Das Amateurfußballportal für Mittelfranken
Partner im
Amateurfußballnetzwerk
Partner im Amateurfußballnetzwerk

TSG Roth: Zurück auf Null

Interview

In der vergangenen Bezirksligasaison spielte sich die TSG Roth auf den dritten Platz, verpasste nur knapp die Aufstiegs-Relegation. Nun haben viele wichtige Spieler den Verein verlassen, gekommen sind zwei neue Trainer: Ayala Fanesi als Chefcoach und René Kerschbaum als Athletik- Trainer. Tevfik Cengiz betreut weiter die Zweite Mannschaft. Ein Gespräch über Philosophie, Mentalität und Offenheit.

Das Trainerteam der TSG Roth: Ayala Fanesi ist Cheftrainer der Ersten Mannschaft, setzt vor allem aufs Mentale. Die Grenzen zur Zweiten unter Tevfik Cengiz (re.) sollen verwischen, René Kerschbaum (li.) kümmert sich um die Athletik der Spieler. 

 / © Giurdanella

Herr Fanesi, es heißt, Abteilungsleiter Mathias Hofmann habe Sie gleich ins Herz geschlossen, als Sie hier aufs Gelände kamen und meinten, der Verein stehe im Vordergrund. Warum haben Sie denn die TSG Roth ins Herz geschlossen?

Ich habe eigentlich zunächst einen Sportverein für mich und meine Familie gesucht, habe die TSG über den Fußballkindergarten kennen gelernt. Das Angebot für Kinder in dieser Altersklasse fand ich schon einmal sehr gut. Dann gibt es hier so viele Möglichkeiten für alle Sportarten. Das ist schon ein großes Zeichen, dass der Verein nicht nur in Gesundheit und Prävention investiert, sondern auch ein Auge für den sozialen Aspekt hat. Das hat mich angezogen.

Und dann?

Ich bin neu in der Region, neu bei Alpha-Reha Roth. Ich habe mir immer intensiver Spiele und Vereine in der Region angesehen, um eine Idee vom Fußball zu entwickeln, die Terminologie kennenzulernen – aber vor allem, um die Fußball- Kultur kennenzulernen. Das war mir total wichtig, weil ich sehen wollte, wie ich mich hier einsetzen kann. Eine schöne Erfahrung, die meine Leidenschaft für die deutsche Fußballkultur noch mehr geweckt hat.

Und explizit die TSG?

Ich habe sie so ab der Sommerpause beobachtet, dann Leute kennen gelernt, später auch die Trainer und Funktionäre. Es war eine sehr interessante Saison. Ich habe mit der Zeit eine Idee entwickelt, um ein Programm aufzubauen. Ich wollte relativ schnell bereit sein, falls sich eine Möglichkeit ergeben sollte, Trainer zu werden. Mit Roth war es eine schnelle Entscheidung, grundsätzlich war ich schon relativ bereit.

Zurück zur Fußballkultur, wie sieht die denn hier aus?

Ich komme aus Italien, einem Land, in dem stark gegen den Ball gearbeitet wird. Spaniens Richtung ist, immer erst einmal mit dem Ball zu denken. Deutschland wird immer effektiver mit dem Ball, die Spieler sind sehr aktiv damit, die Tendenz ist da, nach vorne zu verteidigen. Der Fußball ist in den letzten Jahren sehr offensiv, positiv, kreativ geworden. Entsprechend haben sich die Spieler verändert. Früher war der deutsche Fußballer stark, groß, mit viel Power. Heute ist er viel schneller, mit guter Technik. Auch wenn der Spieler immer noch groß ist, ist die Geschwindigkeit da.

Ihr Vorgänger hatte vier Schlagworte, die vier Ds, an die Kabinenwand gemalt: „Demut, Dankbarkeit, Disziplin, Durchsetzungsvermögen“. Das war mit so seine Philosophie. Haben Sie auch was an die Kabinenwand malen lassen?

Ich habe hier Spieler gefunden, die immer offen sind, neue Methoden auszuprobieren. Sie wollen zusammenarbeiten, um besser zu werden. Außerdem sind wir ein Amateurverein. Die Spieler müssen Spaß auf dem Feld haben, aber auch Ziele erreichen. Siege sind natürlich wichtig, aber auch der Weg dorthin – wie viel Spaß können wir dabei haben?

Das ist der Punkt?

Wir wollen dynamisch sein, mutig, nach vorne verteidigen, mit viel Bewegung, auch ohne den Ball. Denn das Spiel beginnt mit einer Bewegung ohne Ball, dann kommt ein Pass. Das sieht aus wie eine Kleinigkeit, aber das ist der Punkt. Aber es ist in einem Amateurverein schwierig, alle Spieler beisammen zu haben. Die Organisation ist wirklich viel Arbeit. Die Präsenz ist nicht wie bei den Profis, so gesehen ist es dort brutal leichter. Auf der anderen Seite machen diese Herausforderungen aber auch dich selbst und dein Coaching besser.

Sie haben in der dritten italienischen Liga trainiert, in Jugendabteilungen einiger Profivereine gearbeitet, reicht Ihnen da die Bezirksliga bei der TSG?

