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Auto-Millionär in Siebenbürgen ermordet

Probleme zwischen bayerischer und rumänischer Polizei - Tatverdächtiger auf der Flucht - Private Ermittler aus Nürnberg beteiligt - 28.08.2002

Der Mordfall Spanner dokumentiert gleichermaßen die Goldgräberstimmung in Osteuropa mit ihren kriminellen Auswüchsen wie die Hilflosigkeit der staatlichen Ermittlungsbehörden im internationalen Kontakt: In wesentlichen Teilen aufgeklärt haben den Fall nämlich die privaten Ermittler von „Security First”, einer Nürnberger Detektei, die von der Familie des Opfers eingeschaltet wurde. „Security First” wird von einem früheren Angehörigen eines Spezialeinsatzkommandos der Polizei geführt, der schon kurz nach dem Verschwinden Spanners den Regensburger Fliesenleger Dirk Mehnert (32) als Hauptverdächtigen benennen konnte. Die Polizeipräsidien in Regensburg und Bukarest bestätigten inzwischen den Leichenfund und fahnden nach Mehnert, der sich in Ostbayern aufhalten soll.

Alois Spanner war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der mit seinem Familienunternehmen vier große VW- und Audi-Autohäuser in Dingolfing, Landau und Landshut betrieb. Das Geschäft mit Osteuropa reizte den Auto-Millionär. Deshalb baute er eine riesige Filiale für Audi und Volkswagen im rumänischen Targu Mures. Die 165 000-Einwohner-Stadt liegt zentral in Rumänien.

Allerdings musste der Chef aus Deutschland seinen dortigen Statthaltern auf die Finger schauen; auch mit der Zahlungsmoral der Kunden stand es nicht zum Besten. Spanner war am 27. September 2001 nach Rumänien gefahren, um Leasingraten einzufordern. Am 28. September besuchte er, begleitet von Mehnert, Kunden und führte nachmittags große Mengen Bargeld mit sich. Bis zu 100 000 Mark könnten es nach Schätzungen gewesen sein. Dann verlor sich seine Spur. Spanner hatte Mehnert kennengelernt, als der 32-Jährige seinen Sportwagen zur Reparatur in Targu Mures abgab. Der arbeitslose Oberpfälzer lebte mit seiner 19-jährigen Freundin in der Stadt und verfügte offenbar über gute Kontakte zur Geschäfts- und Unterwelt, wie es in Polizeiprotokollen heißt.

Mehnert meldete Spanner Anfang Oktober als vermisst. Er war der letzte, der Spanner gesehen hatte. Erst sagte er aus, Spanner sei in ein fremdes Auto gestiegen. Dann widerrief er seine Aussage und erklärte schriftlich, Spanner sei noch mit ihm in seiner Wohnung gewesen und dann mit einem Unbekannten weggefahren.

Der Widerspruch fiel den privaten Ermittlern schnell auf. Doch die Arbeit gestaltete sich schwierig. Die rumänische Polizei, um Diskretion gebeten, ließ die Nachricht von den deutschen Detektiven gleich per Fernsehen verbreiten. Mehnert fühlte sich dennoch sicher. Inzwischen hatte „Security First” die Kriminalpolizei in Niederbayern eingeschaltet. Als Mehnert zu Besuch in Dingolfing war - er wollte Geschäftsführer des Autohauses in Targu Mures werden - nahm ihn die Polizei fest, konnte aber angeblich keine Ungereimtheiten in seinen Aussagen erkennen. Mehnert kam wieder frei und tauchte unter.

Seine Freundin Michaela lebte weiter in der gemeinsamen Wohnung - wo auch die zerstückelte Leiche Spanners lag; die junge Frau war Mitwisserin. Am Montagabend, 18 Uhr, rief sie die Polizei und zeigte den Ermittlern die in Plastiktüten verpackten Überreste.

Der tatverdächtige Mehnert meldete sich seither - so rumänische Ermittler - per Mobiltelefon bei seiner Freundin aus Ungarn und Österreich und soll gestern nach Bayern eingereist sein.

Druck aus Bayern

Die Kommunikationsprobleme zwischen deutscher und osteuropäischer Polizei wurden zuletzt beim Mordfall Erich Kunder (51) deutlich. Erst nach einer harschen Intervention des bayerischen Innenministers Günther Beckstein in Prag kam die Fahndung auf Touren, und die Mörder des Bürgermeisters aus Röckingen im Landkreis Ansbach wurden im Juni, vier Monate nach der Bluttat, in enger Zusammenarbeit mit der Ansbacher Polizei in Cheb (Eger) gefasst. Druck aus Bayern gab es auch nach dem Mord an dem Münchner Gymnasiasten Sebastian O. im April 2001. Ein 23-jähriger Rumäne hatte seinem Opfer die Kehle durchgeschnitten und verschwand mit dessen BMW nach Rumänien, wo er sich wochenlang unbehelligt aufhalten konnte. Der Täter durfte nach seiner Festnahme sogar Interviews im rumänischen Fernsehen geben. 

LORENZ BOMHARD

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