Das Amateurfußballportal für Mittelfranken
Partner im
Amateurfußballnetzwerk
Partner im Amateurfußballnetzwerk

„Vereinszugehörigkeit wird unattraktiver“

Im Interview.

Als das Pendeln zum Alltag wurde, gab Andreas Groll sein Kapitänsamt ab. Wirklich geprügelt hat sich in seinem Fußballverein niemand darum. Als Mann der Zahlen ist er nicht besonders optimistisch, dass in Zukunft wieder mehr Menschen nach dem Training noch in den Vereinsheimen des Landes zusammensitzen.

© Zink

Die Tagung Mikrokosmos Amateurfußball steigt am 10. Mai 2019 zwischen 14:30 und 17:30 Uhr im Stadion der SpVgg Greuther Fürth. Nachdem die erste Veranstaltung im Frühjahr 2018 ganz generell auf die gesellschaftliche Bedeutung des Amateurfußballs aufmerksam machen wollte, steht diesmal das Schwerpunktthema "(Sozio-)Demografischer Wandel" an. Es fällt Vereinen vielerorts schwer, Jugendmannschaften zu bilden; auf der anderen Seite müssen sie mehr Angebote für Ältere schaffen - das allein verdeutlicht die Aktualität des Themas. Neben Vorträgen und Podiumsdiskussionen - unter anderem mit Thomas Ballbach, dem "Amateur des Jahres 2018" vom SV Mosbach - geht es für alle interessierten Spieler, Funktionäre und Vereinsvertreter um einen gemeinsamen Austausch. Kostenlose Anmeldung per Mail an: johannes.uschalt@stmuk.bayern.de

Herr Groll, wie ist die Situation bei Ihrem Heimatverein? Werden es immer weniger Fußballer oder werden sie nur immer älter?

Bei uns ist es ein extremes Beispiel. Ich spiele für den TSV Haar II und war dort zehn Jahre lang Kapitän. Vor fünf Jahren bin ich von diesem Amt zurückgetreten und dachte mir: Jetzt sollen mal die Jüngeren Verantwortung übernehmen. Es hat sich aber gezeigt, dass das nicht funktioniert. Inzwischen nennen wir uns „Classic Team“, weil wir eben ganz ganz alt sind. Ich dürfte längst in der Seniorenmannschaft mitspielen, aber ich bin in der Zweiten geblieben, weil so wenig nachkommt.

Welche Ausreden hören Sie denn von jüngeren Spielern, warum sie sich irgendwann verabschieden?

Natürlich ist vielen dann der Schulabschluss wichtiger. Das Abitur steht ja oft genau dann an, wenn der Übergang von der A-Jugend zum Herrenbereich vollzogen wird. Früher gab es an Donnerstag nach dem Training immer eine kurze Besprechung fürs Wochenende und danach haben wir Schafkopf gespielt. Es gab ein richtiges Vereinsleben.

Dr. Andreas Groll , 37, hat eine Juniorprofessur für Datenanalyse und Statistische Algorithmen an der Technischen Universität Dortmund. Vor der WM 2018 entwickelte Groll, der immer noch regelmäßig das Trikot seines Heimatvereins TSV Haar trägt, einen Algorithmus, um den Weltmeister vorauszusagen.

 / © NN

Sie sprechen in der Vergangenheit.

Meistens haben die Jüngeren, die sich ein wenig Geld dazuverdienen wollten, in unserem Stüberl gekocht und die Getränke eingekauft. Das gibt es alles gar nicht mehr. So etwas betrachten die Jungen heute eher mit Skepsis. Das Einzige, was noch funktioniert ist, dass sie am Sonntag nach dem Spiel zusammen ein Fifa-Turnier auf der Konsole machen.

Weniger Nachwuchs, deshalb mehr Spielgemeinschaften. Ist das nur so eine gefühlte Entwicklung oder kann der Datensammler und -analytiker das bestätigen?

Wir haben uns mal exemplarisch die Zahl im Kreis Neumarkt/Jura angeschaut. 2010/2011 gab es da im Herrenbereich noch keine einzige offizielle Spielgemeinschaft, 2017/18 waren es bereits 21. Ein krasser Anstieg.

Gleichzeitig wächst die Bevölkerung. Warum kommt beim Volkssport Nummer eins davon so wenig an?

Wir haben uns im Vorfeld der Veranstaltung in Fürth mal die Mitgliederzahlen des Deutschen Fußball-Bundes angeschaut. In fast allen Regionen gibt es Rückgänge, es ist ein anerkanntes Phänomen. Ich denke, es ist zum einen der gesellschaftliche Wandel, Stichwort Individualisierung. Vereinszugehörigkeit wird aufgrund gewisser Verpflichtungen unattraktiver. Zum anderen hat sich das Freizeitangebot ausdifferenziert, es gibt viel mehr Angebote, der Fußball hat immer mehr Konkurrenz. Und Freizeit ist eben eine knappe Ressource, auch wenn es jetzt bei den Schülern nach der Abkehr vom G8 vielleicht wieder besser wird.

