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Das Geschäft in den unteren Ligen

Über die Bezahlpraxis im Amateurfußball

„Wir setzen auf die Jugend. Bei uns gibt es kein Geld.“ Mit diesem Leitspruch werben Vereine gerne für sich, verschweigen dabei aber eine weit verbreitete Bezahlpraxis im Amateurfußball. Eine Spurensuche in Mittelfranken liefert Ursachen und düstere Zukunftsprognosen.

Ein Vetrag bei einem Landesligisten - gängige Praxis im Amateurfußball.

 / © NN

Ein belegtes Brötchen. „Das gab es, wenn ich mal ein Tor geschossen habe. Mehr nicht.“ Das erklärt ein 36-jähriger Erlanger, der seinen Namen an dieser Stelle nicht lesen möchte, auf Anfrage – und muss schmunzeln. Er weiß: Die wenig wahrheitsgetreue Schutzbehauptung ist schnell entlarvt. Mehrere Jahre zählte der Mittelfeldmann zu den Stammkräften in der Bezirksoberliga und Landesliga bei einem Klub aus dem Landkreis Forchheim. Umsonst nahm er den Weg nicht in Kauf, sondern sicherte sich als Teil eines gängigen Systems sein Stück vom Kuchen.

„Jeder wusste, dass Geld floss. Ich habe halt auch mitgemacht und konnte mir mit wachsendem Stellenwert ein bisschen mehr herausnehmen.“ Eine niedrige dreistellige Summe an Fahrtgeld für Auswärtige plus Erfolgsprämien sei die Regel gewesen, Spieler aus der näheren Umgebung bekamen über kreative Umwege die Benzinkosten genauso erstattet. Als problematisch sah der Amateurfußballer den Umgang nie. „Es wurde auf eine Balance im Gefüge geachtet. Nur wenige Leistungsträger bekamen mehr, das wurde von allen respektiert. Außerdem sahen wir uns im Gegenzug in der Pflicht, dem Verein eine entsprechende Leistung zurückzuzahlen.“ Mit der Erfahrung von zwei Saisons als Spielertrainer bei einem Kreisklassisten, der tatsächlich keine finanziellen Risiken eingeht, stellt er nun aber einen bedenklichen Trend zum bezahlten Amateurfußball fest: „Für uns ist es natürlich schwerer, gute Kicker zu angeln. Dafür hast du in der Mannschaft ausgeglichene Verhältnisse. Ich denke, mancherorts ist man nicht so ehrlich. Wenn Konkurrenten die Mittel haben, sollen sie das gerne machen. Aber wenn die Existenz des Vereins teilweise wiederholt aufs Spiel gesetzt wird, kann ich das nicht verstehen. Selbst in der Bezirksliga geht es doch eigentlich noch um nicht viel mehr als Egos.“ Darüber, dass „dir mitunter Leute krasse Forderungen stellen, die kaum einmal in der Kreisliga eingewechselt wurden“ kann er nur den Kopf schütteln: „Das kann so eigentlich nicht mehr funktionieren bei schrumpfenden Zuschauerzahlen.“

Reichlich Frust hat sich auch bei einem 34 Jahre alten Spielertrainer eines anderen Kreisklassisten angestaut. „Es ist erschreckend. In jedem Gespräch kommt als erstes das Geld zur Sprache. Die Spieler werden weniger und entwickeln eine völlig verzerrte Selbsteinschätzung.“ Vor zehn Jahren selbst für zwei Runden in die Bezirksoberliga gewechselt, bekommt der Torjäger noch immer Angebote, die er als „vogelwild“ und „beschämend“ bezeichnet. „Das wäre in den vierstelligen Bereich gegangen, wenn ich gewollt hätte. Leider wollen manche Vereine aus Prestigegründen mit aller Gewalt in die Kreisliga. Die Verzweiflung machen sich auch einige Trainerkollegen zu Nutze. Die Verantwortung und der Zeitaufwand sollen entschädigt werden, aber 1200 Euro halte ich für unangemessen. Wir sollten den Fußball als Hobby sehen und nicht als Nebenverdienst.“ Der Stürmer bekennt sich zu seinen Wurzeln und der Dorfklub-Kultur, die er bedroht sieht: „Ich wünsche mir, dass auch Andere aufwachen und auf ihre Eigengewächse setzen. Es müssen Vorbilder gestärkt werden, die ihren Vereinen treu bleiben. Auf dem Land geht es nicht mehr lange um Kreisklasse oder Kreisliga, sondern um die Rettung des Spielbetriebs.“

