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Taner Koc: "Wenn es von 200 Kindern eines schafft, war es ein Erfolg"

TSG-Trainer engagierte sich bei Sozialprojekt und berichtet von bleibenden Eindrücken aus Favelas

Zwei Wochen ließ sich Taner Koc, Trainer der TSG Roth, an der Seitenlinie von seinem Bruder Sami vertreten. Er selbst erlebte eine völlig andere Wirklichkeit des Fußballs bei einem Sozialprojekt seines Arbeitgebers Adidas in den Elendsvierteln von São Paulo. Seine Lektion: „Wer es nicht schätzt, in Deutschland zu leben, hat ein gewaltiges Defizit.“

Taner Koc mit brasilianischen Kindern in einer Favela. „Wenn es von 200 Kindern eines schafft, war es ein Erfolg“, zieht Koc Bilanz.

 / © privat

Das war alles andere als ein als Betriebsprojekt getarnter Urlaub, den die vier Frauen und drei Männer des Sportartikel-Riesen in Brasilien erlebten. Sie absolvierten ein Ganztages-Programm in einer Schule in den Favelas, wie die Elendsviertel heißen. Eine Schicht am Vormittag, eine am Nachmittag. Die Kinder werden abwechselnd unterrichtet, um den Platz im Gebäude und das Lehrpersonal optimal auszulasten. Die Adidas-Leute holten die Gruppe, die gerade keinen Unterricht hatte, sozusagen von der Straße. Statt Drogen, Alkohol und Kriminalität umgab sie für zwei Wochen ein Programm, dass ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen sollte.

„Wenn es von 200 Kindern eines schafft, war es ein Erfolg“, zieht Taner Koc, der am Feierabend gelegentlich mit Tränen zu kämpfen hatte, eine sehr persönliche Bilanz. Er weiß wie es ist, wenn man sich durchbeißen muss, er selbst ist in einer Großfamilie aufgewachsen, deren Vater früh gestorben ist. Aber kein Vergleich zu den Favelas. Das war zum kleinen Teil ein Sportprogramm, das die Adidas-Gruppe veranstaltete. Ein Workshop befasste sich mit Körperhygiene, warum und wie man sich wäscht – wenn man denn frisches Wasser hat. Praktische Lebenshilfe bot auch ein Bastelkurs. Yoga war nicht nur für Schüler und Lehrer entspannend, sondern auch für die Deutschen selbst. „In der Mittagspause haben wir uns gerne auf die Matte gelegt“, erzählt Taner Koc, „weil es so viele Dinge zu verarbeiten gab.“

© privat

Eisbrecher Fußball

Welche, das erfährt man indirekt. Die Adidas-Sieben blieb nach dem Unterricht nicht im Elendsviertel, sondern war in einem Hostel im zehn Kilometer entfernten Embu untergebracht, was bei den dortigen Verkehrsverhältnissen eine Stunde Fahrzeit bedeutete. „Wir mussten uns am Abend um unsere Körperpflege kümmern, wir wollten keine Läuse mit nach Deutschland bringen“, so Koc. Seine Aufgabe im Team beschreibt der Trainer als „Joker für Sportfertigkeiten“. Außerdem war er der Eisbrecher, bei dem die Kinder ihre anfängliche Scheu ablegten: „Mit einigen Fußball-Tricks habe ich die Kinder abgeholt, hauptsächlich natürlich die Jungs.“ Die Mädchen begeisterten sich eher für einen Schminkkurs oder Zumba.

Die Vorstellung, dass man brasilianischen Straßenkindern am Ball kaum was vormachen kann, lässt Taner Koc jetzt nicht mehr gelten. „Ich war sogar ein wenig enttäuscht“, sagt er jetzt zu den Fertigkeiten. In den 2010er-Jahrgängen wären zwei dabei gewesen, die wesentlich weiter waren als die anderen.

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Begehrte Wörterbücher

„Die sind alle von der Athletik her nicht so fit.“ Kein Wunder, bei der mangelhaften Ernährung. Was den Trainer imponiert hat, war die Hartnäckigkeit, mit der die Kinder die Fußball-Tricks einübten: „Nach einer Woche hatten sie alles drauf.“ Gut angekommen sind die englischen Wörterbücher, die die Deutschen mitbrachten. Klar, denn es fehlt auch an Lehrmitteln. Diesbezüglich wird das Adidas-Septett jetzt aus Deutschland aktiv, denn die Sache ist nach den beiden Wochen nicht abgehakt. Wenn es die Zeit zulässt, werden Taner Koc und seine Mitstreiter ihre Erlebnisse in einem Video zusammenfassen, das über verschiedene Internet-Plattformen publiziert werden soll. Der Zusammenschnitt dient auch als Spendenaufruf. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern um Bälle, Geräte, Spielkonsolen – und englische Wörterbücher.

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