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Javad Esfandiari: Aus dem Iran ins Nürnberger Futsal-Tor

Futsal Regionalliga Süd

Javad Esfandiari war dritter Nationaltorwart im Iran. Jetzt steht der 30-Jährige für Futsal Nürnberg im Tor, eine weniger erfolgreiche Mannschaft. Hier zu spielen ist nach seiner Flucht wie „ein Stück Heimat“ für ihn. Es könnte aber bald vorbei sein damit: Denn sein Asylantrag wurde abgelehnt.

Er schüchtert den Gegner ein und motiviert mit seinem Können das Team. Ob Javad Esfandiari in Deutschland bleiben kann, ist fraglich. 

 / © Sportfoto Zink

Am Gesicht von Javad Esfandiari lässt sich im Verlauf jeder Partie eine Geschichte ablesen. Zwischen seinen Augenbrauen wächst dann eine senkrechte Sorgenfalte, die in 18 Jahren Futsal immer tiefer geworden ist. Nicht ganz so tief war diese in seiner Zeit als dritter Torwart der iranischen Nationalmannschaft. Denn von dem reichlichen Gehalt konnte Esfandiari sehr gut leben. In seinem Heimatland hat die Sportart einen viel größeren Stellenwert als in Deutschland. Die iranische Mannschaft zählt zudem zu den besten der Welt.

In den drei Jahren als Nationaltorwart erlebte Esfandiari den schönsten Moment seiner Karriere: Die Asienmeisterschaft 2016. Im Viertelfinale gegen Kirgistan wehrte er alle Bälle ab, seine Mannschaft schoss sieben Tore. Danach wurden sie Meister. Das ist fast schon „Gesetz im Iran“, erklärt er. In insgesamt 14 Turnieren holten sie elfmal den Titel.

Nur wenige Monate später folgt der schlimmste Moment seines Lebens. Der Trainer entlässt Javad Esfandiari nur einen Tag vor der Abreise zur Weltmeisterschaft in Kolumbien. Der Grund ist angeblich ein Statement des Iraners bei einer Pressekonferenz. Dort sprach er sich für das Können von zwei Trainern aus, die der Nationaltrainer nicht leiden konnte. Nach dem Rauswurf spielt er in der ersten Liga, bis die Situation für ihn untragbar wird. „Mir und meiner Familie drohte Lebensgefahr“, sagt der Iraner rückblickend. Mächtige Menschen hätten ihn ins Visier genommen und ihm gedroht. Über die genauen Hintergründe möchte er nicht mit den Nürnberger Nachrichten sprechen.

Im September bricht der Iraner auf und ist 52 Tage unterwegs. Er reist mit seiner Frau und deren Schwester nach Serbien ein, fährt im Laderaum eines Lkw nach Rumänien, dann nach Ungarn und über Österreich nach Nürnberg. Hier lebt er jetzt in einer Flüchtlingsunterkunft.

Sorgen um das Bleiberecht

Ein erstes Gefühl der Sicherheit, doch vier Tage vor Silvester erhält die Familie einen Brief: Der Asylantrag wird abgelehnt. Jetzt will er auf sein Bleiberecht plädieren, weil er ein Profisportler ist. Ob das noch etwas ändert, wird sich zeigen. „Futsal ist in Deutschland nun mal kein Profisport“, sagt auch sein Trainer.

Vielleicht ist auch dieser Zustand eine Erklärung für die Sorgenfalte auf seinem Gesicht. Jedenfalls fehlte sein Markenzeichen auch bei den Partien von Futsal Nürnberg nicht. Denn es bereitet dem neuen Torwart Sorgen, mit Amateuren zu spielen. „Ihr Verhalten ist einfach nicht berechenbar“, darüber hat er sich schon einige Male den Kopf zerbrochen. In jeder Partie versucht er sich den weiteren Spielverlauf auszumalen. Darin ist er Profi, aber: Wo eine durchdachte Spieltaktik fehlt, gelangt Esfandiari an seine Grenzen. „Das ist eine ganz neue Herausforderung für mich.“ Manchmal hat er auch das Gefühl, für die anderen Spieler seiner Mannschaft mitdenken zu müssen. Was er dann auch tut. Es ist aber schwer, diese hohe Konzentration auf Dauer aufrechtzuerhalten. „Im Schnitt wird dann das Risiko sogar größer, dass ich ein Tor kassiere“, sagt er.

Dass in seiner neuen Mannschaft nur einmal pro Woche trainiert wird, wollte der Iraner zunächst nicht wahrhaben. In der Heimat waren sechs oder mehr Trainingseinheiten pro Woche angesetzt, jedes Wochenende gab es ein Spiel. Er fasst sich voll Missfallen an den Bauchansatz, der sich jetzt unter seinem T-Shirt aus Baumwolle abzeichnet. „Das fordert mich natürlich nicht so, wie ich es aus dem Iran gewohnt bin“, sagt er. Dennoch ist er glücklich, in Deutschland seiner Leidenschaft nachgehen zu können. „Ein großes Stück von Javads Energie springt auch auf uns über“, findet Alireza Vahidi, sein Teamkollege, der auch aus dem Iran stammt und für Esfandiari und den Rest der Mannschaft übersetzt. Auf eine starke Leistung im Tor können sie auch dann zählen, wenn es vorne nicht so gut läuft. „Manchmal hält er uns am Leben“, gesteht Spielertrainer Peter Schulze-Zachau.

Er glaubt, dass für den Iraner der emotionale Wert des Spiels im Vordergrund steht. Weil der Platz für ihn „ein Stück Heimat ist“. Ein Ort ist, an dem die Mannschaft sich versteht, auch wenn nicht alle die gleiche Sprache sprechen. Weil sie das gemeinsame Spiel verbindet.

Esfandiari hat bereits einen Weg gefunden, um Verständigungsprobleme zu überwinden. Er hat alle Namen in kurzer Zeit gelernt, dazu die Wörter „rechts“ und „links“. Und auch das Gestikulieren hat er für sich entdeckt. „Er äfft gerne im Training die anderen nach“, sagt Schulze-Zachau. Und dann haben alle etwas zu lachen.

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