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Als der Büchenbacher Fahrstuhl in die Tiefe rauschte

Erinnerungen an eine denkwürdige Saison

1962 spielte die SpVgg Büchenbach noch vor 8000 Zuschauern um den Aufstieg in die zweite Liga, dann kam der Absturz, der bis in die A-Klasse führte. Erinnerungen an die bis heute letzte Erlanger Drittliga-Saison.

Zwischen Hoffnung, Bangen und Pleiten: Eine Szene des letzten, ganz großen Jahres der Sportvereinigung Büchenbach in der Bayernliga.

Fahrstuhlmannschaften kennt der Fußball viele. Hierzulande gehören der gerade ins Oberhaus zurückgekehrte 1. FC Nürnberg oder Arminia Bielefeld zu den prominentesten Vereinen dieser Kategorie. Doch auch der Fußballkreis Erlangen-Pegnitzgrund kennt einige Vereine, die in diese Kategorie fallen: Der FC Schnaittach marschierte mit einem Zwischenstopp in der BOL von der Landesliga bis in die Kreisklasse nach unten. Einige Jahre länger, aber bei den „Höhenmetern“ noch krasser, zog sich die Abwärtsbewegung beim heutigen BSC Erlangen (die Umbenennung erfolgte 1981) hin: 1962 spielte die Sportvereinigung Büchenbach gegen den ESV Ingolstadt um den Aufstieg in die zweite Liga, doch nach dem 0:1 auswärts reichte ein 1:1 daheim vor 8000 Zuschauern nicht. Kurz darauf unterlag die SpVgg im Ausscheidungsspiel zum Halbfinale der damaligen deutschen Amateurmeisterschaft als süddeutscher Meister dem späteren Titelträger SC Berlin-Tegel 2:4.

 Der sich lange hinziehende Absturz, der bis in die heutige B-Klasse führte, begann vor 40 Jahren: Als die Büchenbacher in ihre vorerst letzte Saison in der Bayernliga starteten. Am Ende stand für das Gründungsmitglied der Oberliga Bayern der Abstieg nach 16 Spielzeiten in die damals dritten Liga. Mit Ach und Krach hatte in der Saison 1977/78 die Sportvereinigung unter Trainer Franz Brungs den Abstieg verhindert: Mit einem 2:0 im Entscheidungsspiel gegen den punktgleichen FC Herzogenaurach im Fürther Ronhof wurde die Liga gerettet: Coach Franz Brungs verabschiedete sich, mit Josef „Joe“ Zenger reihte sich ein Meisterspieler von 1961 in die Serie früherer Club- Profis ein, die als Trainer an der Schallershofer Straße tätig waren: Stefan Reisch, Dieter Nüssing, Bernd Hartmann, Gustav Flachenecker wirkten dort, ebenso die Dortmunder Lothar Emmerich und Alfred „Aki“ Schmidt. Einige wichtige Stammspieler hatten die Sportvereinigung nach dem Klassenerhalt verlassen, das Büchenbacher Urgestein Fred Amer sein Karriere beendet – doch die Neuzugänge versprachen einiges.

Torjäger Herbert Liedtke hatte mit Paul Breitner in der Jugendnationalmannschaft gespielt und war in der Bundesliga für Rot- Weiß Oberhausen auf Torjagd gegangen, danach eine Klasse tiefer beim SVA Gütersloh und der SpVgg Bayreuth. Zweitliga- Erfahrung (13 Spiele) brachte auch Dieter Bergmann von der SpVgg Fürth mit. Zwar hat er nur wenige Erinnerungen an die Desastersaison 1978/79, soviel weiß er aber noch: „Wir hatten eigentlich keine schlechte Truppe, aber es kamen verschiedene Negativfaktoren zusammen.“ Was sich mit vielen Eindrücken deckt, die seine damaligen Mitspieler Rüdiger Watzl und Herbert Schötterl nach 40 Jahren noch haben.

