Völlig verrücktes Reisejahr: 2020 war plötzlich alles anders

24.12.2020, 05:55 Uhr
Wer 2020 ein Wohnmobil nutzen konnte, war im Urlaub halbwegs auf der sicheren Seite.

Wer 2020 ein Wohnmobil nutzen konnte, war im Urlaub halbwegs auf der sicheren Seite. © Pexels, Pixabay, Lizenz CC0

Januar: Die Reisewelt hadert noch mit dem Klima, dem Megathema des Vorjahres: Die Mandelblüte auf Mallorca ist drei Wochen früher dran als üblich, am Neujahrstag sind es in Palma 23 Grad. Vielflieger ärgern sich über die Entwertung ihrer Meilen bei Miles & More. Im österreichischen Almtal entsteht ein neues Angebot: Waldbaden im Winter. Die Urlaubsmesse CMT in Stuttgart zieht an zwei Tagen 90.000 Urlaubslustige an – Rekord. Die Reiselust ist auf einem Höchststand: 80 Prozent der Deutschen haben Ferienpläne. Aber immer weniger wollen fliegen – des Klimas wegen.

Reisewort des Monats: Flugscham

Reiseziel des Monats: die Malediven



Februar: Saudi-Arabien überrascht die Urlaubswelt mit Plänen für ein Ferienzentrum am Roten Meer. In Ischgl gibt der Barkeeper des "Kitzloch" trotz kratzendem Hals eine Runde Willy nach der anderen aus. Skifahren kann man nun auch in Dänemark: auf grünen Matten von Kopenhagens neuer Müllverbrennungsanlage "Copenhill". Der Brexit kommt. Nach bestürzenden Bildern vom Kreuzfahrtschiff Diamond Princess im Hafen von Yokohama sagen deutsche Veranstalter Fernostreisen ab. Grund: ein neues Virus. Ende Februar ist Italien Hochrisikogebiet. Die Reisemesse ITB in Berlin wird vorsichtshalber abgesagt.

Reisewort des Monats: Robert Koch-Institut

Reiseziel des Monats: Ischgl

März: Innerhalb von zwei Wochen schließen die Länder der Welt Grenzen, der Flugverkehr wird eingestellt, Veranstalter sagen alle Reisen ab, touristische Übernachtungen in Deutschland werden verboten. Von Marokko bis Südafrika hocken Rückkehrwillige in Hotelzimmern und bemühen sich um die letzten Rückflüge nach Hause. Das Auswärtige Amt spricht eine weltweite Reisewarnung aus.

Reisewort des Monats: Shutdown

Reiseziel des Monats: Zuhause, ganz schnell

Das gab es vor 2020 kaum. Eine Maske am Strand im französischen Saint Malo.

Das gab es vor 2020 kaum. Eine Maske am Strand im französischen Saint Malo. © Sven Severing, imago

April: Der Osterurlaub muss gestrichen werden. In gewaltigem Kraftakt holen Veranstalter und Regierung 240.000 Urlauber nach Hause. Reisebüro-Mitarbeiter schieben Überstunden, um Urlaube und Einnahmen rückabzuwickeln, die sie 2019 verkauft hatten. Erboste Kunden, die ihr Geld wieder haben wollen, landen bei Fluggesellschaften und Reiseveranstaltern in der Telefon-Warteschleife. Für die Reisebranche geht es ums Überleben. Die Akropolis in Athen dagegen lebt auf: Während Touristen ausbleiben, bekommt das Bauwerk eine umfassende Schönheitskur.

Reisewort des Monats: Umbuchung

Reiseziel des Monats: Balkonien

Mai: Der Sonnencreme-Verbrauch sinkt radikal – schuld ist die neue Maskenpflicht. Die Expo in Dubai wird um ein Jahr verschoben, ebenso die Olympischen Spiele in Tokio, das Beethoven-Jubiläumsjahr und die Fußball-EM. In Singapur spazieren Roboterhunde durch Stadtparks und mahnen Spaziergänger per Lautsprecherdurchsage an die Abstandsregeln. Die weltweite Reisewarnung wird bis Mitte Juni verlängert. Doch mit dem Frühling keimt Hoffnung: Erste Bundesländer lockern vor Pfingsten die Corona-Beschränkungen, an Nord-und Ostsee werden mutige Urlaubsgäste gesehen. Als das Einreiseverbot fällt, sind Sylt und Usedom binnen Stunden für die ganze Saison ausgebucht. Die Ostfriesischen Inseln vermieten nur noch wochenweise. Am Tegernsee sperrt der Bürgermeister die Parkplätze.

Reisewort des Monats: Mundschutzpflicht

Reiseziel des Monats: Tegernsee und Sylt

Juni: Ist das schon die Erlösung? Die Reisewarnung für Touristen wird ab 15. Juni für die meisten EU-Staaten aufgehoben. Nur Spanien muss nachsitzen. Die Bevölkerung teilt sich: Die einen sind skeptisch, die anderen entdecken Flüge mit Maskenpflicht und Hotels mit Hygienekonzept. Der Alpenverein schreibt auf den Berghütten Reservierungspflicht und eigene Bettzeugmitnahme vor. Erste Urlaubsrückkehrer schwärmen von Venedig ohne Touristen. Für mehr als 160 Länder auf der Welt gilt weiter die Reisewarnung. Der Rest will Deutsche nicht reinlassen. Bleiben Ruanda, Uruguay und immerhin Tahiti – falls ein Flieger geht.

