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Rahner: "Wir sind das Leicester City der Bezirksliga"

Bezirksliga Nord

Helmut "Alu" Rahner hat den neuen Meister SV Schwaig zu einer Kampfmannschaft geformt, die aber noch lernen muss, einen Aufstieg zu feiern.

Feierten den Aufstieg ausgelassen: Die Kicker des SV Schwaig.

 / © Sportfoto Zink / Thomas Hahn

Manchmal muss ein Fußballer auch einfach mal die Zähne zusammenbeißen und dem Druck standhalten – gerade in der 85. Minute eines Meisterschaftsendspiels. Das hat sich Schwaigs Marco Ranft aber wohl irgendwie anders vorgestellt. Mit zunehmend verzweifelt werdendem Blick presste er seinen Daumen auf die Sektflasche, deren Korken etwas zu voreilig aus dem Hals geschossen war, als wollte sie sagen: Macht endlich Schluss!

Bis zur siebten Minute der Nachspielzeit musste Ranft allerdings noch am Spielfeldrand ausharren, bevor endlich alle Dämme brechen durften. Zusammen mit SV-Trainer Helmut „Alu“ Rahner, der diese letzten Minuten hinter der Bande verbringen musste, weil er nach dem erlösenden 3:1 durch Filip Tadic auf das Spielfeld gestürmt und mit Kalchreuths Kapitän Markus Giering aneinandergeraten war, stürzte er sich auf seine Mannschaft. Die rund 100 Schwaiger Fans, die geschlossen in Blau und Gelb angereist waren, schossen goldenes Lametta in den hellblauen Himmel. Die Worte des Kalchreuther Stadionsprechers, „die sammelt ihr dann schön wieder auf“, gingen im grenzenlosen Jubel unter. Der SV Schwaig steigt als Meister in die Landesliga auf. Und am meisten wundert das den SV Schwaig selbst.

Böller in der Kabine

„Wir sind das Leicester City der Bezirksliga. Wir sind die absolute Überraschungsmannschaft“, sagt Rahner, nachdem er einen Schluck aus dem Bierstiefel genommen hat, den ihm seine Jungs für das Interview in die Hand gedrückt hatten – und nachdem er zumindest mal fünf Minuten Zeit hatte, um darüber nachzudenken, was da eigentlich passiert ist, in den vergangenen 90 Minuten und in den letzten Monaten.

Es war ein denkwürdiges Fußballspiel, dass sich der SV Schwaig und der FC Kalchreuth als Finale dieser Saison lieferten. Und das, obwohl es für die Gastgeber als Tabellenfünften „nur noch um die goldene Erdnuss“ (Rahner) ging. Das hatte den Kalchreuthern aber offensichtlich vor der Partie niemand gesagt. „Wir haben hier gegen die vielleicht spielerisch beste Mannschaft der gesamten Liga gespielt“, so Rahner. Doch das war nicht das einzige Team, dem sich Schwaig an diesem Samstag stellen musste. Gleichzeitig ging es ins Fernduell mit dem FSV Stadeln, der sein Spiel gegen Cagrispor als Tabellenzweiter mit nur einem Punkt Rückstand auf Schwaig antrat und dieses mit 7:2 gewinnen sollte. Die Ausgangslage für Schwaig war also denkbar einfach: Gewinnen. Der SVS und Kalchreuth boten ein schnelles, intensives Spiel, in dem sich beide Mannschaften nicht lange damit aufhielten, den Ball zu halten, sondern sich mit Druck gegen die gegnerische Abwehr warfen.

Bis es in der 22. Minute ganz still wurde auf der Alm: Nach einem Freistoß faustete SVS-Torwart Oliver Haßler den Ball weg, erwischte dabei aber Kalchreuths Ermin Kojic am Kopf. Dieser blieb am Boden liegen. Weil er über Atembeschwerden und Schmerzen an der Wirbelsäule klagte, mussten Notarzt und Rettungswagen anrücken. Nach über 30 Minuten pfiff Schiedsrichter Luis Lämmermann das Spiel wieder an, dass mit der Unterbrechung aber auch seine spielerische Leichtigkeit verloren hatte und mehr und mehr zu einer Aufstiegsschlacht wurde, in der Lämmermann Karte um Karte zückte.

„Das war eine Kampfpartie vor dem Herrn“, sagt SVS-Kapitän Fabian Waldmann, der in der zwölften Minute mit dem Kopf zum 1:0 traf, später. Oder wie es sein Trainer ausdrückt: „Die wollten uns volle Kanne besiegen. Aber wir wollten heute alles haben, ich hätte denen sogar den Hals abgebissen“, so Rahner. Dass es für den ein oder anderen Außenstehenden so aussah, als hätte er genau das in der 89. Minute mit FC-Kapitän Giering vor, sieht der Ex-Profi sportlich: „Nach dem Spiel ist alles wieder gut. Aber da bin ich eben in meinem Element, da gibt’s keine Freunde.“ Und mit genau diesem Kampfgeist haben sich Alu Rahner und seine Mannschaft mit dem ersten Landesliga- Aufstieg nach ganz oben in der Vereinsgeschichte katapultiert. Und das, obwohl sich Rahner zwischenzeitlich nicht einmal sicher war, ob er da wirklich eine Bezirksliga-Mannschaft vor sich hatte. Doch mit einer unglaublichen Serie von 15 Siegen in Folge ballerte sich Schwaig an die Tabellenspitze. „Ohne arrogant klingen zu wollen, aber das wird es lange nicht mehr geben“, sagt Waldmann. „Immer, wenn es nicht gelaufen ist, hat Alu einen Böller in die Kabine geworfen und dann ging es ab. Bei ihm weiß man nie, was kommt.“

Der Kloppo von Schwaig

Doch dass es so kommt, hat selbst Rahner nicht gesehen. „Andere spielen vielleicht besser Fußball, aber ich hab ne’ Kampfmannschaft.“ Und die hat einen Kampf-Trainer: „Das ist mein Traum-Job. Die Jungs nennen mich nur den Kloppo von Schwaig. Wer im Training jeden Tag Robinson-Club haben will, muss woanders spielen.“ Auch Schwaigs Top-Torschütze Christoph Weber ist beeindruckt von seinem Coach: „unter ihm hat wirklich jeder einen Schritt nach vorne gemacht. Bei den Läufen, die er vorgibt, wären bei anderen Trainern vielleicht noch fünf Leute zum Training gekommen. Aber er schafft es immer, zu motivieren.“ So auch dieses Mal. Um seinen Spielern den letzten Push zu geben, ist Rahner die zehn Kilometer von seinem Wohnort Thon bis Kalchreuth mit dem Fahrrad gefahren. „Aber das lasse ich jetzt lieber mal hier stehen“, sagt er lachend. Besser so, denn seine Jungs haben noch einiges vor: „Jetzt zerreißen wir erst mal hier das Sportheim und machen dann zu Hause weiter. Jetzt heißt es Gas am Glas“, kommt die klare Ansage von Kapitän Waldmann. Die nächste Woche haben sich die Schwaiger in weiser Voraussicht frei genommen. „Dann schauen wir, was der Nürnberger Flughafen so zu bieten hat.“ Doch auch nach dem Spiel hat der Trainer wohl noch alle Hände voll mit seiner Mannschaft zu tun. „Schau dir doch mal deren Gläser an, das sind doch Vollamateure“, empört er sich. Doch bis zum Start der ersten Schwaiger Landesliga-Saison, hat Rahner ja noch genügend Zeit, seinen Spielern etwas beizubringen – erst am Glas und dann am Ball.

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