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Schuhe, Zusammenhalt, Einstellung: War früher wirklich alles besser?

Neun Thesen, drei Generationen, 27 Antworten

„Früher war alles besser!“ Ein Satz, den sich die jüngere Generation in der heutigen Gesellschaft oft anhören muss. Auch auf den Sportplätzen der Region wird diese Phrase häufig bemüht, wenn es an der momentanen Situation des eigenen Vereins etwas auszusetzen gibt. Wir haben einige Thesen aufgestellt und Meinungen verschiedener Spielergenerationen dazu eingeholt.

Bunte Fußballschuhe sind auf den Amateurplätzen heute gar nicht mehr wegzudenken. Früher war das anders.

 / © Sportfoto Zink

Heinz Hammerand, 63 Jahre alt und lebende Legende des SV Ermreuth, und auch heute noch Stammgast bei den Spielen seines SVE, spricht für die Generation, die mittlerweile das Geschehen nur noch als Zuschauer verfolgt. Auch mit 40 Jahren will Horst Probst die Schuhe noch nicht an den Nagel hängen, und so erlebt das Urgestein des SV Gößweinstein die Veränderungen auf dem Sportplatz hautnah. Zu guter Letzt spricht noch Tim Schmitt, Vize-Kapitän des TSV Neunhof, für die jüngere Generation der Aktiven. Der Innenverteidiger hat mit seinen 28 Jahren aber auch schon einiges gesehen und erlebt.

These #1

Früher saß die Mannschaft nach dem Training und nach Spielen bis in die Morgenstunden im Sportheim zusammen, heute ist die Mannschaft häufig nach Spielende schnell verschwunden.

Hammerand: Das stimmt leider. Sie sagen zwar, dass es der Arbeit geschuldet ist, sie hätten ein härteres Berufsleben, das lasse ich aber nicht gelten, wir haben früher auch etwas arbeiten müssen. Kameradschaft war nach dem Fußball das Wichtigste, das vermisse ich in der heutigen Zeit etwas. Früher war die komplette Familie am Sonntag am Sportplatz dabei, auch das hat sich heute geändert.

Probst: Dem stimme ich voll zu. Wenn meine Brüder oder mein Vater früher Trainer waren, da war das Ganze kameradschaftlich anders geprägt. Nach dem Spiel fehlt das Mannschaftliche gerade bei der jungen Generation. Es ist zwar schade, aber ich habe es als Trainer selber schon manchmal angesprochen, wenigstens eine Spezi nach dem Spiel zu trinken, aber zum größten Teil ist es einfach nicht mehr wie früher.

Schmitt: Teilweise, also komplett bestätigen kann ich das nicht. Es ist schon vermehrt so, dass die Leute nach Spiel und Training schnell wieder abhauen, aber es gibt auch viele, die, alleine weil sie aus dem Dorf sind, länger sitzen bleiben, wenn es ihnen Spaß macht, noch auf ein, zwei Bier hocken zu bleiben.

These #2

Früher haben die Jüngsten im Training noch die Tore getragen, heute hält sich keiner mehr an die Hierarchie.

Hammerand: Wenn die Jungen heute einmal ein gutes Spiel machen, dann meinen sie, sie seien die Größten. Wir haben die Bälle geholt nach dem Training für die anderen. Heutzutage wäre es ihnen am liebsten, wenn man ihnen noch die Schuhe hinstellen würde. Es will keiner mehr die „Drecksarbeit“ machen. Vielleicht auch, weil man von zu Hause verwöhnt ist. Als Kinder haben wir bei den Eltern noch mitarbeiten müssen, das gibt es heute nicht mehr.

Probst: Da bin ich selbst mit betroffen. Früher hat keiner von den Jungen gesagt, die anderen machen das, das war einfach so. Wenn du den Zug hattest, in die erste Mannschaft zu wollen, dann hast du das automatisch gemacht. Heute stehen die Jüngsten nach dem Training schon vor dem Sportheim und rauchen, während die Ältesten die Bälle suchen, die noch fehlen.

Schmitt: Als ich aus der Jugend rausgekommen bin, da habe ich schon erstmal geschluckt und das gemacht, was die Älteren gesagt haben. Jetzt ist es so, dass sich die jüngere Generation nicht mehr so unterordnet, sondern rauskommt und schon meint, sie sind auch in der Vollmannschaft die großen Zampanos. Es gibt aber natürlich auch Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

These #3

Früher hat man bei Wind und Wetter trainiert und gespielt, heute wird beim ersten Regentropfen abgesagt.