Es begann damit, dass Bergmann nach seinem Vereinswechsel ein Vierteljahr lang gesperrt war, ehe er die Abwehr stabilisieren konnte. Watzl, der 1977 nach einem zweijährigen Gastspiel beim Zweitligisten Jahn Regensburg zurückgekehrt war, fiel immer wieder lange verletzt aus, wurde in den montäglichen Spielberichten des Erlanger Tagblatts immer wieder schmerzlich vermisst. Monatelang quälte sich der heute 67-Jährige mit Knieproblemen über die Runden. „Ich wurde meistens punktiert, um die Flüssigkeit zu entfernen und am Wochenende spielen zu können“, erzählt der Techniker mit dem großen Kämpferherzen, der oft auflief, ohne vorher trainiert zu haben. Auch Torhüter Schötterl fehlte wegen Prüfungen in seinem Sportstudium häufiger, was die SpVgg nicht nur seiner Meinung nach einige Punkte kostete: Es war ein Katastrophenstart, den Schötterl, sein Vertreter Petridis, Watzl, Liedtke, Norbert Kosian (war mit dem Club deutscher A-Jugendmeister), Michael Binner, Wolf, Mönius, Egon Krieger Kraus, Heinz Beyer (half aus), Günter Buchmann, Liedtke, Andreas „Bubi“ Blum, Conrad, Armin Böer, Georg Vogel oder Brendel hinlegten. 3:4 verlor man gegen den TSV 1860 Rosenheim zum Auftakt daheim.

Der Gewinn des ersten Punktes am zweiten Spieltag weckte Hoffnungen, die das Team nicht einlösen konnte: „Torwart Schötterl war nicht zu überwinden“ titelte das Erlanger Tagblatt nach dem 0:0 beim FC Vilshofen. Dabei setzte Schiedsrichter Lommer eine erst 1978 eingeführte Regel um: Er schickte den bereits mit Gelb verwarnten Binner nach einem weiteren derben Foul für zehn Minuten zum Abkühlen vom Feld. „Kampfgeist und Moral“ lobte Trainer Zenger anschließend, bemängelte aber die „Unachtsamkeiten“, die in der Bayernliga nicht vorkommen dürften. Die waren beim 2:3 im nächsten Heimspiel gegen Schweinfurt erneut und öfter zu sehen, doch es sollte noch viel schlimmer kommen: 0:6 stand es beim Abpfiff in der Grünen Au in Hof. „Mein Gott, Büchenbach! 0:6 verloren – Letzter“ stand über dem Tageblatt- Spielbericht, im Text hieß es, dass die Spieler der Sportvereinigung bei dem Debakel „außer Disziplinlosigkeiten wenig zu bieten“ hatten. Schiedsrichter Manfred Amerell hatte gegen den maulenden Krieger erst zehn Minuten verhängt, dann Rot gezogen, als der weiter meckerte. Liedtke konnte seinen Mund ebenfalls nicht halten und durfte zehn Minuten lang von draußen zuschauen.

Zwei Unentschieden gegen Trebgast und in Haßfurt wurden durch Niederlagen in Hirschaid und gegen Amberg konterkariert – der erste Sieg gelang den Büchenbachern beim Drittletzten SB/DJK Rosenheim erst am elften Spieltag: Als die Oberbayern sieben Minuten vor Schluss durch einen gewissen Schweinsteiger den Anschlusstreffer zum 3:4 erzielten, hieß es kräftig zittern – inzwischen war der reaktivierte Fred Amer dabei. Der konnte die darauffolgende 0:1-Heimpleite gegen den ASV Neumarkt auch nicht verhindern, die Zenger den Trainerjob kostete. Da hatten die Verantwortlichen gehandelt, die nach Überzeugung von Herbert Schötterl ein gehöriges Maß Mitschuld am Niedergang trugen: „Beim Vorstand war es ähnlich wie beim Club: Wir steigen doch nie ab! Man hat immer geglaubt, dass das nicht passieren kann“ – obwohl es schon in der Vorsaison nicht rund gelaufen war. „Zenger war als Trainer nicht so der Hit, der Trainerwechsel war mit entscheidend – mit Brungs wären wir nicht abgestiegen“, ist Schötterl heute noch überzeugt. „Auf einmal waren wir hinten drin, und es ging nicht mehr heraus“, verweist der Torhüter auf die Heimschwäche seines Teams: Der zweite doppelte Punktgewinn belang Büchenbach am 18. November 1978 mit dem neuen Trainer Klaus Slatina und einem 2:1 bei ATS Kulmbach – ein Pyrrhus-Sieg, wie sich später herausstellen sollte: „Da bin ich gegrätscht, und es hat es mir beim Pressschlag das Knie weggedrückt“, erinnert sich Watzl an den Anfang seiner schier endlosen Verletzungsmisere.

