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Integrationsmannschaft des FSV Erlangen-Bruck: Ein Spiel für das Leben

B-Klasse 2

Als der FSV Erlangen-Bruck 2017 seine Integrations-Fußballmannschaft gründete, war nicht klar, wie lange es sie geben würde. Heute existiert sie trotz Corona immer noch. Fünf Geschichten aus einer Mannschaft, die zeigt, welche Kraft der Sport haben kann. Und was verloren ginge, wenn er fehlte.

Der FSV Erlangen-Bruck III mit Trainer Ralph Gläßer (rechts) und Co-Trainer Enrico Cescutti (stehend, ganz links) vor einem Spiel in der B-Klasse gegen den TSV Marloffstein.

 / © Reinhard Heydenreich

Der Trainer

Alles beginnt damit, dass Ralph Gläßer nach Spielern sucht. Der 53-Jährige ist bei den FSV-Fußballern das, was man ein Urgestein nennt. 2016, ein Jahr nachdem die Bundeskanzlerin „Wir schaffen das“ gesagt hat, ist er Trainer der zweiten Mannschaft. Gläßer kommt die Idee, es im Heim für Asylbewerber zu versuchen. „Ich bin rein und habe gefragt, wer Fußball spielen kann. Da haben vier Leute aus ihren Zimmern geschaut und wir hatten Spieler.“

Neben denen lernt Gläßer noch jemanden in dem Heim kennen: das Ehepaar Friederike und Peter Doll, das sich für Geflüchtete engagiert. Mit dem Kontakt zu ihnen kommt beim FSV um den Vorsitzenden Reinhard Heydenreich die Idee auf, eine Integrationsmannschaft zu gründen.

Zunächst trainiert sie Marco Öhling. Als er aufhört, wird mal wieder Ralph Gläßer gefragt. Das Team ist da als dritte Mannschaft des FSV seit 2017 in der B-Klasse gemeldet. 2018 erhält es den Sonderpreis der EN beim Ball des Sports.

Nun ist Gläßer Trainer einer Mannschaft, die auch existiert, weil man den Spielern nahe bringen will, wie sie sich in Deutschland einbringen können. Dass das nicht immer einfach ist, liegt nicht so sehr an den Gegnern. „Manchmal haben sich meine Spieler so untereinander gestritten, dass der Gegner durchgelaufen ist und ein Tor gemacht hat“, erzählt Gläßer, der dann eingreifen muss.

Spaß haben sie trotzdem, es schlagen immer um die 25 Spieler im Training auf. Sie kommen aus knapp zehn Nationen, nur ein Teil sind Geflüchtete. Es gibt Italiener im Team, Südamerikaner und einige Deutsche. Das Team ist für alle eine Integrationsmannschaft. „Bei uns spielen auch Leute, die früher einen rechtsradikalen Hintergrund hatten. Und jetzt mit Geflüchteten super auskommen. Die Menschen lernen, sich zu verstehen, weil sie sich ihre Geschichten erzählen“, sagt Gläßer.

Er, Co-Trainer Enrico Cescutti, Betreuer Jürgen Ruhl, den alle „Schnuck“ nennen, und Doll bilden ein Team. „Wenn einer von uns nicht an einen Spieler herankommt, schafft es ein anderer“, sagt Gläßer.

Die Seele

Peter Doll fing als Fußball-Übersetzer beim FSV an. Die vier Spieler, die in Ralph Gläßers zweiter Brucker Mannschaft spielten, hatten Probleme, die fränkisch-deutschen Anweisungen zu verstehen, Also machte Doll sich mit einer Taktiktafel und einem Stück Kreide auf den Weg in die Tennenloher Straße.

„Die Idee der Integrationsmannschaft war, die Leute aus den Flüchtlingsunterkünften rauszubekommen und in die Gesellschaft hineinzubringen“, erklärt Doll. „Alle miteinander sollten auf dem Fußballplatz lernen, miteinander umzugehen.“

Doll ist seit der Gründung bei jedem Spiel und bei jedem Training, sorgt für saubere Trikots und fährt die Spieler mit seiner Frau zu Auswärtsspielen oder ins Trainingslager, das sie einmal im Jahr organisieren.

Beim FSV fühlt der Betreuer sich und seine Mannschaft aufgehoben. „Wir sind sehr gut aufgenommen worden. Vom Vorstand, von den Mitgliedern, von den Spielern der ersten beiden Mannschaften: Sie haben den Jungs gezeigt, ihr gehört zu uns.“ Und die sollen zeigen, dass sie zum FSV gehören. Team-Abende werden auf der Kegelbahn verbracht, die Spieler besuchen Vereinsversammlungen oder helfen bei Veranstaltungen. 

Doll und seine Frau treffen die Spieler nicht nur auf dem Platz. Sie unterstützen sie bei ihren täglichen Problemen: Behördengänge, Wohnungssuche, Bewerbungen.

Bei seinem ersten Besuch in Bruck malt Doll einen Pass an die Tafel. Er sagt zum einzigen Spieler, der gekommen ist, dass das ein Steilpass sei. „Falsch“, sagt der Spieler: „Ich habe mal so geschossen und da hat der Trainer gesagt: Traumpass.“ Der Spieler, der das sagt, ist Deck Abdalla.

