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Lochmann: "Unsere Lösungen erzeugen massive gesundheitsförderliche Wirkung"

Sportwissenschaftler Matthias Lochmann im Interview

Während zu Hause die Revolution (Funino-Einführung des BFV) verkündet wird, weilt Matthias Lochmann mit einer Delegation der Friedrich Alexander-Universität und des Fraunhofer Instituts in den USA. Bei Besuchen im Silicon Valley ging es vordergründig um Innovationen im Technologie-Sektor, doch der in Neunkirchen am Brand wohnhafte Lehrstuhl-Inhaber für Sportbiologie und Bewegungsmedizin schlägt über den Gesundheitsaspekt die Brücke zu seiner Botschaft vom modernen Fußball.

Matthias Lochmann präsentierte in Eggolsheim 2017 passende technische Ausstattung zur innovativen Trainingsmethode.

 / © Roland Huber

Herr Lochmann, seit Sommer 2015 treiben Sie die Idee eines alternativen Lernkonzeptes für den Fußballnachwuchs intensiv voran. Wie binden Sie diese Bemühungen in Ihre beruflichen Verpflichtungen ein?

Matthias Lochmann: Traditionell umfasst eine Professur die Säulen Forschung und Lehre (davon neun Wochenstunden Lehre; d.Red.). Den Spielintelligenzansatz, der dem alternativen Lernkonzept zu Grunde liegt, verfolgen wir in beiden Richtungen. Gerade verändern wir als FAU das Wettkampfsystem im Kinderfußball auf nationaler und sogar internationaler Ebene.

Worin besteht der Zweck, sich als Wissenschaft so aktiv einzumischen?

Matthias Lochmann: Wir sehen unsere Aufgabe als Dienst an der Gesellschaft, dazu gehört die Identifizierung von strukturellen Schwächen. Dies betrifft die Bereiche Sport und Gesundheit genauso wie die Systeme an Schulen und Hochschulen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass die von uns in zahlreichen Pilotprojekten entwickelten Lösungen im Kinderfußball massive gesundheitsförderliche Wirkungen für breite Schichten der Bevölkerung erzeugen werden. Aktuell ist mir kein Ansatz bekannt, der ein höheres Potential besitzt und gleichzeitig in der Praxis etabliert ist. Als Kooperationspartner der WHO ( Weltgesundheitsorganisation; d.Red.) ist unser Department dazu aufgerufen, diese Veränderungen zu unterstützen.

Was hat das Ganze mit dem Silicon Valley zu tun?

Matthias Lochmann: Leider sind Wissenschaftler oftmals Wissensriesen, aber gleichzeitig Umsetzungszwerge. Im Silicon Valley wurde eine Umgebung geschaffen, die Ideen den Zugang zum Markt erleichtert. Sich diese Mentalität zu eigen zu machen sehe ich als zentral an, um die internationale Anschlussfähigkeit des Landes zu sichern.

Hatten Sie diese Einstellung, unbedingt einen Wandel bewirken zu wollen, auch schon, als Sie noch in der hessischen Heimat als Trainer im Vereinsfußball tätig waren?

Matthias Lochmann: In der Rückschau betrachtet, ja. Diesen Weg habe ich im Prinzip 1996 nach meinem ersten Studienabschluss im Lehramt Physik und Sport für Gymnasium eingeschlagen, als ich mich für die Promotion entschieden habe und bei Mainz 05 tätig war. Allerdings haben mir das Wissen und die Werkzeuge dazu gefehlt, neue Methoden zu verstetigen.

Verschafft der aktuelle Siegeszug nach zäher Überzeugungsarbeit ein Gefühl der Genugtuung?

Matthias Lochmann: Ich freue mich, dass die inhaltliche Stärke unserer Pilotprojekte eine Bewegung in Gang gesetzt hat, die nun auch auf internationaler Ebene Fahrt aufnimmt. Bei solchen disruptiven Prozessen wird man anfangs belächelt, bei zwei Prozent Akzeptanz jedoch kippt der Trend und das Neue wird der Standard. Das Gleiche geschieht aktuell in der Elektromobilität. Hier wird 2021 global der Trend kippen.

Der Verband hat Sie erst ignoriert und zeigt sich plötzlich begeistert. Ärgert Sie das als Initiator, wenn sich andere mit fremden Federn schmücken wollen?

Matthias Lochmann: Ich habe ja immer darauf hingewiesen, dass der Verband selbst den größten Schlüssel in der Hand hat. In diesem Zusammenhang ist mir allerdings wichtig, dass wir korrekt zitiert werden. Die ursprüngliche Idee gebührt Horst Wein. Wir haben daraus den Vorschlag einer kompletten Wettkampf-Reform verdichtet, die Auswirkungen getestet, publiziert und gehen nun an die Umsetzung.

Sie sind sogar noch einen Schritt weiter gegangen, haben technische Ausrüstung produziert und beispielsweise den Vertrieb der Fußballsparte in eine Firma (SIT Sports Innovation Technologies sitzt im Medical Valley Forchheim; d.Red.) ausgegründet. Stellt die parallele kommerzielle Verwertung keinen Interessen-Konflikt zur ursprünglichen Unabhängigkeit der Forschung dar?

Matthias Lochmann: Im Gegenteil. Die Geisteshaltung, die dieser Frage zu Grunde liegt, ist aber typisch deutsch. Eine der wichtigsten Eigenschaften einer Innovation ist die der Monetarisierbarkeit. Ist diese nicht gegeben, wird sie sich nicht durchsetzen. An dieser Gesetzmäßigkeit krankt aktuell der Amateurfußball mit seinen viel zu geringen Mitgliedsbeiträgen.

Kommen wir auf Ihre Quelle zurück. Bei welcher Gelegenheit sind Sie auf Horst Wein gestoßen?

Matthias Lochmann: Das war 2004 bei einer Fortbildung in der Sportschule Wedau. Ich war im Nachwuchsleistungszentrum des FSV Mainz05 für die U15 zuständig. Zu dieser Zeit hat Jürgen Klopp die Maßstäbe verändert. Bei mir hat es sofort Klick gemacht, wenige Wochen später habe ich Horst Wein in Barcelona besucht und seine Methodik in der U15 eingeführt. Viele dieser Spieler sind dann unter Thomas Tuchel Deutscher Meister mit den A-Junioren geworden.

Zu Hause haben Sie Ihren Sohn Mika quasi als Prototyp, der das neue Konzept im Heimatverein TSV Neunkirchen durchläuft. Erfüllen sich die Versprechungen?

Matthias Lochmann: Er kommt ins zweite Jahr bei den E-Junioren, pausiert aber momentan aufgrund wachstumsbedingter Knieschmerzen. Das hat er von seinem Vater mitbekommen. Tatsächlich hat er sich fußballerisch sehr gut entwickelt. Er hat nie die konventionellen Trainingsformen kennengelernt, verfügt über eine schnelle Auffassungsgabe und ist beidfüßig ausgebildet.

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