kreissägen-Liebhaber in seiner Freiheit beschneidet. Wer hat Recht, wenn es um Lärm geht? Jugendliche nutzen Krach zur Rebellion gegen Eltern und Lehrer. Laute Geräusche sind ein Machtmittel, weil sie ständig auf die Alarmanlage unseres Gehirns drücken. An Lärm kann man sich ohne Ohropax nicht gewöhnen. Er macht krank, führt zu Schlafstörungen, lässt den Blutdruck und das Risiko für Allergien sowie Migräne  drastisch steigen. Doch Lärm macht manchmal auch glücklich - zumindest den Verursacher. Krach verleiht Macht und Selbstbewusstsein. Armeeführer und Despoten waren sich dessen bewusst. Sie hämmerten Soldaten aggressive Schlachtrufe ein, damit diese sich unverwundbar fühlten. Sie beschallten die Gegner, um ihren Überlebenswillen zu knacken. US-Militärs triezten ihre Gefangenen rund um die Uhr mit Geistergeräuschen oder dem Titelsong der Sesamstraße und brachten so die stärksten Männer zum Reden.

Wie schön wäre Stille! Wir sehnen uns nach ihr. Sie ist gleichbedeutend mit einem Ort, an dem wir Ruhe und Entspannung finden. Sie ist die wirkungsvolle Pause im geräuschvollen Leben, während eines Gesprächs, Musik- oder Theaterstücks. Wir suchen sie in Kirchen und Klöstern, in der Natur und beim Yoga. Und wehe, wenn jetzt, da sie so greifbar nahe ist, ein Krachmacher dazwischen rumpelt. Doch Stille findet nur, wer bereit für sie ist. Für andere kann sie unerträglich sein. Sie wird zur Qual für einen Patienten, der aus dem erfüllten Alltag gerissen wird und nun geduldig im Krankenbett liegen soll. Und sie martert denjenigen, der durch den Tod des Partners plötzlich alleine ist. Und trotzdem: Absolute Ruhe gibt es nirgends auf der Welt, und wenn nur ein Lüftchen weht, ein Vogel zwitschert oder das eigene Blut in den Adern pulsiert. Stille ist eine Illusion. Denn Geräusche gehören für Menschen, die hören können, zum Leben. Die große Stille gibt's nur im Weltall. Oder im Tod.  





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