Wer am späten Nachmittag aus der Schule kommt, will dann nicht gleich wieder irgendwohin, wo Trainer Vorgaben machen.

Ich bin früher um 13 Uhr aus der Schule gekommen, das Erste, was ich gemacht habe, war kicken. Die Hemmschwelle, das in einem Verein zu tun, war dann relativ gering. Heute ist das anders. In den Städten gibt es wiederum oft das Problem, dass die Vereine nicht genügend Kapazitäten haben, um die Leute aufzunehmen.

Zieht sich der Rückgang durch alle Altersklassen?

Ich habe mir die Zahlen im Vergleich zwischen der Saison 2016/17 und 2017/18 mal angeschaut. In Bayern gab es einen Rückgang von 36 Mannschaften bei den älteren Junioren, also in der A- und B-Jugend, bei den jüngeren, also C- bis G-Jugend, waren es 166. Im Schnitt kommt also immer weniger nach. In anderen Bundesländern ist es relativ ähnlich, lediglich in Hamburg, Bremen, Berlin und Brandenburg gab es bei den Älteren einen leichten Zuwachs. In Nordrhein-Westfalen sind die Rückgänge noch deutlich höher.

Es wird also schlimmer.

Nein, es sieht tatsächlich nicht so richtig gut aus. Man kennt das natürlich: Bei der F-Jugend hängt es auch oft davon ab, ob ein Freundeskreis geschlossen in den Verein geht oder nicht. Deshalb sind die Zahlen dort besonders schwankend.

Sie haben bereits einen Unterschied zwischen Land und Stadt angesprochen. Hat der Verein in ländlichen Gebieten noch mehr Strahlkraft, sind dort die Ablenkungen geringer?

Das würde ich vermuten. Der TSV Haar ist genau an der Grenze. Wir dürfen uns jede Saison entscheiden, ob wir lieber an der Stadt- oder der Landgruppe teilnehmen und wir gehen immer in die Landgruppe. Das liegt zum einen an den besseren Plätzen und es kommen viel mehr Zuschauer. In den Dörfern gibt es eine größere Bindung zum Amateurfußball. Dort gibt es das Schafkopfturnier vielleicht noch. Bei unserem eher städtisch geprägten Verein hat das Vereinsleben in den letzten 20 Jahren rapide abgenommen.

Weil alle lieber daheim Playstation spielen.

Heute will niemand mehr bis zehn im Stüberl sitzen, weshalb die Trainer heute noch schnell in der Kabine die Ansprache machen, wer am Wochenende spielt. Verantwortung übernehmen zu wollen, das hat extrem abgenommen.

"Wir lagen sehr gut, sogar besser als die Wettanbieter"

Sie entwickeln in Ihrem Beruf Algorithmen, um bestimmte Strömungen voraussagen zu können. Für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 haben Sie einen entwickelt, um zu prognostizieren, wer gewinnt.

Ja, das stimmt. Das Ergebnis war Deutschland oder Spanien.

Es kam dann ein bisschen anders. Was sagt das über Ihren Algorithmus aus?

Natürlich sind wir damit konfrontiert worden. Wir können Wahrscheinlichkeiten simulieren und das Modell sagt dann, die Chancen von Spanien, Weltmeister zu werden, stehen bei 17 Prozent. Jetzt könnte ich sagen: Die anderen 83 Prozent sind eingetreten. Daran kann man nur schwer festmachen, ob das Modell gut oder schlecht ist. Man hätte ungern ein Modell, das einen Außenseitersieg vorhersagt. Als wir uns nach dem Turnier aber die einzelnen Spiele angeschaut haben, lagen wir sehr gut, sogar besser als die Wettanbieter.

Lässt sich auch für den Amateurfußball ein Modell entwickeln?

Grundsätzlich ja – wenn man die Daten hat. Es gibt Studien, wie sich die motorischen Fähigkeiten von jungen Menschen entwickeln, und Studien darüber, welche Bedeutung der Fußball hat. Wenn ich dann noch Variable bekomme über Alter, Geschlecht und Bevölkerungsentwicklung, dann könnte man ein statistisches Modell bauen, bei dem die Anzahl der aktiven Sportler vorhergesagt wird.

Haben Sie die Hoffnung, dass bei Ihrem Heimatverein das Vereinsleben irgendwann wieder Schwung aufnimmt?

Leider nicht. Da bin ich skeptisch.

Mehr zum Thema