Hammerand: Das ist mir schon lange ein Dorn im Auge. Wir haben bis kurz vor Weihnachten noch auf Schnee gespielt. Heute müsste das vom Verband eigentlich unterbunden werden, die vielen Absagen gehen einfach nicht. Im Herbst macht man an den Plätzen weniger kaputt, als im Frühjahr.

Probst: Die Modeerscheinung des Fußballs hat sich dahin entwickelt, dass die Fußballschuhe so teuer wie möglich sein müssen und das Trikot am besten von Real Madrid. Wenn es dann geregnet hat, kann man die neuen Sachen nicht der Mannschaft präsentieren, und dann sagt man lieber ab.

Schmitt: Das kann ich nicht bestätigen. Bei uns ist es so, dass wir immer schauen, dass wir auf den Platz können und selbst wenn nicht, dann wird eine Alternative gesucht. Alleine schon, wenn man sieht, dass wir alle 16 Spiele gespielt haben, als eine der wenigen Mannschaften, dann kann man schon sagen, dass wir immer alles versuchen.

These #4

Früher trugen alle schwarze Schuhe, heute nur noch rosa-blau gepunktet.

Hammerand: Das ist durch die Mode der Ausstatter leider bedingt. Die Spieler meinen, wenn sie bunte Schuhe anhaben, dann sind sie bessere Fußballer. Wir hatten Schuhe für 29 Mark, heute müssen sie 250 € kosten. Deswegen hat aber noch keiner besser gespielt.

Probst: So teuer es geht, am besten für 250 €, ob sie einen Nutzen haben oder nicht. Früher ist es dann durch Giovane Elber und Fredi Bobic aufgekommen, dass es rote und weiße Schuhe gab, das war ja noch in Ordnung. Ich spiele immer noch in Copa, das sind meiner Meinung nach immer noch die besten Schuhe, die es gibt. Ich brauche keine goldenen Schuhe.

Schmitt: Der ganze gesellschaftliche Wandel kommt dort zum Tragen. Man hat ganz andere Möglichkeiten, früher gab es keine bunten Schuhe, und ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn die Spieler damals diese zur Verfügung gehabt hätten. Heute schaut der Großteil schon darauf, ob die Schuhe zum Trikot oder den Stutzen passen.

These #5

Früher hieß es Kick and Rush, heute wird jeder Trainer zum Taktiktafel-Fanatiker.

Hammerand: Taktischer ist das Spiel heute schon. Man kann mehr Punkte holen, wenn man ein eingeübtes System hat. Wir haben „Kick and Rush“ gespielt, wir haben in 90 Minuten für 120 Luft gehabt, heute wird viel durch Taktik gemacht, ob es besser ist, weiß ich auch nicht.

Probst: Der Fußball hat sich durch die neuen Systeme verändert, früher gab es noch den klassischen Libero. Manchmal wäre es besser, das Einfache von früher anzuwenden, dass man sagt, wir hauen den Ball in der letzten Viertelstunde nach vorne, wenn es eng wird. Gerade in den tieferen Klassen bei uns, wo die Spieler keine so gute Ausbildung haben, da hat es auch keinen Sinn, stur nur auf der Taktiktafel etwas zu präsentieren, was die Hälfte nicht kapiert.

Schmitt: Ich habe das gemerkt, als ich mit den anderen Jugendtrainern die B-Lizenz gemacht habe. Das Spiel und die Systeme haben sich extrem gewandelt, aber auch zum Besseren. Heute wird meiner Meinung nach besserer Fußball gespielt als früher, da merkt man schon einen Unterschied. Die Alten sagen zwar immer, dass sie früher so überragend Fußball gespielt haben, aber wenn man es vergleicht, wird heute schon der taktisch geprägtere und bessere Fußball gespielt.

These #6

Früher ist man im Training auch mal länger Runden gelaufen, heute muss überall der Ball dabei sein.

Hammerand: Wir sind auch mal eine Stunde nur gelaufen. Im Winter, unter unseren Vorrausetzungen, da hatten wir keinen Platz zum Trainieren, dann sind wir auf den Straßen gelaufen. Wir sind nach Egloffstein gefahren, damit wir überhaupt Licht hatten, bei Wind und Wetter haben wir auf Sandplätzen trainiert. Heute hat man Top-Bedingungen, alle wollen etwas mit dem Ball machen, aber die Kondition ist beim Fußball eben das „A und O“.