Fußball ist am Anfang eines: Leidenschaft, egal ob für Profis oder Amateure. Der große Punkt ist, immer am Fußball orientiert zu sein. Natürlich haben wir persönliche Probleme, viele andere Sachen, aber ganz wichtig ist, sich über Fußballthemen zu motivieren.

Die TSG hat in den letzten beiden Spieltagen der vergangenen Saison die Relegation verspielt. Was möchten Sie denn erreichen?

Wir haben am Punkt Null angefangen. Die Mannschaft hat sich total verändert, wir haben praktisch einen ganz neuen Kader, eine ganz neue Struktur: Einen Cheftrainer für die Erste und einen für die Zweite Mannschaft und einen Athletiktrainer. Vorher war das eher separat. Beide Mannschaften hatten verschiedene Richtungen, jetzt ist das alles zusammen, auch das Training – bis auf spezielle Teile. Die Ziele sind aber gleich.

Wie sehen die denn aus?

Am Anfang ist die Ausdauer ganz wichtig, die Muskulatur muss für Geschwindigkeit, Koordination und Stabilität vorbereitet werden. Da spielt auch meine berufliche Erfahrung als MTT-Trainer hinein.

Wie trainieren Sie denn?

In meiner Art von Training gibt es eine Ordnung, vier Aspekte: Mental, Athletik, Taktik und Technik. Sie sind alle wichtig, aber ich sehe sie genau in dieser Reihenfolge, egal auf welchem Niveau.

Ein Beispiel?

Ohne den mentalen Aspekt gibt es wenig Bereitschaft besser zu werden. Wir müssen eine psychologische Umgebung für unsere Spieler vorbereiten, in der diese am besten lernen können. In der Jugend haben wir viele Regeln in den Übungen, bei den Erwachsenen gibt es weniger Vorgaben, weniger Hütchen auf dem Feld. Hier kommt mein Coaching: Wo ist der Taktikfehler, wo ist die Bewegung ohne Ball, wo ist der Raum, um nach vorne zu gehen; habe ich alle Infos aufgenommen, um eine Entscheidung zu treffen? Beide Teams sollen zusammenwachsen.

Passen sie überhaupt noch zusammen, nachdem die Zweite in die A-Klasse abgestiegen ist?

Ohne die Zweite würde in der Aufbauphase keine gute Nummer erreicht, wegen Urlaubern, dem Beruf... Deshalb finde ich es ganz interessant und nötig, dass die Kader zusammen sind, oder zumindest ein großer Kader da ist. Dann können die Trainer auch die Entwicklung beobachten. Wir haben viele junge Spieler in der Zweiten, vielleicht haben wir hier ein paar gute Möglichkeiten. Es wäre schade, die gute Arbeit, die der Verein in der Jugend geleistet hat, in den folgenden Jahren nicht zu nutzen.

Aber es haben doch in den vergangenen Jahren immer wieder junge Spieler in die Zweite und zumindest in den erweiterten Kader der Ersten geschafft.

In der Jugend müssen die Spieler wissen, in welche Richtung es gehen soll, die Erste Mannschaft muss Vorbild in Sachen Fußballmentalität sein. Hier weiche ich von der deutschen Fußballkultur ab, denn die eigentliche Philosophie sollte immer gleich sein, nur die Methoden sollten sich unterscheiden. Die Erste Mannschaft muss bereit sein, junge Spieler aufzunehmen. Wir haben viel mit dem Verein gesprochen und geplant. Es gibt natürlich viel Arbeit, aber Schritt Nummer eins ist, offen zu sein und die Philosophie vorzugeben. Und dann geht es Schritt für Schritt, auf einem ganz klaren Weg.

Ist das unabhängig von der Liga, also kann die TSG Bezirksligist bleiben und trotzdem attraktiv für Spieler sein?

Das erste Ziel ist, die Liga zu halten und sich zu etablieren.

Das hat sich die TSG doch bereits?

Es ist immer die Frage, wie der Kader aufgebaut ist, wie viel Zeit du dazu hattest. Wir hatten relativ wenig. Wir haben uns nach dem Umbruch darauf konzentriert, eine starke Basis aufzubauen, um dann Spieler zu bekommen, die in unser Projekt passen. Das sind keine Spieler, die denken, Fußball wäre eine Einzelsportart. Spieler sollten ihre Qualität in den Dienst der Mannschaft stellen, um diese besser zu machen.

Es sind viele starke Spieler gegangen, wie geht es weiter?

Die Saison wurde in eine Richtung beendet, der Trainer hat die Mannschaft verlassen. Am Montag sollten wir die Mannschaft aufbauen, je mehr du dazu Zeit hast, je besser du planen kannst... Wir wollen einen proaktiven Fußball. Das hat nichts mit Profi oder Amateur zu tun, sondern mit Engagement, ok? Wir geben unser Bestes, wir spielen mit Risiko, wir wollen wachsen. Wenn wir ohne Risiko spielen, wachsen wir nicht, weil es keine Fehler gibt, keine Bewegung. Lieber eine falsche Bewegung, als stehen bleiben.

