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Tanzen wie vor 300 Jahren

Peter Hoffmann unterrichtet Barocktanz - 08.02.2011 20:16 Uhr

Christiana von Roit und Peter Hoffmann in historischen Kostümen vor dem Gasthaus Grüner Baum in Fürth: Hier veranstalten sie ihren „Tanzboden“ mit Barocktanz. © Uwe Niklas


Unter den Ärmeln des Überrocks, der fast die knielange Hose verdeckt, ragen die gerüschten, schwarzen Ärmel des Hemdes heraus.

Dass Peter Hoffmann in einem Barockkostüm herumläuft, ist dann aber doch nicht so überraschend. Schließlich unterrichtet er Barocktanz. Und hat sich gerade für einen Fototermin fertig gemacht. Die Näherin des Kostüms ist ebenfalls anwesend. Christiana von Roit schneidert in Bamberg – und zwar alles, aber am liebsten eben doch historische Kostüme. Wie Peter Hoffmann, ihr Partner im privaten Leben wie beim Tanz, ist sie passend fürs 17. Jahrhundert gekleidet. Ihr Seidenkleid hat Rüschen am Hals, die Taille ist schmal geschnürt, der Stoff über dem Gesäß gerafft.

Das Herz der beiden schlägt für ein heutzutage eher ungewöhnliches Genre: alte Tänze, vor allem Barocktanz. „Es ist wie ein Virus, das man nicht mehr loswird“, sagt das Paar unisono. Befallen davon wurden sie unabhängig voneinander. Der heute 46-jährige Peter Hoffmann wurde mit 19 von seinem Vater angesteckt. Der pflegte historische Musik als Hobby. Durch Zufall kam er zu einem historischen Tanzkurs und blieb dabei. Der Sohn schloss sich an – und konnte sich der Faszination ebenfalls nicht mehr entziehen. Gemeinsam besuchten sie Tanzmeister in ganz Deutschland und schlossen sich einer Tanzgruppe an, die sich regelmäßig in Schloss Wiesenthau bei Forchheim traf.

Weiterbildung bei Tanzmeistern in Italien

Auch während seines Kommunikationsdesign-Studiums, anschließender Berufstätigkeit, eines Umzugs nach Berlin und zurück nach Nürnberg blieb Peter Hoffmann dem historischen Tanz treu. Bei verschiedenen Tanzmeistern, auch in Italien, bildete er sich weiter. Und machte sein Hobby schließlich zum Beruf.

Inzwischen arbeitet er selbst als Tanzmeister, hat Tanzklassen in Bamberg, Fürth und in Nürnberg im Ballettförderzentrum und gibt außerdem Wochenendkurse. Zusammen mit Christiana von Roit hat er eine Veranstaltung ins Leben gerufen, die unter dem Namen „Tanzboden“ firmiert und einmal im Monat sonntags stattfindet: Unter Anleitung des in Barockkostümen gekleideten Paars können Laien mitmachen bei leichten historischen Tänzen. Veranstaltungsorte sind bisher das Gasthaus Grüner Baum in Fürth, die Orangerie in Ansbach und ein Hotel bei Amberg. Einen geeigneten Veranstaltungsort in Nürnberg sucht das Paar derzeit noch.

Auftritte mit der eigenen Tanzkompagnie „Les Apricots“

Seit Herbst 2007 tanzen Peter Hoffmann und Christiana von Roit zusammen. Nachdem sie 2008 in Erlangen im Rahmen der Gluck-Opern-Festspiele aufgetreten waren, gründeten sie ihre eigene Tanzkompagnie „Les Apricots“. Wie es zu dem Namen kam? „Es ist üblich, einen Tanz zu nehmen“, sagt er. „Es sollte auf jeden Fall was Französisches sein“, sagt sie. „Vom Kokettieren und Kosen kam ich auf Aprikosen“, sagt er. „Mit Barocktanz hat das zwar eigentlich nichts zu tun, aber es ist etwas Eigenständiges, was barock klingt.“ Gefragt ist die Gruppe bei Feiern, so trat sie beispielsweise im Rahmen des Wilhelminenfests in Erlangen auf.

Außer Peter Hoffmann sind alle „Aprikosen“-Mitglieder Balletttänzer. Auch Christiana von Roit. Deren Vorgeschichte soll noch kurz erwähnt werden. Mit acht Jahren begann die gebürtige Bambergerin eine Ballettausbildung. Das Tanzen blieb ihre Leidenschaft, auch als sie das Schneiderhandwerk erlernte. 2006 begann sie mit historischem Tanz – in Berlin, wohin es sie kurzzeitig verschlagen hatte. Als sie nach Franken zurückkehrte, blieb sie ihrem neuen Hobby treu. Dabei lernte sie Peter Hoffmann kennen.

Ihre Kostüme fertigt die 37-Jährige nach Schnittmaterialien, die sie Bildbänden über historische Kleidung entnimmt, Inspiration geben auch Gemälde. „Das 18. Jahrhundert war eines der farbenprächtigsten, ausstattungsfreudigsten, opulentesten Jahrhunderte“, gerät sie ins Schwärmen. Ihr frühestes Kostüm sei der Brabanter Mode um 1420 entlehnt, verrät sie. Das sei die erste Tanzperiode des historischen Tanzes in Italien gewesen, von der es nur ein einziges nicht-italienisches Manuskript gebe, ergänzt Peter Hoffmann.

Die beiden haben viel zu erzählen, sie scheinen aus einem schier unergründlichen Fundus an Wissen über historischen Tanz, die dazugehörigen Kostüme und die Begleiterscheinungen jener Zeitepochen zu schöpfen. „Du betreibst das eigentlich wissenschaftlich“, sagt Christiana von Roit. Wie bei einem Tanz mit komplizierten Schritten entspinnt sich das Gespräch mit ihnen. Dazwischen holt Peter Hoffmann ein Buch mit Choreografien hervor. Für den Laien mögen sie aussehen wie wirres Gekritzel, für ihn ist dagegen beim ersten Blick klar, um welche Schrittabfolgen es sich hier handelt.

Unter Ludwig XIV. entstand Ballettakademie

Aufzeichnungen von Tanzmeistern gibt es seit dem 15. Jahrhundert. Zunächst tanzten Adelige Paartänze für andere Adelige, unter Ludwig XIV. entstand schließlich eine Ballettakademie, und damit wurde Tanz professionell betrieben. 500 Originalchoreografien sind aus der Zeit zwischen 1700 bis zur Französischen Revolution aus Frankreich, England, Italien und Deutschland erhalten.

Jeden Tag, so erzählt Peter Hoffmann, forsche er im Internet über historischen Tanz. Mit dem Leipziger Barockorchester hat er inzwischen eine CD mit 37 Tänzen gemacht. Davor war ein Stück Arbeit notwendig: Um Tanzstücke ausfindig zu machen, musste er verschiedene Opern durchforsten.

Von solchem fachlichen Ehrgeiz sollen die Interessierten, die zum „Tanzboden“ kommen, nicht eingeschüchtert werden. Hier zähle vor allem der Spaß an der Sache , betont Hoffmann. Wer einen launigen Sonntagnachmittag verbringen wolle, müsse einfach nur Lust darauf mitbringen. „Es soll eher ein Spielen sein. Eins und zwei und rechts und links – das ist alles, was man können muss.“

Weitere Informationen gibt es bei Peter Hoffmann unter Tel. 0911/ 2128108 oder unter www.barocktanz.com



 

Eva Kettler E-Mail

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