Das Amateurfußballportal für Mittelfranken
Partner im
Amateurfußballnetzwerk
Partner im Amateurfußballnetzwerk

Christopher Fleith: Die Stimme des Jahn

Heimspiel

„Rivers of Babylon“ war einmal. Heute reicht ein Disco-Klassiker als Unterhaltung in der Landesliga nicht mehr, finden die Forchheimer. Deshalb haben sie Radiomoderator Christopher Fleith als Stadionsprecher engagiert.

Ein Forchheimer für Forchheim: Christopher Fleith bei der Arbeit in der Landesliga.

 / © Huber

Die Zeiten, in denen der Sportvorstand Uwe Schüttinger selbst das Aufpumpen der Bälle für die erste Mannschaft übernehmen musste, sind bei der SpVgg Jahn Forchheim vorbei. Während die dünne Besetzung des Betreuerstabs damals im krassen Gegensatz zum sportlichen Erfolg mit der Vizemeisterschaft in der Bayernliga 2013 stand, haben sich die Zeichen inzwischen umgekehrt. Mehr als ein Dutzend helfende Hände gehören zum Funktionsteam des Landesligisten, gerade die medizinische Abteilung um Chirurg Ekkehardt Templer und Physiotherapeut Klaus Rascher würde auch höheren Ansprüchen genügen.

 Doch nach außen wirkt bei Heimspielen eine andere Personalie noch präsenter und ungewöhnlicher für die sechste Spielklasse: Mit Christopher Fleith leistet sich der Verein einen professionellen Stadionsprecher, der hauptberuflich für das Bamberger Lokalradio tätig ist. Wo einst bei gutem Wetter ein langes schwarzes Mikrofonkabel aus dem geöffneten Fenster des urigen Sprecherstübchens der Jahn-Kulturhalle baumelte, die Zuschauer in der Halbzeit mit der immer gleichen Melodie des Disco-Klassikers „Rivers of Babylon“ aus den krächzenden Lautsprechern beschallt wurden und der Torschütze Adem Selmani auch mal Salami hieß, hat seit 2016 die Moderne Einzug gehalten. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, weil eine vielschichtige Unterhaltung und elegante Präsentation immer wichtiger wird. Die Figur des Stadionsprechers ist ein Werbeträger des Vereins, im besten Fall kommen künftig Werbedurchsagen dazu“, begründet Vorstandsmitglied Uwe Schüttinger den Wandel.

Für Fleith, der in der Saison zuvor vom später insolventen Regionalligisten Eintracht Bamberg für einen Nebenjob als Unterhaltungsmoderator im Fuchspark angefragt und vom Jahn entdeckt wurde, bedeutete das Engagement indes auch eine Rückkehr an alte Wirkungsstätte. „Als Kind habe ich immer mit Freunden auf dem alten Sandplatz, wo heute der BRK-Neubau steht, gebolzt und durfte beim Jahn die Spielstände an der Ergebnistafel aufhängen“, verrät der 26-Jährige. Der gebürtige Forchheimer wohnt keinen Kilometer weg vom Vereinsgelände, blieb aber über einige Jahre nur durch die Mitgliedschaft bei den Volleyballern verbunden. „Die Aufgabe hat meine Fußballaffinität wieder neu entflammt“, sagt Fleith, der zunächst eine Berufslaufbahn im Hotelfach eingeschlagen hatte, ehe er sich 2011 mit einem Radio-Praktikum der eigentlichen Leidenschaft zuwandte. Schon als Schüler am Herder-Gymnasium war er bei Veranstaltungen in die Rolle des Moderators geschlüpft und konnte auf seine Redesicherheit vor Publikum aufbauen. Im Büro zumeist mit der seriösen Nachrichtenansprache betraut, wartete beim Jahn neben dem Verfassen von gelegentlichen Pressemitteilungen eine ungleich unterhaltungslastigere Mission, die er von den Auftritten für den Arbeitgeber auf dem Forchheimer Weihnachtsmarkt kennt.

 Als erstes setzte sich Fleith für eine neue mobile Musikanlage ein und verlegte seinen Arbeitsplatz von der dunklen Sprecherstube auf die Gegengerade, direkt neben die Mannschaftsbank. „Von der entfernten Spielhälfte hat man vorher praktisch nichts mitbekommen.“ Zu den passenden Torschützen bekamen die Zuschauer fortan nur Musik zu hören, die mit der Mannschaft abgestimmt ist. Der neue Mann kommt offenbar gut an. „Die Leute haben schon nach mir gefragt, wenn ich einmal im Urlaub war. Das gibt natürlich ein schönes Gefühl und sagt einem, dass man nicht so viel verkehrt macht.“ Eine gute Stunde vor Anpfiff beginnt Fleith seine Vorbereitung, testet das drahtlose Mikrofon und nimmt dann mit dem elektronischen Steuerungs-Gerät sowie einem analogem Klemmbrett samt Aufstellungsbogen und Stoppuhr auf dem Schoß seine Position auf einem Klappstuhl ein. Bequemer war für einige Zeit ein Stehtisch am Spielfeldrand, doch den verbot der Verband.

 Die erlernte journalistische Distanz, gesteht der Stadionsprecher, habe sich sukzessive aufgelöst. „Ich bin reingewachsen und emotional durch den Jahn gepackt worden. Das Beisammensein am Donnerstag nach dem Training ist für mich zum Standard geworden. Es ist jetzt aber nicht so, dass ich einen tieferen Blick in die wichtigen Entscheidungen hätte. Ich musste mir bisher bei keiner Situation auf die Zunge beißen.“ Schon manches Mal habe er im Verein erklären müssen, dass er den Jahn nicht einfach so „ins Radio bringen“ könne. Der Sender, der eigentlich möglichst lokal sein will, fuhr die Fußball-Liveberichterstattung auf ein Minimum zurück.

Eine Ausnahme war 2017 die Aufstiegs-Relegation des Jahn im unterfränkischen Erlenbach, die Christopher Fleith mit einem Kollegen begleitete. Das Duo benötigte für sein Koffer-Set nur einen Telefonanschluss im Vereinsheim. „Ich war genauso nervös wie alle, habe meine Sympathien aber auch nicht verstecken müssen. Es war ohnehin mehr Freizeit als Arbeit, ich habe hinterher ein paar Stimmen gesammelt“, erinnert sich der 26-Jährige. Den Ausgang der Relegation 2019 und den damit verbundenen Abstieg des Jahn verfolgte Fleith dagegen nebenbei im Sender.Büro. 

Er bleibt positiv. „Die Landesliga wird spannend und bringt einige stimmungsvolle Derbys. Ich freue mich drauf.“ Rückhalt bekommt die Hoffnung auf baldige Rückkehr in die Bayernliga durch den Glauben, den Fleith als Pfarrgemeinderatsvorsitzender von Sankt Martin pflegt. „Die Kirche ist mein wahres Ehrenamt und mein Rückzugsort vor dem lauten Alltag.“ Im stillen Gebet kreisen die Gedanken allerdings manchmal um den Fußball.

Mehr zum Thema