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Fünf Menschen starben in den Trümmern

Die verheerende Gasexplosion in der Schlüsselfelderstraße 6 liegt am 21. Januar genau 25 Jahre zurück - 17.01.2012 20:00 Uhr

Die Detonation hat das Gebäude komplett zerstört. Bergemannschaften suchen gut 60 Stunden lang nach Menschen. Sie finden drei Überlebende – und fünf Tote. © Wilhelm Bauer


Die Explosion an jenem Januarmorgen ist gigantisch. Binnen Sekunden stürzt das im Stadtteil Maxfeld gelegene Wohnhaus in sich zusammen, die Trümmer reißen die schlafenden Bewohner mit in die Tiefe. Die Druckwelle treibt Zigtausende Splitter durch die Nachbarschaft, in weitem Umkreis gehen Fenster heraus, aus Hausfassaden werden ganze Stücke herausgerissen. Auf der Straße liegt Staub fingerdick. An einer Wand im dritten Stock des Unglückshauses baumeln drei Hemden im Wind.

Wäre die Explosion im letzten Moment vermeidbar gewesen? Nur Minuten zuvor haben die Brüder Harald und Matthias Weiß Gasgeruch im Treppenhaus wahrgenommen. Sie klingeln das Hausmeister-Ehepaar heraus, das im dritten Stock wohnt. Deren Sohn läuft in den Keller, stößt vor dem Gaszähler-Raum auf eine verschlossene Tür, hinter der er ein Zischen hört.

Der 26-Jährige rennt zurück nach oben, öffnet auf seinem Weg die Haustüren, alarmiert seine Eltern, die wiederum bei der EWAG (das Vorläufer-Unternehmen der N-Ergie) anrufen. Der junge Mann läuft derweil wieder nach unten, will die Hausbewohner warnen, die Treppenhaus-Fenster öffnen. Auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock überrollt ihn die Explosion. Das Haus stürzt buchstäblich vor seinen Augen zusammen. Nur sein Treppenabsatz bleibt erhalten, der 26-Jährige kann ins Freie klettern.

Suchhund Vasko spürt die vierte Leiche auf. © Bernd Hafenrichter


Zehn Minuten später treffen die ersten Retter ein. Drei Löschzüge der Feuerwehr, 60 Mann vom Roten Kreuz graben zum Teil mit bloßen Händen durch Schutt und Geröll. Nach 25 Minuten stoßen die Retter auf eine 72 Jahre alte Rentnerin unter den Gesteinsmassen; sie ist schwer verletzt, aber lebt, wird von der Feuerwehr gerettet und ins Krankenhaus gebracht. Kaum eine Viertelstunde später entdecken die Mannschaften einen 56-Jährigen. Diesmal müssen die Helfer fast eine Stunde lang graben, bis das schwer verletzte Opfer befreit ist.

Inzwischen ist das Technische Hilfswerk mit rund 140 Helfern eingetroffen. Zwei Kranwagen und zwei Radlader unterstützen die rund 30 Retter, die unter Lebensgefahr ständig auf dem Schuttberg arbeiten. Das THW stemmt mit Presslufthämmern die Straße und den tief gefrorenen Boden auf, um an die Gasleitung zu kommen. Bis zum Morgen können die Bergemannschaften aber nur noch Leichen aus dem Schutt holen: eine 52-Jährige, einen 31-Jährigen und eine 27 Jahre alte Frau.

22-Jährige wird nach neun Stunden gerettet

Gegen 9 Uhr macht sich plötzlich Aufregung breit. In einer Mulde haben die Retter eine junge Frau entdeckt. Sie scheint nur leicht verletzt und liegt in einem Winkel ihres eingestürzten Schlafzimmers unter Resten der Zimmerdecke, die jeden Moment einzustürzen drohen. Die Helfer graben noch fast eine Stunde, bis die 22-Jährige gerettet ist. Bis auf Prellungen und Schürfwunden ist Marion Müller unverletzt – obwohl sie acht Stunden in der eisigen Kälte hilflos ausharren musste. Über zwei Stunden hinweg hörte sie die verzweifelten Hilferufe von Eingeschlossenen über sich, erzählt die junge Frau später. Ihnen konnten die Bergemannschaften nicht mehr helfen.

Doch die Männer arbeiten unermüdlich weiter. Die Baggerführer Peter Penz (42) und Georg Zagel (48) sind mit ihrem 28-Tonnen-Bagger weit mehr als 40 Stunden am Stück im Einsatz. Penz ist es auch, der einen Arm von Marion Müller im Schutt entdeckt und ihre Rufe hört. Mit insgesamt 20 Spürhunden gehen Hundeführer vom Arbeiter Samariter Bund (ASB) Altdorf sowie vom Roten Kreuz in Ansbach und Scheinfeld ein ums andere Mal die Trümmerlandschaft ab. Selbst aus München reisen sechs Hundeführer auf eigene Kosten an.

Zweieinhalb Tage nach der Explosion werden die letzten Opfer geborgen. Die Brüder Harald und Matthias Weiß, die den Gasgeruch als Erste bemerkt hatten, liegen tot im mit Sand und Schutt aufgefüllten Keller des Anwesens. THW und Feuerwehr haben rund um die Uhr die Trümmer des Hauses abgetragen, um an die Leichen der 20 bzw. 22 Jahren jungen Männer heranzukommen.

Die Kripo notiert, dass einer der beiden vor den Gasarmaturen im Keller lag. Er soll Werkzeuge und Feuerzeuge bei sich gehabt haben. Möglicherweise, so meinen die Ermittler, wollte er die defekte Gasleitung abdrehen.

Nur mit einem Nachthemd bekleidet, harrt Marion Müller neun Stunden in der eisigen Januar-Kälte aus. Die Retter finden die lediglich leicht verletzte 22-Jährige schließlich unter dem Trümmern ihres Schlafzimmers. © Wilhelm Bauer


Rund 62 Stunden nach dem Unglück beenden die Helfer die Suchaktion. Sie haben keine Hoffnung mehr, noch auf Überlebende zu stoßen. Und doch gibt es noch ein kleines Wunder: Aus den Trümmern des Kellers ziehen Einsatzkräfte zwei Meerschweinchen, die die Katastrophe in ihrem unbeschädigten Käfig ohne Blessuren überstanden haben.

Die Schuttmassen, die die Retter beiseite geräumt haben, sind derweil im Innenhof der Kongresshalle in einem 150 Meter langen Halbrund ausgelegt worden. Zwischen Steinen und Balken, zwischen Schallplatten, Kleidern, Möbeln und Büchern der Opfer suchen Kriminalbeamte nach Beweisstücken. Am Ende werden sie zu dem Schluss kommen, dass ein 56 Jahre alter Hausbewohner die Explosion durch Manipulationen an der Gasleitung verursacht hat (siehe Kasten rechts unten). Er wurde schwer verletzt als einer der Ersten unter den Trümmern hervorgezogen.

Ironie der Geschichte: Nur zehn Monate, nach Beendigung des Wiederaufbaus brennt der Dachstuhl des Nachfolgerhauses ab. 20 Erwachsene und zehn Kleinkinder, die in den zehn neuen Sozialwohnungen leben, werden gerettet. Die Feuerwehr hat den massiven Brand nach 25 Minuten unter Kontrolle. Der Schaden wird auf mindestens 250000 Mark (etwa 125.000 Euro) geschätzt.

Tilmann Grewe

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