Der Pfleger

Deck Abdalla hat Zeit zu sprechen, obwohl er gerade sehr beschäftigt ist. Er macht eine Ausbildung zur Pflegefachkraft im Waldkrankenhaus, momentan arbeitet er auf der Krebsstation. Er ist nicht der einzige – sechs Teamkollegen aus der Integrationsmannschaft machen eine Pflege-Ausbildung. In Somalia hat er zwei Jahre Medizin studiert, er musste abbrechen, als er floh. Nun will er Krankenpfleger bleiben – „es macht so viel Spaß“.

Seit sieben Jahren ist er in Deutschland, Gläßer hat ihn 2016 mit zum FSV genommen. Und einen Allrounder bekommen. „Ich spiele jede Position, Stürmer, Verteidiger, Außenbahn, Mittelfeld“, sagt er. Der Fußball habe ihm in Deutschland geholfen. „Ohne die Mannschaft hatte ich nichts außer Schule und habe nur somalisch mit meinen Freunden geredet. Jetzt habe ich nette Menschen kennengelernt und meine Sprache verbessert“, sagt Abdalla. Das Vereinsleben, das Gemeinschaftsgefühl, das gefällt ihm. „Es fehlt mir so sehr“, sagt er. „Ich hoffe, dass die Pandemie bald endet.“

Der Kapitän

Als Thomas Priemel sich vor zwei Jahren vom damaligen Trainer überreden lässt, für den FSV III noch einmal die Torwartschuhe anzuziehen, weiß er nicht, für was für eine Mannschaft er spielen wird. Priemel ist kein Sozialarbeiter oder Aktivist, er will einfach ein bisschen kicken und seine Karriere ausklingen lassen. „Beim Training sah man dann schon, dass das eine Mannschaft mit ziemlich vielen Ausländern ist. Aber das war kein Problem“, sagt er.

Es ist das dritte Mal, dass er für den FSV spielt, bei dem er fast den gesamten Nachwuchs durchlaufen hat. Zwischendrin hat er mal mit dem Fußball aufgehört, hat aber auch lange für den SV Tennenlohe und kurz für Dechsendorf gespielt.

Der FSV Bruck III ist im Vergleich ungewöhnlich. „Es ist nicht so auf Leistung bezogen wie bei anderen Mannschaften. Druck hat man überhaupt nicht“, findet Priemel.

Seine Mitspieler haben ihn zum Kapitän gewählt, plötzlich trägt er Verantwortung. Nicht einfach als Torwart, der auch mal einen 50-Meter-Sprint hinlegen muss, wenn sich die Mitspieler in die Haare bekommen. „Bei manchen habe ich das Gefühl sie sehen mich als Vorbild. Dann nehme ich das gerne an“, sagt er.

Vor allem ein Mitspieler fasziniert ihn: Mowlid Muhumed Abdi. „Ein super Typ. Er ist mittlerweile fast deutscher als alle Deutschen in der Mannschaft. Und er hat eine Wahnsinnsgeschichte hinter sich.“

Der Unbesiegbare

Mowlid Muhumed Abdi hatte eigentlich alles überlebt. Die Gewalt in seinem Heimatland Somalia, das er zu Fuß verließ. Die vielen Kilometer, die er quer durch Afrika lief. Das Gefängnis in Libyen, wo sie ihn als Flüchtling einsperrten. Die Fahrt im Schlauchboot über das Mittelmeer. Abdi erreichte sein Ziel, er lebte in Italien, als er eine Frau in Dänemark kennenlernt. Er besucht sie, übernachtet bei ihr. Die Frau ist psychisch krank. In der Nacht übergießt sie ihn mit kochend heißem Öl. Sieben Tage liegt er im Koma. Noch viel länger im Krankenhaus. „Schau mal, wenn du kochst und dir kommt ein kleiner Tropfen an deine Hand, wie heiß das ist. Was meinst du, wie das bei fünf Litern ist?“, erklärt er.

Als er 2014, zwei Jahre danach, nach Deutschland kommt, ist er gezeichnet. Eine Frau, Diana Könitzer vom Diakonischen Werk Bamberg-Forchheim, habe ihm geholfen. Über Spenden wird ihm eine medizinische Nachversorgung finanziert.

Das Leben hat ihn nicht besiegt. „Ich schaue immer nach vorne, nach hinten nicht mehr“, sagt er. Abdi hat in Somalia Fußball gespielt. Eigentlich war er Marathonläufer. Nun geht das nicht mehr. Er bekommt Spritzen gegen die Schmerzen, eine Nebenwirkung ist, dass er zunimmt. „Da habe ich mir gesagt, ich spiele Fußball“, sagt er. Beim FSV ist er Außenverteidiger und sitzt im Mannschaftsrat.

Er arbeitet beim Klinik-Service der Uniklinik. „Peter, Ralph oder Schnuck, die ganze Mannschaft ist für mich wie eine Familie. Peter und seine Frau sind sehr wichtig. Sie haben ein gutes Herz. Und damit schafft man alles.“

Rassismus auf dem Fußballplatz hat Abdi noch nicht erlebt. „Ne ne“, sagt er. Außerhalb davon schon. Aber er reagiert schlagfertig. „Gute Besserung“, wünscht er einem, der ihn im Bus beschimpft.

Er hat eine Frau und zwei Kinder, man hört sie im Hintergrund spielen, während er am Telefon erzählt. „Ich habe Glück gehabt“, sagt er. „Heute bin ich ein glücklicher Mensch.“ Wenn Corona vorbei ist, will er wieder Fußball spielen.

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