Sind Sie mit Risiko, Bewegung und Engagement zufrieden? Wie sieht es mit Punkten und Tabellenplätzen aus?

Natürlich spielen wir Fußball, um Spiele zu gewinnen. Aber wir sind insgesamt gesehen auf einem Weg in einer Entwicklung. Ich möchte, dass unsere Fans kommen, um die Spieler zu unterstützen, aber auch, um die Entwicklung zu sehen.

Die Spieler, die gegangen sind, kamen zum Teil von weiter her; Nürnberg und so weiter. Die neuen Spieler kommen zum Teil aus Büchenbach. René Kerschbaum, der frühere, langjährige Kapitän, ist als Athletiktrainer zurück. Ist das eine Richtung, mehr Roth zur TSG zu holen? Das war ja ein Vorwurf: Die TSG ist kein Rother Verein mehr.

Sich mit einem Verein zu identifizieren, das ist ganz wichtig ist, das ist auch Teil unseres Programms. Die Spieler kommen aber jetzt auch noch von außen, unser Kapitän Andreas Sejans aus Nürnberg. Er hat seine Zugehörigkeit gezeigt, ist in einer schwierigen Phase beim Verein geblieben. Ich würde nicht gerne nur Spieler aus Roth und Umgebung holen. Auch ein Mann aus Italien kann sich mit dem Verein identifizieren, und das ist die Hauptsache.

Sie arbeiten bei Alpha-Reha unter René Kerschbaum. Haben Sie die Befürchtung, dass Sie auch mal die Nase voll voneinander haben?

Ayala Fanesi: Ich hatte gehofft, dass ich in Eckersmühlen (neben René Kerschbaum, d. Red. ) wohnen könnte, aber das habe ich nicht geschafft.

René Kerschbaum: Ich denke, die Rollenverteilung ist kein Problem. Beruf ist Beruf, Freizeit ist Freizeit. Wir harmonieren in der Arbeit gut, haben nicht das Schema Chef-Untergeordneter, hier ist es ähnlich.

Herr Kerschbaum, Sie sind Athletik-Trainer, wie schätzen Sie den Fitnessstand des Teams ein?

Die Leute, die da waren, ziehen gut mit, wir konnten gut mit ihnen arbeiten. Diejenigen, die oft da waren, haben bestimmt ihr Level erreicht. Alle anderen müssen halt in den nächsten Wochen noch ein bisschen nachlegen.

Herr Cengiz, wie ist das für Sie als Trainer der Zweiten Mannschaft, es klingt, als wäre zwischen den Teams alles viel offener?

Dahin wollten wir auch zurück. Wenn der Trainer die Spieler der Zweiten Mannschaft nicht begutachtet, haben die auch weniger Chancen, dort zu spielen. Das war bei mir nicht anders – wenn damals der Trainer der Zweiten nicht zugeschaut hätte, dann hätte ich nicht in der Zweiten gespielt und mit der Ersten war es dasselbe. Letztes Jahr war das nicht der Fall, heuer haben wir das auf den meiner Meinung nach richtigen Weg gebracht und werden sehen, was herauskommt.

Wie sieht es aus mit der Reserve, soll sie möglichst schnell wieder in die Kreisklasse?

Natürlich ist die A-Klasse nicht das, was wir wollten. Das war natürlich ungünstig und nicht gerade prickelnd. Aber da wir jetzt einen komplett neuen Kader und ein neues Trainerteam haben, wollen wir, dass sich die Erste etabliert und die Zweite nicht mehr unten herumgurkt, sondern im oberen Drittel abschließt. Weil vieles neu ist, wird es nicht einfach. Aber wie alle anderen bin ich positiv gestimmt, dass wir das hinbekommen, dass beide Mannschaften am Ende das erreichen, was wir wollen.

Der Trainer verbreitet Enthusiasmus, viele haben sich über René Kerschbaums Rückkehr zum Verein gefreut, die Chemie zwischen den Teams ist besser. Herrscht trotz Umbruch Euphorie bei der TSG?

René Kerschbaum: Wir wollten schon Euphorie entfachen. Ich glaube, es ist auch für die Zweite wichtig, weil die Spieler wieder sehen: Ich habe Chancen. Auch in der Ersten wollen wir das Feuer wieder beleben. Aber wir haben ganz klar einen großen Umbruch vor uns, da muss man die Kirche im Dorf lassen. Ich kann mich nicht hinsetzen und sagen: Ich war vergangenes Jahr Dritter und will wieder Dritter werden. Wir backen kleinere Brötchen. Wenn wir eine sorgenfreie Saison spielen, sind wir auf einem guten Weg. Es wird sich keiner hinstellen und sagen: ,Wir wollen oben mitspielen‘. Da muss man die Erwartungen ein bisschen herunterschrauben. Wir geben als Trainer nicht vor, oben mitspielen oder rauf zu müssen. Unser Ziel: sorgenfrei und Spaß im Vordergrund, dass die Leute gerne ins Training kommen. Da sind wir auf einem guten Weg.

Mehr zum Thema