Sonntag, 05.04.2020

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Nürnberg: Das Gartenreich der Schnepperschützen

Idyll im Schutz der Burgmauer - 30.10.2012 09:06 Uhr

Kleine, verwunschene Welt, die selbst viele Nürnberger nicht kennen: die Gärten der Schnepperschützen im Burggraben.


Melanie Rott, 2. Schützenmeisterin, demonstriert, ganz ohne Gefahr, die Handhabung einer Armbrust.


Wilde Rosen ranken sich an den Gärten entlang, die Burg- und die Stadtmauer schützen mit ihrem rotleuchtenden Sandstein die kleine Welt da unten. „Wir sind keine Kleingärtner“, betont Melanie Rott, die 2. Schützenmeisterin. „Es sind reine Ziergärten, die Nutzpflanzen stehen im Hintergrund, wir bauen vor allem alte Pflanzen an und schaffen damit auch Lebensraum für seltene Tierarten.“ Sogar in den Mauerritzen krallen sich Überlebenskünstler fest. „Im Sommer halten sich da sogar ein paar Sonnenblumen“, schwärmt die begeisterte Gärtnerin. Jetzt hat das Moos die Herrschaft übernommen, feucht schimmern die großen Sandsteinquader im Schatten.

Im Jahr 1506 haben die Schnepperschützen das 2800 Quadratmeter große Areal von der Stadt übernommen. Erst als Übungsanlage für ihre Verteidigungsaufgaben mit der Armbrust, seit 1967 auf Pachtbasis als Dependance des Burggartens. Wer einen der Gärten haben will, muss Vereinsmitglied sein, daneben in Nürnberg wohnen oder zumindest dort geboren sein. Über die Vergabe der Gärten entscheidet das Los, doch haben Familienmitglieder den ersten Zugriff, wenn ein Garten frei wird. So ist manche Parzelle seit Generationen in „Familienbesitz“ und die Nachfolger lernen schon im Laufstall diese Idylle kennen und lieben.

Gerade macht ein Eichkätzchen seine täglichen Bewegungsübungen an einem alten Nussbaum, sondiert die Lage und kommt wie meist zu dem Schluss, dass hier keine Gefahr droht. Ein paar Hunde tollen am Zaun vorbei, eine Joggerin zieht ihre Runde. Ansonsten ist es so ruhig, dass jede einzelne Vogelstimme zu hören ist. „Sogar alteingesessene Nürnberger kennen unsere Gärten nicht, kaum jemand schaut vom Vestnertorgraben herunter“, stellt Melanie Rott immer wieder fest.

Ein Verein braucht ein Vereinsheim – so auch die Schnepperschützen, die hier im Burggraben regelmäßig zusammenkommen.


Dafür hört sie manches Gschmarri der Reiseführer, die oben ihre Gruppen von den Bussen abholen. „Da heißt es dann, dass der Burggraben früher voll Wasser war – da war noch nie Wasser drin“, sie schüttelt den Kopf und geht zum Zaun. Die Rosen dort hat früher das Gartenbauamt betreut, inzwischen hat man sich darauf geeinigt, dass die Schnepperschützen sie gießen und zuschneiden, dafür bringt der Servicebetrieb öffentlicher Raum den Gartenabfall weg. Denn nur mit Sondergenehmigung darf man in den Burggraben hineinfahren. Die kleinen Häuschen haben keinen Strom, alles muss eigens herangeschafft werden.

„Laub haben wir massenhaft, müssen jetzt im Herbst ständig zusammenrechen“, seufzt die Schützenmeisterin. Alle Pflanzen streben nach oben zum Licht, die Bäume müssen ständig geschnitten werden. Ihr Mann bessert gerade das Schloss der Gartentür aus, die Mama pflanzt ein paar Setzlinge ein, damit sie im Frühjahr richtig austreiben und blühen. Efeu rankt an einem abgestorbenen Stamm entlang, vom Nachbarn biegt sich der übervolle Holunderbusch in den Garten hinein.

Im Garten der Schnepperschützen.


Felsenbirne, Quitte, Flieder oder Kornelkirsche dienen als Bienengasthaus, insgesamt mehr als 440 Insektenarten haben Forscher nach Angaben des Umweltamtes in den Gärten schon gezählt. Früher wurden rund um die Burg, wie überall in mittelalterlichen Festungen und Klöstern, Pflanzen kultiviert.

Von den mehr als 600 dort erfassten Arten sind daher nur 270 echte Wildpflanzen, viele Gartenflüchtlinge sind im Lauf der Jahrhunderte ausgewildert. „Wir wollen es hier möglichst naturnah belassen“, erzählt Melanie Rott und schaut dem Rotkehlchen zu, das gerade ihr Gartenhaus inspiziert. Im Sommer ist es angenehm kühl, im Winter hält der Sandstein noch lange die Wärme der Sonne gespeichert. So verströmen die Schnepperschützengärten fast mediterranes Flair.


Fünfmal im Jahr treffen sich die Schützen im Schießgarten ganz am Ende der Gartenreihe und zielen mit der Armbrust auf die Scheibe. Sie sind wahrscheinlich der älteste Bürgerverein der Stadt, zumindest dürften sie der am längsten ununterbrochen gärtnernde Verein sein. Ursprünglich waren sie zur Verteidigung der Stadt gegründet worden, nach dem Zweiten Weltkrieg verboten und erst ab 1957 wieder aktiv. Ihr Name kommt vom Geräusch des „Schnepperns“, das der Bolzen beim Abzug verursacht.

Doch am liebsten lauscht Melanie Rott einfach nur den Geräuschen der Natur mitten in der Stadt. „Egal, ob es stürmt, schneit oder regnet, ich sitze oft vor meinem Häuschen unter dem Dach und höre einfach nur zu.“ 

Von Sabine Göb (Text) und Eduard Weigert (Fotos)

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