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"Man kann nicht deutlicher zeigen, wie weit man von der Basis entfernt ist"

Streit um Spielplan: Heftige Kritik an BFV-Präsident Koch

Mit seiner deutlichen Kritik am Spielplan und dem damit verbundenen frühen Saisonende Mitte Mai hatte Dittenheims Trainer Martin Huber viel Zustimmung erfahren. Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußballverbandes (BFV), reagierte umgehend per Video-Statement, zog sich dadurch aber noch mehr Zorn von Vereinsseite zu.

Rainer Koch

In der Kritik: Rainer Koch, BFV-Präsident.

 / © Zink

Das Thema ist nicht neu. Jedes Jahr, wenn Herbst und Winter Herbst- und Winterwetter bringen, fallen landauf landab zahlreiche Amateurspiele ins buchstäbliche Wasser. In dieser Saison waren es besonders viele, was der alljährlichen Diskussion einen zusätzlichen Schub bescherte. Martin Huber, Coach des FV Dittenheim, äußerte sich öffentlich und traf mit seinen Aussagen offensichtlich den Nerv vieler Aktiver. Huber hatte vor allem sein Unverständnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass die Monate Juni und Juli spielfrei seien, während man sich im März und November die Plätze kaputt mache. Unter dem Facebook-Post unseres Portals mit Hubers Aussagen vom Gründonnerstag sammelten sich tausende zumeist zustimmende Reaktionen. Noch am Osterwochenende äußerte sich auch BFV-Präsident Koch per Videobeitrag zur Thematik und erteilte einer grundlegenden Revolution des Spieplans eine klare Absage. Fünf Gründe führte er dafür ins Feld. Für seine Aussagen hatte die Mehrzahl der nordbayernAmateure-User erneut wenig Verständnis.

Einer, dem Kochs Ausführungen besonders sauer aufstießen, ist Martin Rauh. Der 35-jährige Spieler und Abteilungsleiter des SC Eckenhaid wurde 2016 mit dem Ehrenamtspreis des BFV ausgezeichnet. Heute sagt Rauh: "Der Verband nimmt mir jegliche Freude an meinem Ehrenamt." Das Video des Verbandspräsidenten bringt ihn regelrecht auf die Palme. Koch hatte die Idee eines Spielplans, der durchgängig von März bis November mit einer kurzen Pause im August stattfinden sollte, aus fünf Gründen zurückgewiesen (siehe nachfolgende Liste): 

  • 1. Die attraktivsten Spiele finden zu Beginn und am Ende der Saison statt, sie sollten bei schönem Wetter und vor vielen Zuschauern stattfinden und nicht im März und nicht im November ausgetragen werden.

  • 2. Die letzten Spieltage müssen aus Wettbewerbsgünden zum gleichen Zeitpunkt gespielt werden. Die Wahrscheinlichkeit von Spielausfällen ist im November viel zu groß. Ein Spielausfall am letzten Spieltag - Wettbewerbsverzerrung wäre die Folge.

  • 3. Wir können in den Sommermonaten ohnehin nicht vollständig durchspielen, denn unsere Fußballplätze müssen gepflegt, saniert und renoviert werden. Das geht aber nicht in den Wintermonaten, das geht nur im Sommer.

  • 4. Unser Spielplan muss sich mit Blick auf durchgängigen Auf- und Abstieg an Vorgaben und internationalen Gegebenheiten orientieren, in Mitteleuropa wird von Juli bis Ende Mai gespielt.

  • 5. Auch unsere Amateurfußballer wollen Urlaub mit ihren Familien machen. Deshalb muss es im Sommer für sie eine Pause geben.

"Wird nicht versucht, sich der Thematik anzunehmen"

"Ich finde Kochs Kommentare hanebüchen", ärgert sich Rauh. "Was er sagt, ist weltfremd. Seine Argumentation ist total haltlos, weil er sich überhaupt keine Gedanken gemacht hat. Mit Pseudoargumenten sollen Leute mundtot gemacht werden. Es ist ein Unding, im Juni und Juli keinen Fußball spielen zu lassen. Das geht heute nicht mehr." Dabei bringt Rauh für den ersten der fünf Punkte von Koch noch ein Stück weit Verständnis auf. Doch schon beim Thema Wettbewerbsverzerrung fehlt es ihm. Diese könne es nämlich auch schon am drittletzten Spieltag geben, wenn die Partien nicht gleichzeitig angepfiffen werden müssen. "Ich kann auch den letzten Spieltag Mitte Oktober austragen. Wenn Koch sagt, 'da sind mir zu wenige Zuschauer, da gehen Einnahmen verloren', das wäre ehrlich."

