Wie sehr leiden Kinder unter der Personalnot in Kitas?

17.8.2016, 06:00 Uhr
Ist der Beruf der Erzieherin zu unattraktiv? Viele Kitas befinden sich verzweifelt auf der Suche nach geeigneten Betreuerinnen.

Ist der Beruf der Erzieherin zu unattraktiv? Viele Kitas befinden sich verzweifelt auf der Suche nach geeigneten Betreuerinnen. © Horst Linke

"Ich kriege immer mehr Leute, denen ich alles sagen muss", klagt Judith Flick, Leiterin des Hauses für Kinder in der Lerchenbühlstraße, die sich eigentlich "gefestigte, eigenständige Persönlichkeiten" wünscht. Dass diese immer schwerer zu finden seien, führt sie auch auf neue, kürzere Ausbildungen zurück. Quereinsteiger könnten sich in nur einem Jahr zur Kinderpflegerin umschulen lassen, der Beruf sei offenbar immer weniger wert. "Und das ist paradox, denn die Ansprüche steigen. Wir müssen immer mehr Bildungsarbeit leisten."

Lena Schütte vom "Zauberwürfel" der Diakonie Mögeldorf sieht es ähnlich. "Wir haben so lange für das Ansehen unseres Berufs gekämpft", sagt die Leiterin des Kindergartens. "Und jetzt läuft es rückwärts." Angesichts der Personalnot spiele die Qualifikation offenbar keine so große Rolle mehr. "Hauptsache, es sind Leute da." Sie selbst hat jüngst eine neue Mitarbeiterin nur über persönliche Kontakte gefunden, "der Markt ist abgegrast". Was helfen würde, ist in ihren Augen eine Aufwertung des Berufs. "Seit Jahren fordern wir eine ähnliche Anerkennung wie die Grundschullehrer."

Doch damit ist es immer noch nicht weit her. Gute Kräfte ziehen daraus die Konsequenzen und bilden sich weiter, wie Judith Flick immer wieder feststellen kann. So zum Beispiel ihre Mitarbeiterin Christiane Bezold. Sie macht ihn gern, ihren Job mit den Kindern. Trotzdem sind ihre Tage im Haus für Kinder gezählt. Im Herbst wird Bezold ihr Referendariat antreten, sie hat nach ihrer Erzieherausbildung und ein paar Jahren im Beruf noch Grundschullehramt studiert.

Mangelnde Chancen

Wenig Verdienst, wenig Aufstiegsmöglichkeiten, vor allem aber die fehlende Anerkennung in der Gesellschaft: Das sind für die 29-Jährige die Gründe, noch einmal neu anzufangen. "Ich bin Lehrerin." Die Reaktionen auf diesen Satz fallen laut Bezold anders und sehr viel positiver aus als die Reaktionen auf die Berufsangabe "Erzieherin".

Auch ihre Kollegin Hannah Münzer wird sich vielleicht demnächst beruflich verändern. Derzeit ist sie Gruppenleiterin in der evangelischen Kita, doch absolviert sie berufsbegleitend ein Studium im Bereich soziale Arbeit an der Ohm-Hochschule. Alle zwei Wochen Blockunterricht an der Uni, dazu der 35-Stunden-Job, das sei ganz schön happig, sagt die 27-Jährige. Doch nach sechs Jahren im Beruf suchte auch sie nach neuen Möglichkeiten. "Den Dienst in der Gruppe hält man nicht 40 Jahre lang durch", glaubt Münzer. "Dafür ist die Belastung einfach zu hoch."

Ihre Chefin Judith Flick kann das nur bestätigen. "Über 60-Jährige gibt es kaum", sagt die Leiterin des Kinderhauses. Laut einer Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gehen Erzieherinnen im Schnitt mit 59 Jahren in Rente. Flick versteht deshalb, dass ihre Mitarbeiterinnen neue Perspektiven suchen. "Ich will ihnen da keine Steine in den Weg legen."

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