Mit "aufmüpfig" ging es los

50 Jahre "Wort des Jahres": Eine Zeitreise durch die deutsche Geschichte

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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28.11.2021, 12:31 Uhr
Seit 50 Jahren präsentiert die

Seit 50 Jahren präsentiert die "Gesellschaft für deutsche Sprache" das "Wort des Jahres". © Jens Büttner/dpa

Die Nummer eins ist inzwischen wohl schon wieder so gut wie ausgestorben: Wer sagt schon noch "aufmüpfig"? Genau dieses Adjektiv aber war 1971 das allererste "Wort des Jahres".

Als aufmüpfig galt damals die Jugend, die es seit 1968 wagte, Widerspruch anzumelden gegen die Welt der Erwachsenen, gegen den "Muff von tausend Jahren", gegen steife Klamotten, Krawatten und Konventionen. Die Studentenrevolte hatte ihre Spuren hinterlassen.

Aufmüpfig: Das Wort kommt eigentlich aus dem Schweizerdeutschen. "Müpfig" bedeutet da so viel wie "widersprechend". Der Begriff geht zurück auf "muffig", also mürrisch, verdrießlich.

Mondauto, Nostalgie und Umweltverschmutzung

Der Erfinder des "Wortes" war damals der Mainzer Professor Broder Carstensen. "Aufmüpfig", so schrieb er, sei durch "die Sprache der Linken" immer gebräuchlicher geworden. In einem Aufsatz präsentierte er "Die Wörter des Jahres 1971". Dabei waren "heiße Höschen", eine Übersetzung der "hot pants, "Mondauto" "Nostalgie" und auch – die Ökologie-Bewegung nahm ihren Anfang – "Umweltverschmutzung".

Broder Carstensens Text erschien im Fachblatt Der Sprachdienst. Erst sechs Jahre später griff die Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache seine Idee wieder auf – und kürt seitdem das "Wort des Jahres".

Entstanden ist so im Laufe der Jahre eine Liste, die sich liest wie ein Schnelldurchgang vor allem durch die deutsche Geschichte. Das klingt beim Durchlesen der gekürten Worte dann in etwa so wie in Billy Joels Stakkato-Song "We didn't start the fire", in dem der Sänger mit Nürnberger Wurzeln ebenfalls zeitgeschichtliche Begriffe aneinanderreiht: "Harry Truman, Doris Day, Red China, Johnnie Ray, South Pacific, Walter Winchell, Joe DiMaggio, Joe McCarthy, Richard Nixon, Studebaker, television, North Korea, South Korea, Marilyn Monroe" – so beginnt Joels Zeitreise durch die Nachkriegsgeschichte der USA.

Geschichte in Schlagworten

So ging es in Deutschland weiter: Szene (1977), konspirative Wohnung (1978) – da stand die (geteilte) Nation noch ganz unter dem Schock des RAF-Terrors, auf den Plätzen zwei und drei der Liste landeten denn auch 1977 "Terrorismus/Terrorist" und "Sympathisant".

Geschichte in Schlagworten: So sieht auch die deutsche Liste der "Wörter des Jahres" aus. Dabei zeigt sich, wie auch in viel umfangreicheren Rückblicken: Nicht selten gibt es ganz und gar dominierende Ereignisse, die sich manchmal wie ein Stempel auf ein Datum setzen. 1968 (damals noch ohne "Wort"). Oder 1977 – der "deutsche Herbst", ablesbar an den bereits erwähnten Begriffen. 1989, die Einheit – die "Worte des Jahres" hießen "Reisefreiheit", "BRDDR" und "Montagsdemonstrationen", 1990 gefolgt von "die neuen Bundesländer", "vereintes Deutschland" und "2+4-Gespräche".

Eindeutig war auch 2001: "Der 11. September" kam auf Platz eins, gefolgt von "Anti-Terror-Krieg" und "Milzbrandattacke". Bis alle drei auf die ersten Ränge gewählten Worte dann wieder klar einem Thema zuzuordnen waren, vergingen 19 Jahre – 2020 lautete die Virus-dominierte Hitliste "Corona-Pandemie", "Lockdown" und "Verschwörungserzählung".

