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Auf Stühlen lässt sich nicht nur sitzen

Die Kinderstuhl-Sammlerin Gisela Neuwald kommt ins Neue Museum - 02.02.2012 10:00 Uhr

In edlem Design oder ganz schlicht, bunt oder einfach aus Holz: Vom Hochstuhl bis zum Klostuhl sind in der Ausstellung „Spielerisch sitzen“ im Neuen Museum Kinderstühle jeglicher Art zu sehen.

01.02.2012 © Eduard Weigert


Im weiteren Gespräch mit ihr stellt sich heraus, dass sie durchaus das eine oder andere dazu getan hat, damit die Stühle sich bei ihr angesammelt haben. Mitunter hat sie sogar so manche Anstrengung unternommen, um in den Besitz eines weiteren Kinderstuhls zu kommen. 230 Stühle haben über die Jahre hinweg den Weg zu ihr gefunden.

Angefangen hat es in den 1970er Jahren. Und jetzt haben es 166 Stühle aus ihrer Sammlung ins Museum geschafft. Bis zum 29. Februar sind sie im Neuen Museum in Nürnberg in der Schau „Spielerisch sitzen – Kinderstühle von Groß für Klein“ zu sehen. Die Ausstellung ist in Kooperation mit der Neuen Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne entstanden. Heute um 18 Uhr spricht Gisela Neuwald in der Ausstellung mit Florian Hufnagl, dem Direktor der Neuen Sammlung München, und Angelika Nollert vom Neuen Museum über ihre Sammelleidenschaft.

Stühle sind ein Spiegel ihrer Zeit

Das dürfte spannend werden, denn ein Stuhl ist eben nicht einfach nur ein Stuhl, sondern auch ein Stück „Kleinarchitektur“, an dessen Gestaltungsaufgabe kaum ein Architekt vorübergegangen ist, wie Florian Hufnagl im Begleittext zur Ausstellung schreibt – „und bei Designern ist Stuhl sowieso ein Lieblingsthema“. Anhand von Stühlen kann man außerdem Kulturgeschichte nachvollziehen, sie sind ein Spiegel ihrer Zeit. Gisela Neuwalds Sammlung umfasst Asien, Afrika, Europa und Amerika, sie reicht vom Biedermeier bis zur Neuzeit, vom Hochstuhl über den Klostuhl bis hin zum Kindergartenstuhl. Industriell gefertigte Stühle sind genauso vertreten wie Künstlerstühle – zum Beispiel von Rudolf Bott und Gerd Rothmann. Vor allem aber gibt es zu all diesen Ausstellungsstücken Geschichten zu erzählen. Was die 72-Jährige auf lebendige, unterhaltsame Art tut.

Mit Stühlen in den Zug: Die Sammelleidenschaft erfasst Gisela Neuwald auch auf Reisen.

01.02.2012 © privat


Die Geschichte von ihrem ersten Stuhl zum Beispiel. Dieser Kinderstuhl stand im Zweiten Weltkrieg in Friesack in der Mark Brandenburg, wo sie geboren wurde. Auf diesem Stuhl saß sie eines Tages, als Berlin bombardiert und sie durch den Lärm der Flugzeuge in Angst und Schrecken versetzt wurde. „Aber das Sitzen auf meinem Stuhl gab mir irgendwie Halt, und ich spürte eine gewisse, scheinbare Sicherheit.“ Vielleicht war also dieses Erlebnis der Auslöser für ihre spätere Sammelleidenschaft. Jedenfalls löste der Anblick eines Kinderstuhls auf dem Dachboden einer Bekannten Erinnerungen an die Kindheit aus – kaum nötig zu sagen, dass just dieser das erste Exemplar ihrer Sammlung wurde.

Einer ihrer Söhne sollte später sagen: „Dass du Kinderstühle sammelst, merkt doch jeder.“ Woraufhin ihr selbst das erste Mal auffiel, dass sie sehr viele Stühle hatte. Sie hat auch eine Erklärung dafür, warum ihr das lange entgangen war: „Jeder meiner Kinderstühle hatte eine Aufgabe“, sagt sie. „Ich habe sie nicht in den Keller gestellt, sondern sie wurden alle eingesetzt.“

Und für was alles man Kinderstühle einsetzen kann – jedenfalls beileibe nicht nur, um darauf zu sitzen: Um in der Küche Kochbücher darauf zu legen, um die eigenen Kinder und später die Enkelkinder im Badezimmer darauf klettern zu lassen, damit das Waschbecken in Reichweite gerät, für Kinderspiele im Garten – die „Reise nach Jerusalem“ beispielsweise oder, wenn sie hintereinander aufgereiht sind, für Zugspiele. Angesichts der kleinen Stühle „denken meine Enkelkinder immer, sie sind herzlich willkommen“, sagt die Sammlerin. Nur das Jüngste, gerade Geborene „kennt meine Stuhlwelt noch nicht“.

Die hat Gisela Neuwald in aller Welt zuammengetragen, mit dem Zug, dem Auto und dem Flugzeug, und dabei weder Mühen noch Kosten gescheut. Manchmal, so gesteht sie, habe sie die Neuerwerbungen angesichts des Preises, den sie dafür zahlte, erst einmal schamhaft vor der Familie versteckt, andere Stühle bekam sie geschenkt. Welcher ihr liebster ist, kann sie nicht sagen, egal ob er Tausende Euro oder 1,50 Euro wert ist: „Jeder Stuhl hat mein Herz erobert.“ Klar, dass sie nicht ganz ohne auskommen kann: Seit ihre Kinderstühle im Museum sind, hat sie schon wieder ein paar neue gekauft. Nicht zum Sitzen. Sondern weil das Sammeln nicht einfach aufhören kann. Zum Sitzen hat sie einen Erwachsenenstuhl. Der stammt von der irischen Designerin Eileen Gray – und ist auch etwas Besonderes.
 

Eva Kettler

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