Reisewort des Monats: Risikogebiet

Reiseziel des Monats: Rimini mit Plexiglas

Beine Baumeln lassen: Wenigstens das ging 2020 auch ohne Reiseticket.

Beine Baumeln lassen: Wenigstens das ging 2020 auch ohne Reiseticket. © Zacharie Scheurer, dpa-tmn

Juli: Jetzt ist auch Spanien wieder offen. Die gesamte deutsche Küste und die Berge sind sowieso ausgebucht. Camping und Wohnmobilurlaub erleben ungeahnte Blüten. Die Pandemie scheint besiegt. An der südenglischen Jurassic Coast gibt es eine neue Touristenattraktion: Parkende Kreuzfahrtschiffe, die man per Boot umrunden kann. Mit dem „Dolce Hanoi Golden Lake Hotel“ eröffnet in Vietnam das erste komplett vergoldete Hotel der Welt – trotz Einreiseverbot fürs ganze Jahr.

Reisewort des Monats: Corona-konform

Reiseziel des Monats: Mallorca ohne Bierkönig

August: Die kurze Entspannung geht zu Ende. Mitte August hat die Pandemie Spanien mit Ausnahme der Kanaren wieder fest im Griff. Erste Kreuzfahrtschiffe starten ab Hamburg und Kiel – mit „Blauen Reisen“ ohne Landgang. Afrikas Nationalparks stehen wegen Geldmangel vor dem Aus. Auf Mallorca herrscht wieder Maskenpflicht, jeder kann sich allerdings per Internet-Formular selbst attestieren, dass er aus medizinischen Gründen keine Maske tragen soll. Mauritius im Indischen Ozean verhängt für Urlauber eine 14-tägige Quarantänepflicht, die auch in exklusiven Fünf-Sterne-Häusern und Luxusvillen abgeleistet werden kann.

Reisewort des Monats: Undertourism

Reiseziel: Kreuzfahrt ohne Landgang


Weltreisen ohne Weltsicht? Ein kritische Betrachtung des Tourismus


September: Jetzt sind auch die Kanaren Risikogebiet. Dafür öffnen sich erste Fernreiseziele: Kuba, Barbados, Seychellen. Bald geht es auch wieder nach Namibia. Ägypten bringt die Besuchereinrichtungen bei den Pyramiden in Schuss. Ob Türkei, Italien oder deutsche Ostsee: Im Wochenrhythmus werden Reiseziele aus der Reisewarnung entlassen, um wenig später von Neuem als Risikogebiet eingestuft zu werden. Wer reisen will, muss die Webseiten von RKI und Auswärtigem Amt im Blick behalten.

Reisewort des Monats: Corona-Lastminute

Reiseziel des Monats: Kalabrien

Oktober: In Deutschland wird es kompliziert. Wer aus einem Corona-Risikogebiet anreist, braucht vielerorts den Nachweis über einen negativen Corona-Test. Baden kann man nur noch am Rand Europas, Madeira etwa. Die Kanaren werden wieder freigegeben. Kreta verlängert die Saison bis Dezember. Doch immer mehr Reiseanbieter nehmen den Außenminister beim Wort ("Reisewarnungen sind kein Reiseverbot"): Die Tui legt Flugcharter nach Mallorca und auf die Malediven auf, FTI folgt mit Ägypten und der Türkei. Alle diese Ziele sind mit einer Reisewarnung samt anschließender Quarantänepflicht belegt, aber gut gebucht.

Reisewort des Monats: Freitesten

Reiseziel des Monats: Kreta

November: Der BER hat tatsächlich geöffnet – mit neun Jahren Verspätung. Doch es folgt ein neuer Lockdown, zunächst in der Light-Version, damit wir wenigstens Weihnachten feiern können. Es zeichnet sich ab, dass es in diesem Jahr noch eng werden könnte mit Reisen.

Reisewort des Monats: Beherbergungsverbot

Reiseziel des Monats: Kanaren mit PCR-Test

Eine Radtour in der Natur ist eine gute Idee - auch ohne Pandemie.

Eine Radtour in der Natur ist eine gute Idee - auch ohne Pandemie. © Tobias Hase, dpa

Dezember: Die Azoren sind jetzt auch Risikogebiet, dafür dürfte man wieder quarantänefrei in die Bretagne reisen, wenn dort ein Zimmer frei wäre. Die Karibikinsel Dominica stellt ein Urlaubskonzept vor, das Sonne, Strand und Wassersport enthält, aber keinen Kontakt mit Einheimischen. Der "Lockdown light" wird verlängert und schrittweise verschärft. Die Kanzlerin warnt vor Reisen, egal wohin, das Außenministerium zieht seine Reisewarnung vor den Karibikinseln Guadeloupe und Martinique zurück. Der Start der Skisaison wird europaweit auf 10. Januar verlegt, nur die Schweiz und Polen machen nicht mit. Mit AirBnB feiert ein besonders von der Pandemie getroffenes Touristikunternehmen einen gefeierten Börsengang. Aus Flugscham wird binnen zwölf Monaten bei vielen Urlaubsscham. Aber es keimt auch Hoffnung: Die ersten Impfstoffe kommen auf den Markt.

Reisewort des Monats: Pandemieentwicklung

Reiseziel: Dominica ohne Einheimische