So erfährt man etwa, was ein Rauchhaus war. Da zog der Rauch der offenen Feuerstelle nicht durch einen Schornstein ab, sondern verteilte sich im Haus bis unter die Giebelspitze, räucherte den Schinken, schützte das Getreide vor Ungeziefer, konservierte das Strohdach. Für die Lungen der Bewohner wars gewiss nicht gesund. Es gibt viel zu erklären beim Rundgang durch das Freilichtmuseum im Herzen des Teutoburger Waldes.
Man erlebt dabei eine Zeitreise durch das ländliche Westfalen. Auf 90 Hektar Fläche stehen über 100 Gebäude aus fünf Jahrhunderten, vom schlichten Tagelöhnerhaus bis zu schmucken Fachwerk-Höfegruppen und ganzen Dörfern. 38 Bauten gehören allein zum Paderborner Dorf. "Die Häuser sind unsere Stars", sagt Museumsleiter Jan Carstensen.
Sie stehen im größten Freilichtmuseum Deutschlands nicht etwa schlicht aufgereiht nebeneinander, sondern Gehöfte wie der Mindener Hof oder der Münsterländer Gräftenhof liegen eingebettet in eine Landschaft aus Wald, Kornfeldern und Weiden. Man wandert über von historischen Obstsorten gesäumte Wege vorbei an Windmühlen, lernt unterwegs fast ausgestorbene Haustierrassen wie Lippegans und Bentheimer Landschwein kennen, schnuppert echte Landluft, staunt über die Pracht nach historischem Vorbild angelegter Bauerngärten.
Im Paderborner Dorf laden eine Bäckerei und ein Kolonialwarenladen zum Einkauf wie zu Uromas Zeiten ein. Und an Aktionstagen stieben beim Dorfschmied die Funken, knarzen beim Müller die Windmühlenflügel. Vor 50 Jahren wurde die Gründung des Freilichtmuseums beschlossen. Das wird jetzt besonders gefeiert.
In der Ausstellungsscheune im Paderborner Dorf befasst sich das Programm "Planet Westfalen 2010" speziell mit Menschen, die einst nach Westfalen kamen, und mit jenen, die auswanderten. Wie kamen zum Beispiel Schiebefenster und Tulpenmotiv aus Holland in die Region, wie erging es Handwerksburschen auf der Wanderschaft oder Saisonarbeitern, die sich in den Ziegeleien in und um Berlin verdingten?
Einen ganzen Tag sollte man schon einplanen für die Zeitreise durch das alte Westfalen. Und sich zwischendurch im "Weißen Ross" vielleicht typisch westfälisch stärken mit Pickert, Wurstebrei, Pfefferpotthast oder Kartoffelsuppe mit Sahnehaube und Lippischem Kaviar. Was Lippischer Kaviar ist? Mohn natürlich!
Was es im näheren Umkreis des Freilichtmuseums zu sehen gibt, reicht locker für eine Woche Urlaub. Ganz in der Nähe reckt Germanen-Gigant Hermann der Cherusker grimmig sein Schwert in die Höhe. Das 54 Meter hohe Hermannsdenkmal soll an die Varusschlacht vor 2001 Jahren erinnern, in der die Römer eine bittere Niederlage erlitten. Dass die Schlacht aber wohl eher nicht hier oben am Kamm des Teutoburger Waldes stattgefunden hat und die Niedersachsen in Kalkriese bei Osnabrück sie für sich reklamieren, wirft den Riesen aus 133000 Kilo Eisen und 21000 Kilo Kupfer nicht vom Sockel.
Garantiert echt ist eine andere Attraktion. Die Externsteine sind eines der eindrucksvollsten Naturwunder im norddeutschen Raum. Die vier Sandsteintürme dienten einst wohl als keltisch-germanische Kultstätte. Einzigartig ist das in den Hauptfelsen gehauene Riesen-Relief aus dem 12. Jahrhundert, das die Kreuzabnahme darstellt.
Eine "wunderschöne Stadt" ist einem alten Lied zufolge Lippe-Detmold. Die Stadt bietet eine Fußgänger-Flanierzone mit Fachwerk und klassizistischen Gebäuden. Im Residenzschloss regierten bis 1918 die lippischen Fürsten. Ewiger Rivale der "Beamtenstadt" Detmold ist die alte Hansestadt Lemgo, die es durch Handel mit Tuch und Leinen zu Wohlstand brachte und von den Detmoldern deshalb als "Krämerstadt" missachtet wird. Als beide Städte das gleiche Autokennzeichen verpasst bekamen, trösteten sich die Konkurrenten damit, man erkenne die anderen ja ohnehin am Fahrstil.
In Lemgo stehen ein paar Musterbeispiele der Weserrenaissance, wie z.B. das Rathaus mit der Ratsapotheke und das Hexenbürgermeisterhaus. Darin sollen im 17. Jahrhundert rund 100 Bürger als Ketzer gefoltert worden sein. Alles über den ornamentenreichen Baustil erfährt man im nahen Weserrenaissance-Museum, das im Schloss Brake untergebracht ist.
"Mein Herz ist grün vor Wald", schrieb einst der Detmolder Dichter Christian Dietrich Grabbe. Und er würde heute sicher begeistert die Wandermöglichkeiten besingen. Die Hermannshöhen, ein 228 Kilometer langes Wegenetz zwischen Münsterland und Sauerland, zählen zu Deutschlands jüngsten Spitzen-Wanderzielen. Kernstück sind zwei traditionsreiche Kammwege, der Hermannsweg und der Eggeweg. Die Saumpfade in bis zu 470 Meter Höhe verlaufen zu 98 Prozent durch Naturparkgebiet. Viel grüner gehts nicht.
Weitere Infos: Teutoburger Wald Tourismusmarketing, Tel. (0521) 967330 und unter www.gutereise.nordbayern.de
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