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Wort-Künstler gastiert in Altmühlfranken

Anton G. Leitner und seine „Schnablgwax“-Geschichten in Spielberg - 06.06.2016 06:40 Uhr

Mit seinen Schnabelgewächsen bescherte Anton G. Leitner seinen Zuhörern in Spielberg eine besondere Auszeit. © Marianne Natalis


Es ist immer das Leben, das die besten Geschichten – und für Leitner damit auch „die besten Gedichte“ – schreibt. Gemäß dieser Weisheit lässt er Gesprächsfetzen, beim Baden im heimatlichen Weßlingsee aufgeschnappt, ebenso in sein „bairisches Verskabarett“ einfließen wie kleinste Alltagsmomente. Der wunderbare Fünfzeiler „Wo d’Liab hifoid“ etwa erzählt von diesem besonderen Moment, wo er zum Himmel „auffegschaugd“ und sich in eine Wolke verguckt hat. Die Nacktschnecke am Boden, die er dabei übersehen hat, klebt ihm immer noch an der Sohle und sorgt dafür, dass er nun „nua no auf d’Schdrass“ schaut.

Kleine, aber feine Musikfestivals, darauf hat sich Kulturmanager Joseph Liebl aus Dürrenmungenau spezialisiert und organisierte ein solches nun auch in Spielberg. Authentisch wollen seine Veranstaltungen sein, erklärt er den Besuchern, und vor allem etwas Besonderes an ganz ausgewählten Orten bieten. Orten, wie Spielberg, wo sich allein beim Blick ins Tal Horizonte öffnen. Von einer „kleinen Geschichte des Klaviers“ bis hin zu Gypsy-Swing und Gute-Laune-Musik reichen die musikalischen Darbietungen an diesem Wochenende, am frühen Samstagabend aber hält nun die Literatur Einzug beim Musikfest Spielberg.

Etwas aufgelöst kommt die Hauptperson in allerletzter Minute in Spielberg an. Drei Umleitungen auf dem Weg haben ihn ein bisschen aus dem Konzept gebracht, immer wieder kommt der „sonst eher kontemplative“ 54-Jährige darauf zu sprechen. Zumal er es mit dem Reisen eher mit Karl Valentin hält: Der war der Heimatscholle sehr verhaftet und verließ München nur ungern. Einmal soll Valentin auf der Fahrt nach Berlin bereits in Nürnberg aus dem Zug geflüchtet sein. Wie man sich die Welt auch nach Hause holen kann, davon erzählt ein „Kleines Reiseerlebnis für einen passionierten Stubenhocker“, wo der Autor lernt, dass Dari eine in Afghanistan gesprochene Version des Neupersischen ist und nix mit dem bayerischen Diridari zu tun hat.

Dass Mundart die Dinge meist viel schneller und genauer auf den Punkt bringt, das erschließt sich den Zuhörern sehr schnell, denn Leitner trägt seine Verse zunächst Bayerisch und dann Hochdeutsch vor. Der Dialekt ist näher am Menschen, kommt manchmal komisch, manchmal hinterfotzig daher, aber in der Regel unverstellt und ehrlich.

„Entwichene Wortradikale“

Leitner legt dabei den Finger auf unbequeme Wahrheiten, etwa in „Entwichene Wortradikale aus dem kommunalen Sprachcontainer“, worin ein Gemeinderat der Freien Wähler in nichtöffentlicher Sitzung erklärt, warum Asylant harmloser klingt als Flüchtling (weil das Wort bedeutet, dass sie nicht immer bleiben). Tief berührend die Verse über die „KZ-Rosl“, die in der Nachkriegszeit noch viele Demütigungen im Dorf ertragen musste und deren späte Rache auf dem Friedhof in Form von Löwenzahnsamen auf das Grab des Altnazis dahergeflogen kommt.

Ob auf der Maximilianstraße die „aufbrezelde“ Botoxgans, die nach jedem Händedruck die Desinfektionstücher herausholt, aber den „Hundskaggbeiddl“ ihres Schoßhündchens ungerührt in die Pradatasche steckt, oder die beiden korpulenten Amerikaner, die sich von einem spindeldürren Rikschafahrer durch München kutschieren lassen („München Besichtigungstour“), Leitner findet sein Material buchstäblich auf der Straße und zaubert daraus herrlich komische, aber auch zu Herzen gehende Verse.

Man kann sich kaum vorstellen, dass der Autor ursprünglich einmal knochentrockene Rechtswissenschaften studiert hat. Die „Juristerei“ hat er nach eigenen Worten aber bereits vor 25 Jahren an den Nagel gehängt, seitdem ist die Poesie der Mittelpunkt seines Lebens. Nicht zuletzt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem wurde ihm im vergangenen Jahr der Bayerische Poetentaler verliehen, zeugen davon, dass das sicherlich die richtige Entscheidung war.

Druckfrisch sind die Schnabelgewächse, die er in Spielberg vorstellt, erst vor einer Woche überhaupt erschienen und noch gar nicht offiziell vorgestellt. Schnell gewöhnt sich das Ohr an das bayerische Idiom und die Übersetzung (im Buch jeweils auf der linken Seite zu finden) wird mit der Zeit überflüssig. Beim Nachlesen allerdings muten manche Buchstabenkombinationen extrem fremdartig an. Ein toller Service ist es deshalb, dass man sich als Inhaber eines Exemplars von „Schnablgwax“ die bayerische Version vom Autor selbst vorlesen lassen kann – man muss nur sein Smartphone an den abgedruckten QR-Code halten. Eine sehr schöne Idee.

 

„Schnablgwax“ von Anton G. Leitner, Edition Lichtung, 184 Seiten, 15,90 Euro, ISBN 978-3-941306-24-0 

MARIANNE NATALIS E-Mail

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