Probst: Ich bin ganz ehrlich, ich war nie der Laufstärkste. Es gehört aber einfach dazu, wobei mein ehemaliger Trainer Jens Zweck eine sehr gute Mischung mit reingebracht hat, und so hat es auch funktioniert.

Schmitt: Von den Spielertypen her hast du jetzt eine ganz andere Generation, früher wurde nicht groß gemeckert, jetzt muss man schauen, weil man die Jungs bei der Stange halten will. Das schaffst du aber nicht, wenn du nur stupide Laufen gehst. Man lernt das auch auf den Trainerlehrgängen, und ich glaube, da gibt es genug Möglichkeiten, um mit der Zeit zu gehen.

These #7

Früher hat man den Urlaub passend zum Spielplan gelegt, heute fehlt im Sommer die halbe Mannschaft.

Hammerand: Nicht nur im Sommer, das ganze Jahr über. Wenn sie dann aber nicht spielen dürfen, wenn sie zurückkommen, sind sie beleidigt. Das hat es bei uns nicht gegeben, da hast du dich wirklich auf diese vier Wochen fußballfreie Zeit konzentriert.

Probst: Ich habe seit meinem sechsten Lebensjahr meinen Urlaub immer so gelegt, dass definitiv kein Fußballspiel verpasst wurde. Die heutige Generation legt ihren Urlaub mitten in die Saison, kommt dann heim, trainiert zweimal, und wenn sie dann auf der Bank sitzen, sind sie stinksauer.

Schmitt: Bei uns ist es nicht so schlimm, aber das Phänomen gibt es schon. Es gibt verschiedene Typen, ein Marco Schwemmer oder ich, da wird noch drauf geschaut, dass man den Urlaub so legt, dass man nicht fehlt. Wir haben aber auch Leute dabei, die sagen, sie können, weil sie Student sind, nur in einer bestimmten Phase wegfahren. Man merkt aber schon, dass es zugenommen hat.

These #8

Früher hat man bei seinem Verein ein Leben lang gespielt, heute wechseln viele im frühen Alter schon den Verein.

Hammerand: Da sind wir zum Glück auf dem Land nicht ganz so betroffen. Bei uns haben die Leute noch Vereinsinteresse, aber es geht auch bei uns schon los. Ich habe zu meinen Kindern gesagt, Hammerands haben schon immer in Ermeuth gespielt, und das bleibt auch so. Bei vielen ist es nicht mehr so, eigentlich schade, da dadurch das Dorfleben nicht mehr so gestaltet wird.

Probst: Wenn ein junger Spieler, gerade bei uns auf dem Land, die Chance kriegt, sein Können in einer höheren Klasse zu beweisen, dann sollte er es auch probieren. Generell würde ich nicht zustimmen, dass jeder wechseln würde. Gute Spieler sollen wechseln, aber da hat sich meiner Meinung nach nicht so viel verändert.

Schmitt: Auch hier muss man Ausnahmen rausnehmen, wenn man sich Mannschaften wie Hüttenbach anschaut, wo eigentlich schon ein permanenter Kern da ist, zu dem zwei, drei Leute dazukommen. Ich glaube, das hat damit angefangen, dass Vereine schon in der B- und A-Klasse das Geld auspacken und so dem Ruf vermehrt stattgegeben wird, das hat auf jeden Fall zugenommen.

These #9

Früher hat man mit Bänderriss noch zu Ende gespielt, heute setzt man bei einem verstauchten Finger zwei Monate aus.

Hammerand: Wenn ich mir anschaue, was es heute für Verletzungen gibt - vielleicht waren wir früher zu dumm oder haben es nicht gekannt, denn wir haben immer gespielt. Die Plätze sind vielleicht zu schön, wir haben auf Äckern und Furchen gespielt, das macht heute keiner mehr. Wenn es dann doch eine kleine Unebenheit gibt, dann haben sie sofort den Fuß verzerrt.

Probst: Sobald eine Mücke im Sommer ans Knie fliegt, dann sind die Spieler vier Wochen weg. Die Einstellung zum Fußball ist nicht mehr dieselbe wie früher.

Schmitt: Es kommt auch auf den Spielertypen an. Ich würde es nicht komplett bestätigen, weil auch viele auf die Zähne beißen und sich in den Dienst der Mannschaft stellen. Es gibt aber schon einige, die mit einem Schnupfen eine Woche daheim bleiben, wo ich mich schon frage, ob es wirklich so schlimm ist. Ich bin schon so eingestellt, dass ich ein schlechtes Gefühl habe, wenn ich fehle, weil ich denke, ich lasse meine Mannschaft im Stich.

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