Ein Gefühl, von dem Dünne nichts ahnen

18.4.2011, 19:26 Uhr
Robert Erkenbrecher (l.) hat es geschafft: Er kann Brezen auf dem Tisch liegenlassen und passt wieder in normale Kinositze. Ein Verdienst des „Optifast“-Abnehmprogramms und der Psychologin Natalie Heinermann-Müller (r.).

Robert Erkenbrecher (l.) hat es geschafft: Er kann Brezen auf dem Tisch liegenlassen und passt wieder in normale Kinositze. Ein Verdienst des „Optifast“-Abnehmprogramms und der Psychologin Natalie Heinermann-Müller (r.). © Harald Sippel

„Ja, und ich nehm’ das Drehkreuz im Supermarkt nicht mehr mit!“, sagt er. „Ja, und ich kann mich einfach wieder in einem Café auf einen Standardstuhl setzen!“, sagt sie. „Ja, und ich kann in einer engen Parklücke halten und trotzdem noch aussteigen!“, sagt er.

Fast könnte man meinen, das Klinikum hätte die beiden angeworben. Wenn nicht die ehrliche Euphorie in ihren Augen aufblitzen würde. 70 Kilo hat er auf der Strecke gelassen, seit Robert Erkenbrecher (51) vor einem halben Jahr mit dem Optifast-Programm begann; 35 Kilo sind es bei Gonca Ön (35), und sie hat die 52 Wochen des speziellen Angebots, das auf eine langfristige Gewichtsabnahme zielt, bereits absolviert.

Beide haben zahlreiche Versuche hinter sich, 25 Kilo hat Gonca Ön schon einmal abgespeckt – 25 Kilo plus hat sie zurückbekommen. Robert Erkenbrecher wiederum hat seit 2000 ein Magenband – „selbst das kann man austricksen“, sagt er. 210 Kilogramm hat er gewogen, „jetzt bin ich kein Fässchen mehr, sondern nur noch ein Röllchen“, sagt er und lacht fröhlich. Sie will ihr Ausgangsgewicht lieber nicht verraten. Den beiden kann nichts und niemand ihr neues Lebensgefühl nehmen. „Dieses Gefühl kann sich ein Dünner gar nicht vorstellen“, sagt der 51-Jährige.

Dabei, betonen sie, sei das Abnehmen mit dem Programm für sie ein Zuckerschlecken gewesen. Bevor es losging, hat sich Gonca Ön noch mal bewusst mit Fastfood vollgestopft, mit Süßem und Fettigem. „Dabei war es dann ganz leicht.“ Die ersten drei Monate bestanden aus Pulverkost. Nur 800 Kilokalorien, aber ausgewogen angereichert mit Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen, dazu literweise Wasser oder ungesüßten Tee – da purzelten die Pfunde. Der schnelle Erfolg sei extrem motivierend, sagt Natalie Heinermann-Müller, die die Teilnehmer als Psychologin betreut. Außerdem werden sie medizinisch und physiotherapeutisch überwacht. In der zweiten Phase lernen die Teilnehmer, das eigene Essverhalten konsequent und radikal zu verändern, in der dritten soll das Erreichte stabilisiert werden. Das Ganze findet in der Gruppe statt.

Gruppe? Therapie? Davon hielt Gonca Ön zuerst überhaupt nichts. Jetzt bietet genau diese Gruppe für die 35-Jährige und auch für Erkenbrecher die wesentliche Unterstützung, den Halt. „Als Einzelkämpfer“, sagt Erkenbrecher, „bist du verloren.“

Gerade mal vier Bahnen hat er im Schwimmbad anfangs geschafft, jetzt sind es 34; 6,5 Kilometer kann er jetzt locker laufen, früher musste er schon auf dem Weg zum Auto eine Pause einlegen. 90 Einheiten Insulin musste er früher spritzen, „jetzt sind es null“. Früher brauchte er ein Asthma-Spray, „jetzt nicht mehr“, und von seinen Blutdruck-Tabletten konnte er drei Viertel absetzen. „Wenn mir ein Dicker sagt, sein Gewicht sei ihm wurst, dann lügt er.“

Allerdings gibt Gonca Ön zu bedenken, dass der eigene Wille maßgeblich für den Erfolg sei. „Dass Menschen mit Übergewicht abnehmen müssen, das wissen sie selbst.“ Immerhin gibt’s das Erfolgserlebnis mit Optifast auch nicht umsonst. 3100 Euro kostet das einjährige Programm. Enthalten ist allerdings auch die Pulverkost, außerdem übernehmen manche Kassen teilweise die Kosten. Das Geld kann in monatlichen Raten abgezahlt werden. 650 Teilnehmer haben seit dem Start vor zehn Jahren das Programm durchlaufen, rund zehn Prozent brechen vorzeitig ab. Dabei sei es psychologisch wichtig, dass der erste Rückfall innerhalb des Jahres passiert. Meist sei das nach sechs bis neun Monaten der Fall, wenn man selbst und das soziale Umfeld sich an die Gewichtsreduktion gewöhnt haben, sagt Psychologin Heinermann-Müller. Denn auch der Umgang mit Tiefschlägen muss trainiert werden.

Jeder zweite Deutsche leidet unter Übergewicht. „Ein ausgewachsenes fränkisches Mannsbild bringt zwei Zentner auf die Waage und ist damit genau richtig – aber eben auch übergewichtig“, sagt der Chefarzt der Gastroenterologie, Dr. Herbert Muschweck. Kein Wunder: Die Überflussgesellschaft macht Dicken das Leben schwer. „Überall steht was rum“, sagt Muschweck. Jetzt sind es Brezeln. Die lachen ihn schon an, sagt Erkenbrecher. „Aber ich habe es nie für möglich gehalten, wie man sich an einer riesigen Schüssel Salat mit Putenbrust erfreuen kann.“

Die nächste Informationsveranstaltung findet am Dienstag, 3. Mai,

17 Uhr, im Klinikum Nord, Haus 14, Zi.9 im Erdgeschoss, statt. Weitere Auskünfte unter Tel. 398-2776, E-Mail: optifast@klinikum-nuernberg.de


 

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