Dennoch gelang eine Woche später der erste Heimerfolg (2:0 gegen Neuburg), eine weitere Woche später vor 850 Zuschauern ein klares 3:0 gegen die Amateure von Bayern München – es war das einzige Mal in der ganzen Saison, dass die SpVgg dreimal am Stück doppelt punktete. Trotzdem blieben sie Schlusslicht. Doch irgendwie schien die Mannschaft ins Rollen gekommen zu sein: Nach einem deutlichen 1:5 beim ESV Ingolstadt folgten am 20. Januar – damals war Winterpause noch ein Fremdwort – 3:0-Erfolge bei 1860 Rosenheim und gegen Vilshofen: Plötzlich war Büchenbach 14. und stand erstmals auf einem Nichtabstiegsplatz. Doch der Höhenflug war bald wieder vorbei: Eigentore von Blum und Bergmann bescherten in Amberg ein 2:3 und den Sturz auf den vorletzten Platz. Gegen den Letzten Hirschaid reichte es an der Schallershofer Straße nur zu einem 1:1, genau so endete dank eines Flugkopfballtors von Amer in der Nachspielzeit die Heimpartie gegen Wacker München. Drei Niederlagen folgten, ehe gegen die Würzburger Kickers wieder ein mageres Pünktchen geholt wurde. Zwei Tage später reichte es in Schweinfurt immerhin zu einem 2:2, ein 3:2 gegen Hassfurt ließ ein zartes Hoffnungspflänzchen wachsen, das nach einer 1:3-Heimpleite gegen Hof wieder welkte. Und die Achterbahnfahrt ging weiter mit einem 2:1 in Würzburg – die ebenfalls dauerschwächelnde Konkurrenz verhalf der Sportvereinigung am 29. Spieltag zum Sprung auf den ersten Nichtabstiegsrang 15. Auf und nieder hieß es bis zum bitteren Ende: 0:1 zu Hause gegen Kulmbach, 1:0 in Trebgast, 1:2 in Neuburg lauteten die Resultate bis zum vorletzten Spieltag, an dem die Bayern- Amateure als Gastgeber warteten: 1:3 lagen die Büchenbacher hinten, doch Liedtke gelang in der 84. Minute mit seinem dritten Tor an diesem Tag noch der Ausgleich.

So kam alles auf die letzte Saisonbegegnung an. Bei der kamen zweierlei Nachteile zusammen: Die Partie fand auf heimischen Gelände statt, und der ESV Ingolstadt brauchte für die Meisterschaft einen Sieg. 1:2 hieß es vor 3000 Zuschauern am Ende aus Erlanger Sicht, auch „weil uns ein klarer Elfmeter verweigert wurde,“, wie sich Schötterl und Watzl erinnern Kontakte untereinander haben die wenigsten der damaligen Absteiger. Zumal einige nicht mehr leben: Bubi Blum erlag bereits 1994 gerade mal 45-jährig einem Krebsleiden, Herbert Liedtke starb 2016 mit 65, auch Egon Krieger und Armin Böer leben nicht mehr.

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