Mittwoch, 13.11.2019

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"Ich glaube, ich war mit meinem Beruf verheiratet"

Vom Juristen zum Polizeipräsidenten: Gerhard Hauptmannl geht in den Ruhestand - 28.01.2011 07:20 Uhr

Der scheidende Polizeipräsident Gerhard Hauptmannl. © Harald Sippel


NZ: Sie würden gerne in den Rocky Mountains leben. Wann geht’s los?

Hauptmannl: Sie wühlen in einer Wunde. Ich hatte fest vor, Ende Mai/ Anfang Juni wieder in die Rocky Mountains bzw. nach Nordkalifornien zu fahren. Aber bestimmte Dinge in meinem privaten Umfeld haben sich jetzt so entwickelt, dass ich die Reise auf den Herbst oder das nächste Jahr verschieben muss. Das hat mich hart getroffen, denn von dem Urlaub träume ich schon fünf Jahre.

NZ: Trifft Sie der Abschied von der Polizeiarbeit hart?

Hauptmannl: Um ehrlich zu sein, sehr. Ich glaube, dass ich mit meinem Beruf verheiratet war. Zwei, drei Termine im Schnitt unter der Woche, jede zweite Woche war eine Sieben-Tage-Woche, dazu Ehrenämter – da bleibt fast keine Freizeit. Trotzdem habe ich nach wie vor das Gefühl, dass ich von der 1.-Mai-Demo bis zur Schreibtischtätigkeit noch ganz ordentlich arbeiten kann. Wenn man dann per Gesetz als altes Eisen abgestempelt wird, ist das etwas schwierig zu bewältigen.

NZ: Aber es soll auch Spannungen zwischen Ihnen und Ihrem Stellvertreter gegeben haben?

Hauptmannl: Es gab Zeiten, in denen man in der Führungsphilosophie nicht ganz einer Meinung war. Das war ein bisschen unerfreulich. Aber von der Arbeit, der Bewältigung von bestimmten Situationen, der Bekämpfung der Kriminalität oder der Präventionsarbeit her hat uns hier niemand auseinanderdividiert.

NZ: Welche persönlichen Höhepunkte kennzeichnen Ihre „Ehe“ mit der Polizei?

Hauptmannl: Es gab eine Menge Highlights. Für den Bürger am meisten wahrnehmbar war die FußballWeltmeisterschaft 2006. Wir hatten in Nürnberg immerhin sechs Problem-Mannschaften, die Engländer zum Beispiel oder die Niederländer. Oder diese Entführung in Nordrhein-Westfalen. Drei Männer und eine Frau hatten ihr Opfer nach Bayern gebracht. Die Gesamteinsatzleitung lag in Köln; ich war hier in der heißen Phase Sachbearbeiter, Leiter im

Führungsstab und Polizeiführer in einem. Die Geldübergabe war in Augsburg. Ich habe die Täter anschließend – entgegen der Weisung aus Köln – zu Lande und aus der Luft überwachen lassen. Bis zum Flughafen Frankfurt. Dort haben sie das Opfer mit Handschellen und verklebtem Mund in einem Wohnmobil abgelegt. Ohne Überwachung hätten wir den Mann erst gefunden, wenn jemand auf dem Parkplatz später den Leichengeruch bemerkt hätte. Alle vier Täter haben wir im Flughafen festgenommen. Sie waren auf dem Weg nach Südamerika. Die 821000 Mark Lösegeld haben wir sichergestellt.

NZ: Sie haben immer großen Wert auf das Recht auf öffentliche Meinungsäußerung gelegt.

Hauptmannl: Ja, es ist uns immer wieder gelungen, dass gerade in dieser Stadt der Menschenrechte, der Stadt der Reichsrassegesetze Demokraten machtvoll demonstrieren können. Ob NPD-Gegendemos oder Probleme mit Autonomen: Wir haben es immer erreicht, dass wir nicht gegen die Demokraten vorgehen mussten. Wir haben hier weder Kreuzberger noch Hamburger Verhältnisse oder Stuttgart 21 – wir haben hier eine friedliche Rechtsausübung.

NZ: Sie sind ausgebildeter Jurist, haben eine Baubehörde geführt, waren als Verwaltungsrichter tätig – und sind 1985 plötzlich zur Polizei gegangen. Warum?

Hauptmannl: Ich wurde auffällig. Über mich gab es immer wieder Beschwerden. Ich habe nie das Gesetz missachtet, aber ich habe die Möglichkeiten des Gesetzes im Interesse des Bürgers ausgeschöpft. Das hat dazu geführt, dass man mir eine gewisse Sachkompetenz zugestanden hat und vor allem Durchsetzungsvermögen. Nach sechs Jahren am Landratsamt war ich auf dem Sprung ans Bezirksgericht. In dieser Situation hat man mir angeboten, dass ich in Nürnberg Personalchef unter dem damaligen Polizeipräsidenten Kraus werde. Nach 15 Monaten kam der Herr Kraus zu dem Ergebnis, dass ich recht ordentliche Arbeit abliefere, und hat mich gefragt, ob ich nicht ganz in den Vollzug wechseln will. Dann habe ich acht Monate Zusatzausbildung bekommen und war anschließend der erste Jurist in Bayern, der nach dem Prinzip Learning by Doing eine Großinspektion geführt hat.