Exakt dieses Argument führt indes der Abteilungsleiter eines Kreisligisten aus dem Aischgrund an, um den Transfereifer seines Klubs zu begründen. Weil der Ort nur wenige hundert Einwohner zählt, „waren wir schon immer auf fremde Hilfe angewiesen“. In den 20 Jahren seiner Funktionärs-Tätigkeit habe sich der Anteil von Externen im Schnitt bei 30 Prozent gehalten. Es ist schon ein paar Jahre her, da brachte der bis dato letzte eigene U19-Jahrgang Nachschub. Inzwischen beteiligt sich der Klub in einer riesigen Spielgemeinschaft und leistet zumindest in den jüngeren Altersklassen einen nennenswerten personellen Beitrag. Doch das Gros der Talente landet wiederum beim für seine Jugendarbeit bekannten größten Klub der umliegenden Gemeinden. Der ehemalige Landesligaspieler will gar nicht mit dem Freizeitverhalten der jüngeren Generationen hadern, ärgert sich dafür ab und zu über die Forderungen dreister Trainer, horrende Passgebühren des Verbands und Heuchelei. Mit einem mühsam von Gönnern und Sponsoren zusammengehamsterten Budget - „noch im dreistelligen Bereich im Monat“, betont der Abteilungsleiter - sei man sicher nicht der Krösus der Konkurrenz, punkte vielmehr mit dem Rasen auf einer idyllisch gelegenen Waldanlage oder einer Sauna. „Auf den Dörfern gab es auch früher schon mal Geld. Das betraf aber nicht die Masse. Heute sind die Summen ein offenes Geheimnis und die Spieler profilieren sich damit.“ Um sich nicht im Verhandlungspoker von frechen Torjägern aus der A-Klasse ärgern lassen zu müssen, knüpft der Verein seit zwei Jahren seine Fahrtgelder und Prämien an die Trainingspräsenz und behält so neben der Besetzung der Stelle eines spielenden Co-Trainers einen wirkungsvollen Hebel in der Hand. „Die Suche nach den richtigen Typen ist stressig, lohnt sich aber. Wir haben die besten Erfahrungen mit Spielern gemacht, die nach höherklassigen Stationen in einen neuen Karriereabschnitt übertreten.“

„Es ist fast wie in der Tierwelt“

Auf Verbandsebene hören die Sorgen mitnichten auf, bestätigt der Sportliche Leiter eines Bayernligisten. „Es ist fast wie in der Tierwelt“, beschreibt er den natürlichen Wechselkreislauf: Wenige potente mittelfränkische Klubs unterhalb der professionellen Regionalliga schnappen sich die besten Kicker, die durchschnittlichen Bayernligisten plündern beim Landesliga-Nachbarn und so setzt sich die Nahrungskette bis in die Kreisebene fort. So weit, so marktwirtschaftlich. Das eigentliche Dilemma entsteht dadurch, dass die Beteiligten nicht genug qualifizierten Nachwuchs produzieren. „Eine gute Ausbildung lohnt sich kaum, wenn dir die Anderen die jugendlichen Topspieler wegkaufen.“ Einigen sich die Vereine nicht auf eine Ausbildungsentschädigung und winkt der aufnehmende Klub mit der Karte „Vertragsamateur“, droht der abgebende Verein finanziell leer auszugehen. Und das bei einem verschärften Kostendruck, weil eben die rar gewordenen Talente nicht mehr mit einem Paar Fußballschuhe zufrieden sind. „Da wird über Nacht eine neue Fahrtkosten-Rechnung aufgemacht und um 20 Euro zusätzlich gefeilscht. Manche schicken dir auch eiskalt das Angebot eines Konkurrenten als Verhandlungsbasis“, berichtet der oberfränkische Funktionär. Sein persönlicher Gipfel waren die Gehaltsforderungen eines Torwarts in der Bayernliga. 1200 Euro monatlich wollte der Spieler haben - und das von Januar bis Dezember, also auch in Sommer- und Winterpause.

Diese Entwicklung ist aus Sicht eines Rentners, der dem Amateurfußball nach über 30 Jahren auch aus zunehmendem Unverständnis den Rücken gekehrt hat, ein Armutszeugnis. „Zu BOL-Zeiten vor zwölf, fünfzehn Jahren haben sich selbst Stadtrivalen ausgetauscht und mit offenen Karten gespielt, um sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen. Wer die heutige Entwicklung mitgeht, ist selbst schuld. Die Zuschauerzahlen rechtfertigen es jedenfalls nicht“, erzählt der Forchheimer, der den Bruch mit den Gepflogenheiten an der Spielklassen-Reform 2011 festmacht. Damals fiel die Bezirksoberliga weg, was vor allem Freunde von Derbys, die ordentliches Spielniveau hatten, bedauerten. „Damit wurde das Niveau verwässert und aus der alten Landesliga die neue Bayernliga. Ab diesem Zeitpunkt waren plötzlich monatlich vierstellige Beträge im Spiel.“

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