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Sex als Allzweckwaffe

Frauen setzen offenbar seit Urzeiten ihre körperlichen Reize sehr zielorientiert ein - 28.08.10

Manchmal, wenn Männer über ihre verflossenen Beziehungen nachdenken, fallen zum Beispiel Manfred S. einige Frauen ein, die irgendwie komisch waren in der Liebe. Weil bei den Begegnungen auch Seltsames geschah.

Klar, die sexy Damen sind alle nur scharf auf Playboy- Gründer Hugh Hefner, weil er so nett und hübsch ist. Von seinem Reichtum wollen sie nicht profitieren.
Klar, die sexy Damen sind alle nur scharf auf Playboy- Gründer Hugh Hefner, weil er so nett und hübsch ist. Von seinem Reichtum wollen sie nicht profitieren.
Foto: AP

Eine zum Beispiel erklärte vor und nach jedem Sex, weshalb dieser so wichtig sei: "Man sieht danach bis zu sieben Jahre jünger aus!" Eine andere bot Sex nach der Zusage, ihr am Tag danach beim Umzug zu helfen. Eine dritte erklärte nach dem Schäferstündchen: "Du bist mein neunter Mann, jetzt wird es aber Zeit für eine Namensliste." Noch eine, zeitweise asketisch, beichtete: "Ich wollte mich wieder mal spüren." Und die Schärfste von allen trumpfte zwischen den Laken auf: "Stimmt’s, ich bin besser als deine Verflossene?" Männer denken meist konventionell: Frauen geben sich vor allem dem Sex hin, um ihre Zuneigung auszudrücken. Noch gilt in unserer Kultur Vollkörpereinsatz als definitiver Liebesbeweis. Ein Irrtum, wie zum Beispiel Boris Becker in einem Londoner Hotel erfahren musste.


Eine Angestellte legte sich zu ihm auf die Treppe (nicht in die Besenkammer, wie kolportiert wurde), das Ganze dauerte zwei Minuten. Neun Monate später war der düpierte Ex-Tennisstar Vater einer Tochter und die Kürzestzeitpartnerin verstand es, ihre Affäre medial auszuschlachten und viel Geld zu verdienen. Sex als strategische Verführungskunst? Als Allzweckwaffe, um etwas herauszuholen?

Aber ja, sagen die US-Psychologen Cindy M. Meston und ihr Kollege David M. Buss, ein Mitbegründer der Evolutionspsychologie. "Why Women Have Sex" heißt ihr Buch, das auf Befragungen von über tausend Frauen beruht. Aus ihren Antworten ergeben sich 237 Gründe dafür, warum sie für einen Mann die Hüllen fallen ließen. Liebe steht keineswegs obenan.

Vielmehr hatten Frauen Sex mit Männern, weil sie: Auf Abenteuer aus waren ("Lustrausch"), nach misslungenen Beziehungen Enttäuschung bewältigten ("Nun erst recht..."), ihr Alleinsein als banal empfanden ("Ich langweilte mich..."), ihren Marktwert prüfen wollten ("Welcher Mann beißt an?"), auf einen Tauschhandel setzten ("Okay, wir tun es, aber Morgen wird gründlich geputzt und der Keller aufgeräumt"), spontan Sympathie zeigten ("Er ist so süß") oder mitleidig waren ("Er sah so traurig aus"). Manche hielten Sex für eine geeignete Disziplinarmaßnahme ("Er hat mit der Nachbarin geflirtet, jetzt muss er ran"), wollten sich in großem Stil am ausgebüchsten Partner rächen ("Soll er ruhig mitkriegen, dass es auch ohne ihn gut läuft"), ticken esoterisch ("Beim Sex komme ich Gott näher") oder waren selbstlos ("Zwar hatte ich keine Lust, aber mein Mann braucht das nun mal am Wochenende").

Wissenschaft kann sehr ernüchternd sein, entsprechend knallhart ist das Resümee: Frauen erobern einen Mann, der in etwa ihrem Ideal entspricht ("Leichte Abstriche sind immer nötig"). Sie wollen ihn behalten, wenn Freundinnen als Rivalinnen bei seinem Anblick leuchtende Augen bekommen - Qualitätsnachweis und Eröffnung des Wettbewerbs ("Sie kriegt ihn nicht!"). Falls der Mann doch floppt, wird er zügig fallengelassen und durch einen vorzeigbaren Neuen ersetzt ("Das hab ich mir verdient"). In allen drei Fällen spielt Sex die entscheidende Rolle, romantisches Liebesgeschnatter ist nur Mittel zum Zweck.

Weibliche Sexualität gilt den Forschern als Kapital, das sich den Umständen entsprechend einsetzen lässt, um etwas zu erlangen. Von wegen Liebe und Leidenschaft, wie seit Jahrhunderten in der Literatur beschwärmt! Das erfinden angeblich nur treudoofe, weltfremde Dichter im Elfenbeinturm. Evolutionsexperte Buss erklärt, dass unsere Wesenszüge noch im 21. Jahrhundert als "Anpassungen an Überlebenserfordernisse der letzten Jahrmillionen" intakt sind. Und die klinische Psychologin Meston weiß, dass heutige Verhaltensweisen im Liebesspiel eincodierte Handlungsmuster aus grauer Vorzeit darstellen. Sex und Steinzeit gehören zusammen, es geht immer ums Durchkommen.

Wir glauben, Wonnen im komfortabel präparierten Liebesnest auszuleben, dabei geht es zu wie in der düsteren Höhle, wenn nach Bärenjagen und Beerensammeln für den Hominiden und das Weib ein bisschen Zeit zum schnellen Vergnügen blieb, bevor Knochen entbeint und am Lagerfeuer das Mahl für die Sippe gekokelt wurde. Frauen wurden bei einer Studie Fotos diverser Männertypen vorgelegt, damit sie ihr Attraktivitätsurteil fällen. An ihren fruchtbaren Tagen finden sie Gesichter mit ausgeprägt männlichen Zügen besonders anziehend. Angeblich ein Hinweis auf gute Gene. Der weibliche Zyklus, so Buss, treibt zudem viele Frauen zum Fremdgehen, die Quote der Kuckuckskinder schätzt er weltweit auf zwölf Prozent. In den Wochen nach und vor der Menstruation bevorzugen Frauen übrigens eher den Softie mit sanften Gesichtszügen, mit Hundeaugen, aus denen Treueblicke schmachten, und einem Mund voller Poesie.

Und so haben viele Männer Frauen kennengelernt, die ihr Bett teilten, damit die Männer danach den Müll rausbringen, im Garten umgraben oder zu Langweiler-Verwandten mitkommen. Frauen, so Buss/Meston, sind beim Sex viele Mittel recht, wenn sich dadurch ein gewünschtes Ziel erreichen lässt. Sie nutzen aber das körperliche Geschehen auch, weil es besser gegen Migräne wirkt als Aspirin und dabei noch Gewicht verbrennt - weil Sex das stärkste Mittel ist, um einen Konflikt zu beenden und der Schlaf danach tiefer ist. 





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