NZ: Gegen Ende Ihrer Laufbahn haben Sie sogar noch fünfmal verlängert. Das ist einmalig in Bayern.

Hauptmannl: Es gab mehrere dienstliche Gründe und auch einen privaten. Ich fühle mich halt noch ein bisschen leistungsfähig. Außerdem kann ich jetzt mit dem Begriff kokettieren, ich sei der Grufti der bayerischen Polizei.

NZ: Ihre vielleicht größte Aufgabe lag in der Reform der Landespolizei.

Hauptmannl: Landespolizeipräsident Waldemar Kindler hat gesagt: Leute überlegt Euch mal, was man verändern könnte. Können wir Hierarchien abbauen? Können wir die Auftragsstränge verkürzen und so weiter? Das sind Punkte, wo wir massiven Handlungsbedarf sahen. Mein Stellvertreter, Walter Kimmelzwinger, hat dann mit seinem Team Vorschläge erarbeitet, und die haben wir durchsetzen können. Weder der damalige Innenminister Günther Beckstein noch der Landespolizeipräsident wollten am Anfang die Dreistufigkeit. Im Nürnberger Presseclub hat Kindler schließlich gesagt, dass 60 Prozent der bayerischen Polizeireform aus meinem Haus stammen. Selber Vorschläge machen zu können, das ist eigentlich traumhaft.

NZ: Es gab sehr kritische Stimmen. Der Bayerische Oberste Rechnungshof etwa ist zu der Auffassung gekommen, die Polizeireform sei teuer, ineffektiv und habe kaum Abbau von Verwaltung gebracht.

Hauptmannl: Ich weiß, dass fünf der zehn bayerischen Polizeipräsidenten gegen die Reform waren. Da muss man Kritik sorgfältig differenzieren. Unser Ziel war es, die Hierarchie abzuflachen, die Schnittstellen zu beseitigen und Professionalität zu stärken. Zum Beispiel mit dem zentralen Kriminaldauerdienst.

NZ: Und was ist mit dem Frust unter den Beamten?

Hauptmannl: Entschuldigung, das ist doch eine der bedauerlichsten Geschichten, die es überhaupt gibt. Wer hat sich denn zu 95 Prozent beklagt? Die ganzen Schreihälse waren die, die überhaupt nicht betroffen waren. Früher waren in Fürth ein gehobener und ein mittlerer Beamter. Im Normalbetrieb haben sie nichts zu tun gehabt, und sobald ein bisschen was los war, waren sie überfordert. Von der Polizeireform betroffen waren die Direktionsangehörigen, denn die Direktionen haben wir aufgelöst. Und nun schauen Sie mal, wo diese Beamten heute sitzen. Die sind doch alle hochzufrieden. Und wir haben was für den Steuerzahler getan. Wir haben jetzt eine Einsatzzentrale, die leistungsfähig ist. Ohne Polizeireform hätten wir fünf Einsatzzentralen zu je sechs Millionen Euro finanzieren müssen. Das sind 30 Millionen. Für die Einsatzzentrale hier im Polizeipräsidium haben wir 8,2 Millionen ausgegeben.

NZ: Eines der großen Versprechen an den Bürger lautete, dass die Polizeireform mehr Beamte auf die Straße bringt. Tatsächlich wurden ungefähr 400 Stellen nach unten verlagert – bei 385 Polizeiinspektionen in Bayern. Ist also die Reform unten angekommen?

Hauptmannl: Wir haben 2600 oder 2800 Stellen in ganz Bayern untersucht. Davon wurden 400 Stellen gestrichen bzw. nach unten verlagert: knappe 20 Prozent, das ist okay. Allerdings hätte die Frage lauten müssen: Setze ich bei einer Polizeireform ganz oben oder ganz unten an? In zehn oder 15 Jahren wird man sich auch der Polizei-Basis widmen müssen. Schon wegen der demografischen Entwicklung. Man wird dann prüfen müssen, ob man die vielen kleinen Dienststellen tatsächlich braucht. Kleine Dienststellen fressen prozentual unheimlich viel Führung. Ich kann mit zehn Leuten eine Großinspektion führen, brauche aber sechs bis sieben für eine kleine Inspektion.

NZ: Der Bürger fühlt sich aber sicherer, wenn eine Polizeidienststelle in seiner Nähe ist.

Hauptmannl: Das ist falsch. Sicherheit schaffe ich durch Präventionsarbeit und durch Strafverfolgung. Präventionsarbeit leiste ich mit dem Dienst auf der Straße durch die Schutzpolizei, teilweise durch die zivilen Einsatzgruppen, aber nicht dadurch, dass ich ständig in einer Inspektion sitze. Wenn einem Autofahrer am Rathenauplatz die Vorfahrt genommen wird und er steht mit seinem verbeulten Auto da, dann interessiert ihn nur: Kommt die Polizei schnell, in ausreichender Anzahl, mit gut ausgebildeten Beamten? Ob die Streife aus Erlenstegen kommt, aus der Wallensteinstraße, aus Fürth oder aus Dinkelsbühl, das ist ihm völlig wurscht.