Unwort des Jahres

Weil wir Deutschen wie stets sehr gründlich sind und auch Listen lieben, kam 1991 zum "Wort" auch noch das "Unwort des Jahres" dazu. Gestartet hat es der Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser, bis 1994 wurde neben dem "Wort" auch das "Unwort" von der Gesellschaft für deutsche Sprache gekürt. Doch, wieder eine deutsche Besonderheit: Wissenschaftler streiten offenbar gern – das war schon bei Broder Carstensen und der Gesellschaft für deutsche Sprache so, und ähnlich lief es mit ihr und Schlosser: Nach einem Streit mit der Gesellschaft machte sich dessen Jury als "Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres" selbständig.

Die Erlanger Sprachwissenschaftlerin Karin Rädle begrüßt die Ergänzung durch das Unwort: "Das Ziel beim Unwort ist ja, darauf hinzuweisen oder sensibel zu machen, dass Sprache manipulieren kann, schönfärben oder auch aufhetzen". Im Gegensatz dazu solle das "Wort des Jahres", so Rädle, "repräsentativ sein für Ereignisse, die uns alle beschäftigt haben".

Die Österreicher lieben den Baby-Elefant

Zur Erinnerung: Zu "Unwörtern des Jahres 2021" wurden gekürt "Rückführungspatenschaften" (als Verbrämung von Abschiebungen) und "Corona-Diktatur", dieser bei Impfgegner gern gewählte Begriff, der echte Diktaturen verharmlost. Rädle verweist auf weitere Wort-Wahlen – das "Jugendwort des Jahres" zum Beispiel. Kürzlich wurde "cringe" dazu gekürt – in der Jugendsprache eine Umschreibung fürs Fremdschämen. 2020 fiel Rädle auf, dass es zudem auch eigene "Wörter des Jahres" in Österreich und in der Schweiz gibt – in Österreich wurde 2020 der Begriff "Babyelefant" gewählt. Ein Babyelefant – das war in der Alpenrepublik das augenzwinkernde Symbol für den Corona-Mindestabstand von 1,50 Metern. Das kleine Tier bekam später sogar eine Sonderbriefmarke.

Cringe ist Jugendwort des Jahres 2021. Es ist mit dem deutschen Wort

Cringe ist Jugendwort des Jahres 2021. Es ist mit dem deutschen Wort "fremdschämen" zu vergleichen. © Arnulf Hettrich via www.imago-images.de

In der deutschsprachigen Schweiz wurde 2020 das Wort "systemrelevant" gekürt, auch alle anderen Begriffe stammten aus dem Corona-Umfeld. "Die regionalen Unterschiede der deutschen Sprache werden durch die Wahl der diversen 'Worte' sichtbar", sagt Sprachwissenschaftlerin Rädle. Und freut sich über diese Vielfalt.

Welches Wort werden die Experten der "Gesellschaft für deutsche Sprache" in ein paar Tagen für dieses Jahr küren? Rädle kann sich nicht vorstellen, dass kein Begriff aus dem Umfeld der Pandemie auf den vorderen drei Plätzen landet. "Irgendetwas mit Regeln" sei denkbar, meint sie.

Ich wage mich mal aus der Deckung – und einen Tipp: Das "Wort des Jahres" 2021 könnte "Impfpflicht" werden. Etwas, was es laut fast allen Politikern noch bis Ende Oktober niemals geben sollte in Deutschland. Und was nun Tag für Tag näherrückt...

Auch das ist ein Beispiel für den Umgang mit Sprache.


Alexander Jungkunz, NN-Chefredakteur: "Aufmüpfig" – an dieses erste "Wort des Jahres" erinnere ich mich gut. Nicht wegen der Wahl des Begriffs. Sondern weil mein Vater uns Kinder gern mahnte, wir sollten doch nicht so aufmüpfig sein. Oder, auch nicht mehr oft zu hören, nicht so unwirsch. Da waren wir eben so, wie Kinder manchmal sind: grantig und genervt.

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