Sonntag, 15.12.2019

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30. Juni 1969: Das Geschäft gestört

"Nürnberger Nachrichten" lauschten bei den "200 Meilen von Nürnberg" - 30.06.2019 07:00 Uhr

Wenn es voll wird, muss man erfinderisch sein. Hier wird die Leiter zum Sitzplatz. © NN


Freilich, soviel Bewunderung brachten nicht alle Passanten auf, die das schöne Sonntagswetter zum Dutzendteich führte. Die Milchfrau zum Beispiel betonte: „Das Rennen stört mein Geschäft, weil abgesperrt ist, kommt kaum jemand bei mir vorbei, dabei haben wir Sonntag und so ein ideales Einkaufswetter.“ Sie meinte damit nichts anderes, als daß sonst an Sonntagen die Spaziergänger zu Hunderten sich um ihren Stand drängen.

Währenddessen klagte die Bootsfrau am Dutzendteich: „Früher haben die Leute nicht gewußt, wie sie ein Boot erwischen sollen. Alle laufen zum Rennen. Schon früh um fünf Uhr haben sie markiert. Was bleibt da für uns noch übrig.“ Das ist genau der Trend, zu dem solch ein Rennen führt. Man kann es am besten damit umschreiben: des einen Freud ist des andern Leid. Verzweifelt versuchte im Restaurant am Dutzendteich ein Musiker an der Hammondorgel den Motorenlärm zu übertönen. Aber selbst altbekannte Melodien wie „Donna Klara“ oder „Püppchen, du bist mein Augenstern“ lockten nur wenige in den 300 Mann fassenden Garten, geschweige denn, daß sie Twens vom Geschehen rund um das Stadion ablenken konnten.

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Die Meinungen waren überhaupt geteilt. Der eine klagte: „Ich habe genug Lärm die ganze Woche über. Wenn ich Feierabend habe, dann möchte ich auch meine Ruhe haben. Mich regt schon auf, wenn ich an der Omnibushaltestelle stehe und die Autos an mir vorbeibrausen.“ Andere wiederum freuten sich darüber, daß das Dutzendteichgelände trotz des Abstiegs des 1. FCN weiterhin im Mittelpunkt des sportlichen Geschehens steht. Besondere Schlaumeier schmierten sowohl den 1. Motorsportclub Nürnberg als auch die Bootsverleihfirma aus.

Sie mieteten sich für einige Mark einen Kahn und fuhren bis an das andere Ufer des Dutzendteichs, ließen die Worte: „Bitte nicht bis ans Ostufer rudern!“ außer acht und besahen sich von dieser Warte aus das Rennen der superschnellen Flitzer. Andere wiederum waren klug genug, um zu erkennen, daß die Bretterwand an der Westseite viele Ritzen aufwies, um einen Blick auf einen Teil der Rennstrecke zu riskieren. Stöhnte eine brünette Maid: „Dou hast an schöna Sturzhelm und a richtige Rennfahra-Handschuh, aber zu su woos bist du zu feig.“ Antwortete der Jüngling: „Dafür hast du mich auch länger. Was hab ich denn davon, wenn ich auf dem Friedhof lieg und du an meinem Grab greinst“.

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Wie gesagt: des einen Freud ist des anderen Leid. Selbst an den 1. FC Nürnberg wurde gedacht. Die einen freuten sich hämisch, daß der „Club“ künftig vor vielleicht nicht einmal 5.000 Zuschauern den FC Villingen oder gar den VfB Heilbronn empfangen muß, die anderen ärgerten sich: „Mensch, man darf gar nicht daran denken. Früher war das unser Mittelpunkt. Etzala brauch mer a blöds Autorennen, um zu wissen, warum dös dou draußen alles baut woarn ist!“

R. P.

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