Sonntag, 08.12.2019

|

zum Thema

Ein Knochenjob namens Kren

Im Oktober beginnt wieder die Ernte - 11.10.2019 16:40 Uhr

Gerhard Kerschbaum baut seit einigen Jahren Bio-Meerrettich an. © Michael Matejka


Nach zwei Tagen im Einsatz fliegen die Handschuhe in die Mülltonne. Dann haben sie Löcher, denn die Erde wirkt wie Schmirgelpapier. Die Erde haftet an den langen Wurzeln des Meerrettichs und muss bei der Ernte abgerieben werden. Per Hand. Erst dann kann die Wurzel weiter verarbeitet werden. Gerhard Kerschbaum verbraucht viele Handschuhe.

Gerhard Kerschbaum baut in Hemhofen im Kreis Erlangen-Höchstadt auf dreieinhalb Hektar Kren an. Schon seine Vorfahren verdienten mit dem weißen Gemüse ihr Geld. Im Gegensatz zu seinen Eltern und Großeltern verkauft der Franke seit 2005 Biokren. Der ökologische Anbau ist für Kerschbaum eine Chance, damit sein Betrieb wettbewerbsfähig bleibt.

Pro Hektar, überschlägt der 49-Jährige, muss er 1000 Arbeitsstunden investieren. Weil beim ökologischen Anbau zum Beispiel kein chemischer Pflanzenschutz auf dem Feld verteilt werden darf, muss das Unkraut maschinell oder individuell – also händisch – entfernt werden. Bücken, zupfen, bücken und das immer und immer wieder.

Gerhard Kerschbaum und seine Lebensgefährtin Melanie Klesse demonstrieren, wie der Kren mithilfe dieses Anhängers im Frühjahr ausgebracht wird. In den Kästen liegen die Setzlinge, die einzeln in den Boden gesteckt werden. © Michael Matejka


Und auch so, ist der Kren ein Gemüse, das viel Arbeit macht. Im Frühjahr werden die Setzlinge – sie sehen aus wie dünne lange Bleistifte – per Hand in die Ackerfurchen gesteckt – im 40 Grad Winkel. Würden sie senkrecht in der Erde wachsen, wären sie nur schwer zu ernten, denn die Wurzel und ihre Seitenwurzeln – die Fechser – können eine Länge von 80 Zentimeter erreichen.

Ein paar Wochen später müssen Gerhard Kerschbaum und die Saisonarbeiter abermals stundenlang auf dem Feld schwitzen. Jeder Krenfechser wird freigelegt, die schwächeren Triebe werden entfernt und nur der stärkste kommt zurück in die Erde – bei 22.000 Pflanzen pro Hektar ist das ein Knochenjob. 

Auch in Südafrika wächst der Meerrettich

Im gesamten Kreis Erlangen-Höchstadt wird auf etwa 100 Hektar Kren angebaut. Die Anbaufläche ist damit das größte zusammenhängende Meerrettichanbaugebiet in Deutschland. Der Meerrettich wächst aber auch in anderen Ländern der Welt – etwa in Südafrika, Russland und Ungarn sowie in den US-amerikanischen Bundesstaaten Illinois, New Jersey und Missouri.

Ende Oktober beginnen Gerhard Kerschbaum und seine Saisonarbeiter den Biokren zu ernten. Wer die harte Arbeit nicht gewohnt ist, muss „beißen“, sagt der Landwirt. Zu seinen Abnehmern zählen einige Läden, hauptsächlich verkauft er die Wurzel, die viel Vitamin C und ätherische Öle besitzt und als das „weiße Penicillin des Ackers“ gilt, an das Unternehmen Schamel in Baiersdorf. Hier wird der Kren weiterverarbeitet und in Gläschen gefüllt.

Noch sitzt die Schärfe nicht in der Wurzel, sondern in den Blättern, sagt Andreas Schmidt. © Michael Matejka


Ein paar Kilometer weiter, in Biengarten bei Höchstadt, übernimmt Landwirt Andreas Schmidt und seine Familie dies noch selbst. Die Hälfte der Ernte – hier wird Meerrettich konventionell angebaut – wird am Hof eingekühlt und dann nach und nach verarbeitet. Erst werden die Stangen gewaschen, der Schmutz, der in Vertiefungen der Wurzel sitzt, herausgestochen und dann gerieben – 400 Kilogramm pro Stunde.

Immer griffbereit: die Atemschutzmaske

Damit Andreas Schmidt seine Augen vor den Dämpfen schützt, setzt er eine Atemschutzmaske auf. Sie liegt griffbereit auf einem Beistelltisch. „Wir haben zwar schon zwei Absauganlagen, aber die schaffen es nicht“, sagt der 39-Jährige. Am Ende wird der Kren mit Wasser, Essig und Zucker versetzt. Mehrere Zehntausend Gläser produziert die Familie im Jahr.
Seit über 100 Jahren baut Schmidts Familie Meerrettich an. Derzeit beträgt die Anbaufläche fünf bis sechs Hektar. „Der steht heuer super“, sagt der Landwirt als er zwischen die Pflanzen auf das Feld tritt. „Es ist Blattmasse da.“ Die Rechnung ist hier einfach: Wo große Blätter, da große Wurzeln.

Andreas Schmidt und sein Vater Gerhard. © Michael Matejka


Noch sei der Kren nicht scharf, erklärt Andreas Schmidt. Er zerreibt ein Blatt zwischen den Fingern und hält es, zur Demonstration, unter die Nase. Die Schärfe sitzt noch in den Blättern. Erst in zwei Wochen wandern die ätherischen Öle in die Wurzel. Perfektes Timing. Dann beginnt die Ernte.

 

 

 

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Nürnberg & Region