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Als der TSV Röttenbach bei den Großen ankam

Historisches

Jeder, der Fußball gespielt hat, kennt sie: Die „Saison des Lebens“. Eine Spielzeit voller Erinnerungen an eine große Mannschaft, einen tollen Trainer; an Tore, die so niemand mehr schoss, an Spiele, die so niemals wieder gewonnen wurden. Der TSV Röttenbach erlebte 1978 seine beste Saison. Ein Aufstieg in die Landesliga war die Folge, die damals vierthöchste Spielklasse Deutschlands. Und der kleine Dorfverein mischte plötzlich mit.

Vereinshelden, fein aufgereiht: Die Mannschaft des TSV Röttenbach, die 1978 in die Landesliga aufgestiegen ist. 

 / © TSV Röttenbach

Vor dem entscheidenden Spiel um den Aufstieg lässt Alfons Götz eine Kerze anzünden. Und er verspricht, einen Rosenkranz zu beten, sollte der TSV Röttenbach am 4. Juni 1978 in die Landesliga aufsteigen. Die Kapelle, in der der Rechtsverteidiger der TSV-Mannschaft sein Versprechen gibt, gehört seinem Teamkollegen Michael Bärthlein, wie Götz ein gläubiger Katholik. „Es kann ja nicht schaden“, habe er damals gedacht, erzählt Götz.

Als sich der Mannschaftsbus des TSV Röttenbach an diesem Sonntag auf den Weg nach Schwabach macht, wo das Entscheidungsspiel gegen den TSV Weißenburg stattfindet, brennt die Kerze in der kleinen Kapelle. Die Straßen im Dorf sind leergefegt, so berichten es später die Nordbayerischen Nachrichten. Hunderte Röttenbacher sind in Bussen und Privatautos nach Schwabach gefahren. Die Euphorie ist riesig, der Aufstieg wäre eine Sensation. Die Landesliga ist zu diesem Zeitpunkt die vierthöchste Spielklasse Deutschlands, der Dorfverein würde dort auf Teams wie die Amateure des 1. FC Nürnberg oder Jahn Regensburg treffen.

„Schon in der Bezirksliga hatten wir immer zwischen 500 und 800 zahlende Zuschauer, bei Lokalderbys auch mal mehr“, sagt Hans Müller, langjähriger Funktionär auf allen Ebenen beim TSV. Als der TSV in die Saison 1977/78 startet, ist das Ziel durchaus, in den kommenden Jahren um den Aufstieg mitzuspielen. „Wie überall wo Erfolg ist, gibt es viele Verantwortliche“, sagt Götz. Er ist eines von vielen Röttenbacher Eigengewächsen in der Mannschaft.

Doch zur neuen Spielzeit hat sich der TSV mit externen Spielern verstärkt. Aus Höchstadt kommt Erwin Großmann nach Röttenbach, der später das Interesse eines Schweizer Erstligisten weckt, vom ATSV Erlangen kommen die Brüder Rainer und Josef Wellein zum TSV. „Die Neuen haben das Niveau gehoben“, sagt Müller: „Aber wir hatten mit Michael Bärthlein auch einen überdurchschnittlichen Torhüter und mit Werner Kölz einen souveränen Libero.“ Verantwortlich für die Zusammenstellung der Mannschaft ist neben Trainer Günther Raabe der inzwischen verstorbene Mäzen des Vereins, Ludwig Fuchs. Er ist Friseurmeister mit mehreren Filialen in Röttenbach und Erlangen und gleichzeitig TSV-Abteilungsleiter. Das Mannschaftsgefüge stimmt. „Das war so eine Saison, in der alles klappt“, erinnert sich der damals 26-jährige Götz: „Wir hatten eine riesige Zeit, die Kameradschaft war phänomenal.“ Auf der Bank sitzt Raabe. „Er war ein kollegialer und nahbarer Trainertyp, aber nicht kumpelhaft. Er kam fachlich bei den Spielern gut an.“ Doch nach einer Saison, die der TSV als souveräner Tabellenerster der Bezirksliga Nord abschließt, wartet noch das Entscheidungsspiel gegen Weißenburg, Sieger der Südstaffel. Es ist heiß an diesem 4. Juni, trotzdem sind knapp 3000 Zuschauer nach Schwabach gekommen. Das Brauereiauto muss gleich zweimal ausrücken, um Bier-Nachschub zu besorgen.

„Es war eine Hitzeschlacht“, erinnert sich Götz. Am Ende der regulären Spielzeit steht es 2:2. In der 103. Minute der Verlängerung schießt Rainer Wellein den Ball flach ins Eck des Weißenburger Tors. Die drängen danach auf den Ausgleich – doch die beste Chance der letzten Minuten hat Röttenbachs Rechtsverteidiger Götz mit einem Pfostenschuss. Nach dem Schlusspfiff fallen die Röttenbacher erschöpft auf den Boden, doch die Strapazen sind schnell vergessen. Mit einem Autokorso geht es zurück. Im Sportheim wird bis in die Morgenstunden gefeiert. „Der damalige Landrat hat Röttenbach als Mekka des Fußballs bezeichnet. Das kam in Herzogenaurach und Höchstadt nicht so gut an“, erinnert sich Hans Müller. Der Mäzen hat noch eine besondere Belohnung: Die ganze Mannschaft samt Funktionären fliegt kostenlos für eine Woche nach Mallorca. „In dem Hotel wurde so lange der Sekt aufgefahren, bis sie keinen mehr hatten“, erinnert sich Götz mit einem Lachen.

Sechs Jahre hält sich der TSV in der Landesliga, in der viele Derbys warten. Unter den Gegnern in der ersten Saison 1978/79 ist auch der 1. FC Herzogenaurach mit dem jungen Lothar Matthäus. Ausgerechnet ihm gelingt im Heimspiel der Röttenbacher der 2:1-Siegtreffer durch einen Freistoß. Wenig später wechselt Matthäus zu Borussia Mönchengladbach. „Für unser Dorf war das eine Sensation, in der vierthöchsten Liga zu sein“, sagt Götz. Dreimal darf Röttenbach in dieser Zeit an der DFB-Pokalrunde teilnehmen. Und hat Pech, dass der prominenteste Gegner, der dem TSV zugelost wird, der Zweitliga-Aufsteiger Hessen Kassel ist. 1984 steigt der TSV wieder ab.

Sechs Jahre vorher, in diesem heißen Juni 1978 betet 14 Tage nach dem Aufstieg ein kleiner Kreis von Spielern schließlich wie versprochen den Rosenkranz. „Man mag daran glauben oder nicht, ob die Kerze geholfen hat“, sagt Götz. „Fest steht, wir sind aufgestiegen.“

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