Montag, 30.03.2020

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Als Lebensretter selbst in Lebensgefahr

Bosnier rettet deutsches Mädchen aus Gefangenschaft — Recht auf Asyl bekommt er dennoch nicht - 28.06.2016 18:59 Uhr

Das Schicksal von Cazim Makalic und seiner Familie bewegt die Menschen. Mehr als Tausend haben eine erste Petition unterschrieben, die dann an der CSU-Mehrheit im Landtag gescheitert war. Jetzt versuchen sie es erneut über das Internet.


Cazim Makalic ist nicht zum Helden geboren. Doch das Elend, das sich direkt in seiner Nachbarschaft abgespielt hatte, das wollte er nicht mitansehen. Er konnte nicht ertragen, wie dieses junge deutsche Mädchen in seinem bosnischen Heimatdorf dahinvegetierte. Ihr Stiefvater hatte sie in einem Schweinestall eingepfercht; sie musste sich von Tierfutter ernähren, Prügel und Misshandlung ertragen.

Makalic wandte sich an die Polizei, immer wieder, legte schließlich Bilder des geschundenen Mädchens vor. Erst da reagierten die bosnischen Behörden, holten das Mädchen aus seinem Gefängnis und stellten ihre Peiniger vor Gericht, Auf 40 Kilo war die damals 19-Jährige abgemagert, etliche verheilte Brüche an den Fingern lassen ahnen, was sie durchlitten hat. Inzwischen lebt sie bei ihrem leiblichen Vater in Deutschland. Ihre Mutter, die sie nach Bosnien in das Dorf gebracht hatte, ist in Österreich untergetaucht. Ein glückliches Ende für die 19-Jährige.

Das Glück des einen ist manchmal das Unglück des anderen. Denn während die Deutsche in Sicherheit war, verlor die Familie Makalic eben diese Sicherheit in ihrem Heimatdorf. Ein Gericht verurteilte den Haupttäter zu zwei Jahren Haft; dessen Angehörige aber terrorisierten fortan die Familie Makalic, drohten dem Vater mit dem Tod, kündigten ihm an, sie würden seine Frau ermorden, drückten schließlich sogar seinem siebenjährigen Sohn ein Messer gegen die Kehle, als wollten sie ihn umbringen.

Die SPD-Abgeordnete und Juristin Alexandra Hiersemann kämpft für Makalic. Foto: privat


Flucht aus dem Dorf

Irgendwann haben die Makalics das nicht mehr ausgehalten und sind aus ihrem kleinen bosnischen Dorf in das Land der jungen Frau geflüchtet, die sie gerettet hatten. Heute leben sie in Donauwörth bei einem Verwandten. Ärzte kümmern sich in der Kinderpsychiatrie um ihren Sohn, der seit dem Übergriff schwer traumatisiert und von Angstattacken und Albträumen geplagt ist. Es könne noch Jahre dauern, bis er das Erlebte verarbeitet habe, sagen sie. Auf absehbare Zeit jedenfalls könne er die Krankenstation nicht verlassen.

Doch für den Aufenthalt der Makalics in Deutschland fehlt die Rechtsgrundlage. Die Behörden haben die drei im Visier. Sie hatten Asyl beantragt, aber keinen Anspruch darauf. Der Klageweg ist längst ausgeschöpft, die Ausreise bereits angeordnet. Bosnien gehört zu den sogenannten sicheren Drittstaaten. Wer von dort kommt, hat keinen Anspruch auf Asyl und kann schnell wieder nach Hause geschickt werden. Tatsächlich droht den Makalics keine Gefahr vom Staat; sie werden weder aus politischen, ethischen, gesellschaftlichen oder religiösen Gründen verfolgt. Schieben die Behörden sie ab, ist das juristisch in Ordnung.

„Es ist allerdings die Frage“, sagt die SPD-Politikerin Alexandra Hiersemann, „ob das Recht einen solchen Fall überhaupt erfasst.“ Das Leben, sagt die Erlanger Landtagsabgeordnete, sei eben „sehr viel vielfältiger, als es der Gesetzgeber erkennen kann“. Hiersemann, und nicht nur sie, spricht von einem „besonderen Einzelfall und einer menschlichen Tragödie“. Sie plädiert für eine Lösung, die das Recht nicht beugt, trotzdem aber für Gerechtigkeit sorgt.

Darauf haben neben der SPD auch die anderen Oppositionsparteien gedrängt. Anfang Juni war der Fall Makalic schon einmal Thema im Landtag gewesen, dank einer Petition. Die Familie bat um eine Aufenthaltsduldung und um eine Arbeitserlaubnis. Eine Wohnung hat sie, ein Job steht in Aussicht. Doch die CSU-Mehrheit im Petitionsausschuss lehnte das ab, gegen die Stimmen von SPD, Grünen und Freien Wählern. Der Fall rühre sie zwar an, sagten ihre Abgeordneten. Aber das Recht dürfe auch für diese Familie nicht gebrochen werden.

Der bliebe theoretisch nur ein Weg. Sie müsste nach Bosnien zurückkehren, dort drei Monate ausharren, wie das Gesetz verlangt, und dann die Rückkehrerlaubnis beantragen. Für die Familie eine albtraumhafte Vorstellung: sie fürchtet in Bosnien um ihr Leben. „Mein Ehemann hat ein fremdes Kind gerettet“, sagt Emina Makalic. „Warum mag niemand einen Versuch unternehmen, meinem Kind zu helfen?“ Ihr Sohn, sagen die Ärzte, müsse hier behandelt werden.

Vielleicht kommt jetzt Bewegung in den Fall, weil ihn die Opposition erneut im Landtag thematisiert. Sein Haus prüfe, lässt Innenminister Joachim Herrmann auf Anfrage mitteilen, „ob Herr Makalic die Voraussetzung für die Erteilung eines Visums zum Zweck der Beschäftigung in Deutschland“ erfülle. „Eine Abschiebung der Familie steht derzeit nicht im Raum.“ Die war für den 30. Juni angesetzt und dann auf den 31. Juli verschoben worden.

Es wäre nicht das erste Mal, das Bayern nach außen eine harte Linie vertritt. Und dann im Stillen und informell weit gnädiger agiert. „Wir arbeiten an einer Lösung“, sagt der CSU-Integrationsbeauftragte Martin Neumeyer. „Die Unterstützer müssen sich keine Sorgen mehr machen.“ Die hören die Botschaft wohl. „Gut, dass sich etwas rührt“, sagt der Grünen-Abgeordnete Martin Stümpfig. Doch er bleibt vorsichtig. Die Aussage des Innenministeriums sei viel zu schwammig. „Wir warten ab, wie ernsthaft das Ganze angegangen wird.“

Geld vom Staat

Zumal im Fall Makalic ein zweites Problem aufscheint: Die Familie hat Sozialhilfe bezogen. „Makalic hätte einen Arbeitsplatz gehabt. Aber er durfte nicht arbeiten, weil er im Asylverfahren war.“ Zwei Jahre ging das so. Jetzt, da er auf ein Visum für Menschen aus sicheren Drittstaaten hofft, erweist sich das als fatal. Denn auch für Bosnier gilt: Sie bekommen das Visum nur, wenn sie nicht vorbestraft sind und keine staatlichen Leistungen kassiert haben. „Das müssen wir lösen“, sagt Stümpfig. Denkbar ist, dass Makalic das Geld abstottert. Selbst an eine Spendenaktion denken seine Unterstützer bereits. „Mit etwas gutem Willen“, glaubt auch Stümpfig, „lässt sich viel erreichen.“

ROLAND ENGLISCH

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