NZ: Was ist dann mit der immer größeren Zahl von Rotlicht-Sündern, mit den Parkern im Straßenraum, mit den Fahrten entgegen der Einbahnstraße?

Hauptmannl: Sie decken einen ganz wunden Punkt auf: Die Erosion des Rechtsbewusstseins ist deutlich erkennbar. Aber wir haben in vielen Bereichen einfach zu viel Arbeit. Wir müssten die Verkehrspolizeiinspektion und in bestimmten Stadtbereichen den Streifendienst deutlich verstärken. Dazu müsste die Polizei langfristig mehr Stellen bekommen.

NZ: Die offene Drogenszene hat Nürnbergs Polizei immer offensiv bekämpft. Mit guten Gründen, aber auch mit der nachteiligen Konsequenz, dass dadurch der Einblick in den Drogenmarkt schwieriger wurde. 2010 gab es im Stadtgebiet 29 Drogentote – ein Rekord. Könnten hier nicht Fixerstuben den Blick auf den Drogenmarkt wieder schärfen?

Hauptmannl: Nein. Die Fixerstube ist die Legalisierung von Drogenkonsum unter den Augen der Polizei. Damit ist der Druck, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren und von den Drogen wegzukommen, endgültig weg. Die Verdrängung der Drogenszene in private Räume erschwert natürlich die Bekämpfung des Drogenkonsums, da müssen wir uns eben bemühen. Die Zahl der Drogentoten ist kein verlässlicher Parameter für die Frage, wie viele Drogen konsumiert werden. Diese Zahl hat etwas mit dem Reinheitsgrad der Drogen zu tun oder ob der Betreffende zuvor eine gewisse Enthaltsamkeit geübt hat. Es hat etwas mit dem generellen Gesundheitszustand des Drogenkonsumenten zu tun. Und nicht zuletzt mit der Frage, ob parallel zu den Drogen Beruhigungsmittel, Alkohol oder andere Substanzen genommen werden.

NZ: Ist Nürnberg denn noch die sicherste Großstadt?

Hauptmannl: Wir haben für eine Großstadt eine relativ niedrige Kriminalitätsrate und eine zufriedenstellende Aufklärungsquote. Ich wäre in Nürnberg heilfroh, wenn ich die Quoten von Fürth hätte. Aber: Je größer die Strukturen werden, umso geringer wird die Sozialkontrolle. Außerdem ist der Effekt der Anziehung von Kriminalität natürlich gegeben.

NZ: Könnten die Autonomen das friedliche Bild Nürnbergs bald verändern? Deren Gewaltbereitschaft,

ja deren Suche nach gewalttätiger Konfrontation hat deutlich zugenommen.

Hauptmannl: Die Autonomen agieren normalerweise anlassbezogen, am 1. Mai oder zu ähnlichen Gelegenheiten. Wir haben ungefähr 400 Autonome in Nürnberg, ich würde aber nicht alle 400 zum harten Kern rechnen. Ich glaube nicht, dass diese Gruppen die tägliche Sicherheit wirklich gefährden. Es kommt zu Sachbeschädigungen, wenn sie betrunken sind, ja. Aber wenn ich dann sehe was uns Akademiker für Ärger machen, wenn sie betrunken sind... Also, mir macht der Alkoholmissbrauch und die Gewaltbereitschaft generell im Bürgertum mehr Sorgen.

NZ: Zurück zum scheidenden Polizeipräsidenten. Die Polizei war bislang ihre große Liebe – wem wird Ihre Liebe künftig gehören?

Hauptmannl: Ich bin immer noch Präsident des Süddeutschen Handballverbandes, Mitglied des erweiterten Präsidiums des Deutschen Handballbundes und ich habe eine Gerichtsfunktion im Bayerischen Handballverband. Vor allem freue ich mich auf die Beschäftigung mit meiner Enkeltochter. Sie ist zwölfeinhalb, ich versuche ein bisschen mit ihr zu lernen, Freizeit zu verbringen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie sagt: Opa? Nein danke. Dann ist nur noch das Taschengeld interessant. Außerdem möchte ich wieder fotografieren, ich möchte meine Fremdsprachenkenntnisse auffrischen...

NZ: ...und sicherlich reisen?!

Hauptmannl: Ja, nach Neuseeland, und dann vielleicht ein bisschen in den Norden Europas. Ich war zwar in Schottland, aber Norwegen habe ich noch nicht gesehen. Und mit fast 65 kann man nicht sagen, das schiebe ich jetzt mal zehn oder 15 Jahre hinaus. Dann kann es nämlich sein, dass man entweder plötzlich im Rollstuhl sitzt, oder auf Wolke sieben.

 

Fragen: Tilmann Grewe E-Mail

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