"An den Haaren herbeigezogen", sei laut Rauh das Argument der Platzsanierung. "Hier wurde mit Zwang versucht, ein Argument zu finden. Ich kenne keinen Verein, der alle Plätze gleichzeitig sanieren muss." Etwas Verständnis äußert Rauh hingegen im Hinblick auf einen durchgängigen Auf- und Abstieg bis zur Bundesliga und das damit verbundene Saisonende Mitte Mai. "Das aber", sagt Rauh, könne man "als gottgegeben hinnehmen oder man kann versuchen, sich damit auseinanderzusetzen." Der Eckenhaider schlägt beispielsweise einen Arbeitskreis vor, der mögliche Lösungen erörtern könnte. "Aber es wird nicht einmal versucht, sich der Thematik anzunehmen", schimpft er. Burgfarrnbachs Coach Uwe Neunsinger bringt einen anderen Punkt ins Spiel: "Natürlich müssen wir früh fertig sein", schreibt er auf Facebook. Allerdings sehe er den Grund dafür nicht in internationalen Gegebenheiten, "sondern damit die Relegationsmühle anlaufen kann und etliche tausend (Sozial-)euros vom Verband eingenommen werden können und mit den großen Zuschauerzahlen wieder geworben werden kann. Nichts anderes ist der Grund." Neunsinger weist darauf hin, dass früher in 18 Teams starken Verbandsligen Saisonstart Anfang August war. Dafür wurden am Ende nur maximal zwei Relegationsspiele ausgetragen, nicht wie heute bis zu sechs, was den frühen Saisonstart notwendig mache.

"Der größte Witz!"

Absolut in Rage gerät Martin Rauh, wenn er Kochs Ausführungen zum Thema Urlaub hört. "Das ist der größte Witz! Die Saison beginnt pünktlich zur Ferienzeit, davor ist spielfrei. Dafür sind Ostern und Pfingsten, also Tage an denen ein Amateurfußballer einmal frei haben will, voll mit Nachholspielen", sagt der 35-Jährige. Er könne Koch außerdem versichern, dass ein Kicker von heute seinen Urlaub nicht nach dem BFV richte: "Die fahren weg, wann sie wollen, das sind Amateursportler." Ähnlich sieht es Thomas Ackermann, meinungsstarker Ex-Coach des TuS Feuchtwangen und der Sportfreunde Dinkelsbühl. Er äußerte sich auf Facebook zur Thematik: "Die Spieler heutzutage gehen in den Urlaub wann sie wollen. Da wird keinen Millimeter mehr nach dem Spielplan gesehen. Wenn die Freundin will, dann geht der Flieger ab."

Für Rauh ist spätestens nach Kochs Video eine Grenze überschritten. Dem Eckenhaider reicht es. "Man kann gar nicht deutlicher zur Schau stellen, wie weit man von der Basis entfernt ist. Ich kann solche Aussagen nicht mehr hinnehmen. Von einem Verband, der sich auf die Fahnen schreibt, nah an der Basis zu sein, erwarte ich, dass er den Dialog sucht. Das macht er überhaupt nicht", sagt er. Er selbst habe "die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen", sagt Rauh. Ob ein Sommerspielplan oder eine modifizierte Form der herkömmlichen Regelung die bessere Lösung sei, wisse auch er nicht. "Aber mich stört, dass über Juni und Juli überhaupt nicht diskutiert wird."

"Basis stark genug, sich zu erheben"

Trotz aller Kritik laufen Kreis- und Verbandstage in der Regel harmonisch ab, bei sämtlichen Abstimmungen erzielt der BFV eindeutige Ergebnisse, Medienrichtlinien auf Verbandsebene werden ohne größere Widerworte abgenickt, der Livetickerzwang zwar kritisiert, aber hingenommen. Warum wehren sich die Klubs nicht? "Das Problem ist, dass viele Vereine nicht den Mut haben, aufzustehen und für eine Sache zu werben, weil sie dann genau wissen, dass sie im Fokus des Verbands stehen", klagt Rauh, der den BFV-Liveticker grundsätzlich für eine gute Sache, vom Zwang aber gar nichts hält. "Der Verband", sagt Rauh, "arbeitet nicht mehr offen zu uns hin. Ich glaube die Basis ist stark genug, sich zu erheben." Noch aber traue sich kein Verein. "Eigentlich müsste man am Verbandstag einen Eilantrag zum Sommerspielplan stellen", sagt Rauh und stellt abschließend klar: "Der Verband braucht die Basis, nicht die Basis den Verband."

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