Wandern über der Wunderwelt der Tiefe

16.8.2011, 17:34 Uhr
#createSourceTag($imagePath, "480", "900", $media) #createSourceTag($imagePath, "320", "600", $media) Die Öffentlichkeit kann sich dank eines Wanderweges und vielen Schautafeln oberirdisch die Höhle erschließen.

© Katrin Meistring Die Öffentlichkeit kann sich dank eines Wanderweges und vielen Schautafeln oberirdisch die Höhle erschließen.

300 Liter quellen pro Sekunde aus dem Untergrund und treiben ein Mühlrad an, mit dem früher eine Mühle und heute ein Generator zur Stromerzeugung betrieben wird. Karstquellen wie diese, die großflächige Gebiete unterirdisch entwässern, gibt es viele in Deutschland und insbesondere in der Fränkischen und Schwäbischen Alb. Das allein ist noch keine Sensation. Doch die Mühlbachquellhöhle im Kreis Neumarkt, die seit zehn Jahren von der „Karstgruppe Mühlbach“ erforscht wird, könnte schon bald zu einer der größten Deutschlands zählen, sollten sich die neuesten Berechnungen bewahrheiten.

In einem zwölf Kilometer entfernten Waldstück bei Pfälzerhof schüttete ein hydrologisches Büro auf Empfehlung der Karstgruppe um den Vorsitzenden Dieter Gebelein im August 2010 farbintensive, aber umweltverträgliche Flüssigkeit in mehrere Dolinen, trichterförmige Absenkungen in der Erde, die die Höhle mit Wasser versorgen. Nach nur zwei Tagen tauchte das grell gefärbte Wasser im Quelltopf in Mühlbach wieder auf. „Die Färbeversuche haben ergeben, dass die Höhle noch wesentlich länger sein könnte als bisher angenommen“, sagt Gebelein bei der Wanderführung, die der Verein regelmäßig anbietet. Obwohl die zehn Kilometer lange Tour sechs Stunden dauert, ist sie auch für Familien geeignet. Eigens für Kinder sind einige Stationen errichtet worden, um ihnen die nicht sichtbare Höhle spielerisch zu veranschaulichen.

Die Höhle ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Nur erfahrene Höhlenforscher und -taucher können sich in dem unterirdischen und teilweise vollständig gefluteten System zurechtfinden. „Zum Glück liegen keine Pläne auf dem Tisch, die Höhle zu einer Schauhöhle zu machen“, gibt sich Gebelein erleichtert. „Es lastet ein großer Freizeitdruck auf öffentlich zugänglichen Höhlen. Erfahrungsgemäß sind sie nach kürzester Zeit zerstört.“

Die ehrenamtlichen Höhlenforscher opfern jede freie Minute für ihr Projekt, achten aber darauf, sie so ursprünglich wie möglich zu erhalten. Mit dem knapp zehn Kilometer langen Wanderweg, der dem bisher erforschten Höhlenbereich oberirdisch folgt, will die Karstgruppe ihren Teil zur Öffentlichkeitsarbeit leisten. 15 Infotafeln entlang des gut beschilderten Weges informieren die Wanderer, welcher Teil der Höhle sich bis zu 100 Meter unter ihnen befindet und wie er aussieht. Unter Tafel drei erstreckt sich der Donnerdom, ein großer Höhlenabschnitt mit einem sechs Meter hohen Wasserfall – laut Gebelein deutschlandweit eine einmalige Entdeckung.

7,8 Kilometer des Höhlensystems hat die Gruppe bisher erforscht, viele weitere Kilometer dürften noch folgen. Das Problem: Es gibt nur einen Zugang. Allein, um zu neuem Gebiet vorzudringen, benötigen die Forscher sechs Stunden. Eine mögliche Lösung wäre ein zweiter Zugang. Doch die Forscher haben noch keine geeignete Stelle dafür gefunden. Dazu kommt der Arbeitsaufwand. Allein an dem ersten Zugang haben sie zweieinhalb Jahre gegraben.

Ein Tipp aus der Dorfwirtschaft war ausschlaggebend für den Forschungsbeginn der Karstgruppe. Aus dem Berghang oberhalb von Mühlbach entwichen jeden Winter Nebelschwaden, berichteten die Wirtshausbesucher. Für die leidenschaftlichen Geologen, Physiker und Paläontologen ein erstes Indiz für die Existenz dieser Höhle.

„Wirtschaftspolitik“ nennt Gebelein diese Art der Recherche – ins örtliche Wirtshaus setzen und bei einem Bier mit den Einheimischen über die Geschichte ihres Dorfes reden. Manchmal erzählen die Alteingesessenen am Stammtisch dann von merkwürdigen Naturereignissen wie auch die unerklärlichen Überschwemmung im Februar 1909 im nahegelegenen Eutenhofen. Die Forscher fanden heraus, dass das Dorf auf der Hochebene in einer Senke liegt, die als natürliches Rückstaubecken dient, wenn die Höhle kein Wasser mehr aufnehmen kann. In dem plötzlich entstandenen, acht Kilometer langen See ertranken mehrere Tiere in den Ställen, weil das Wasser zu schnell gestiegen war. Doch das war nur die erste Katastrophe. Die Wassermassen bahnten sich zusammen mit 10000 Kubikmetern Geröll und Schlamm einen Weg durch die Höhle Richtung Mühlbach. Ganze Ortsteile wurden durch den Sturzbach in Mitleidenschaft gezogen.

„Die Bewohner sitzen auf einem Pulverfass“, gibt Gebelein zu Bedenken. „Durch die Rodung der Wälder und die landwirtschaftliche Nutzung der Hochebene haben die Menschen hier quasi eine Wüste geschaffen, die kein Wasser mehr aufnehmen kann.“

Doch so lange das Risiko einigermaßen kalkulierbar ist, machen sich die Mitglieder der Karstgruppe auf die Suche nach neuen geologischen Schätzen und Superlativen in der Höhle. Ein Vater, der die Wanderung zusammen mit seinem Sohn mitmacht, ist selbst leidenschaftlicher Höhlenforscher und war bereits einige Male in der Mühlbachquellhöhle. „Diese Höhle hier ist wie eine schöne, gut sortierte Kunstsammlung. Während andere regelrecht mit Kunstschätzen überladen sind, gibt es hier viele einzelne Objekte, die jedes für sich wunderschön anzusehen sind.“

Start und Ende ist der Kirchplatz in Mühlbach (b. Dietfurt), Kosten: 5 Euro, Schüler: 2 Euro. Bitte Brotzeit und Getränke mitbringen. Voranmeldung unter Tel. 08464/640019 erwünscht. Weitere Infos zum Wanderweg und zur Arbeit der Karstgruppe Mühlbach unter:

www.muehlbachquellhoehle.de oder www.hkwwm.de

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