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Jainta: "Mein Lebensglück hängt nicht vom Fußball ab"

HEIMSPIEL

Ein Spiel, so grausam und schön: Steffen Jainta aus Roth stand vor dem Sprung zum Profi, mehrmals. Dann schenkte er in Indien Freude durch Fußball.

In Indien brachte Steffen Jainta Kindern das Fußballspielen bei. Er schrieb auch Autogramme, obwohl es ihm unangenehm war.

 / © Jainta

Oh Foreigner! Oh Gora! Die Menschen waren begeistert, wenn sie Steffen Jainta auf dem Rücksitz des Motorrads vorbeifuhren sahen, natürlich ohne Helm. Dass jemand wie er ein halbes Jahr hier in einem kleinen Dorf eine halbe Stunde weg von der Zwei-Millionen-Stadt Nagpur leben würde, war eine nicht enden wollende Überraschung. Jainta gab Kindern Autogramme, beantwortete Fragen, die ein bisschen ins Private gingen, wie seine Eltern heißen, wie er in Deutschland lebt. Die Älteren sprachen ihn mit „Sir“ an. Die Inder wollten aber nicht wissen, wie es war, mit Kevin Volland ins Internat zu gehen oder mit dem FC Ingolstadt in die erste Bundesliga aufzusteigen. Sie kannten den Werdegang des Fußballers Steffen Jainta überhaupt nicht. Für ihre Hochachtung genügte es, dass es hier unter ihnen tatsächlich einen Ausländer, einen Weißen gibt.

Ohne das Scheitern im Profifußball wäre Jainta nicht nach Indien gekommen. Er hätte nicht dabei geholfen, dass Menschen, die unter Planen leben, davon träumen dürfen, über den Fußball aus der Armut zu finden. „Alles war genau so richtig wie es war“, sagt Jainta. Natürlich wollte er Profi werden, aber „mein Lebensglück hängt nicht vom Fußball ab“. Der 26-Jährige kann das mit ziemlicher Sicherheit sagen, weil er sich schon zwei Mal darauf einstellen konnte, wie es dann sein wird, doch kein Profi geworden zu sein. „Ich kenne niemanden, der zwei Mal draußen und dann wieder drin war.“

Zum ersten Mal drin war Jainta als Elfjähriger. Er wechselte vom TSV Roth zum 1. FC Nürnberg. Nach anderthalb Jahren war Jainta wieder draußen, nicht aussortiert, sondern auf eigenen Wunsch: Er kam mit der Art des Jugendtrainers, Club-Legende Reinhold Hintermaier, nicht zurecht. Jainta spielte wieder mit Freunden, für ein halbes Jahr bei der DJK Schwabach. Dass er ein sehr talentierter Verteidiger und Mittelfeldspieler auf der linken Seite ist, bewies er danach für ein Jahr in Feucht in der Bayernliga. Der TSV 1860 München wurde auf ihn aufmerksam, mit 14 Jahren zog Jainta ins Internat nach München und wohnte dort unter anderem mit Kevin Volland und Moritz Leitner zusammen. Natürlich stand der Fußball im Vordergrund, aber „es war echt eine lustige Zeit damals, wir hatten viel Spaß,“ sagt Jainta.

Volland? "Eine Kampfsau"

Dass Kevin Volland mal ein Großer wird, habe man damals schon erahnen können. „Der Kevin war immer Leistungsträger. Er ist eine Kampfsau.“ Der Rother selbst war aber gut genug, um mit den verheißungsvollsten Jungspielern zusammen wohnen zu dürfen. Die Sympathien für die Bayern haben sie ihm ausgetrieben, jetzt fühlte sich Jainta als Löwe. Doch während die Mitspieler körperlich robuster wurden, entwickelte sich der heute 1,78 Meter große Jainta nicht so schnell. „Ich blieb klein und schmächtig.“ Nach zwei Jahren lief der Vertrag mit den 60ern aus, Jainta hätte wohl in der Mannschaft bleiben können, aber das Internat der Topleute musste er verlassen.

Ausgeträumt war der Traum vom Profifußball noch nicht. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass noch einmal ein großer Verein auf mich aufmerksam wird. Aber ich habe nie an meinen fußballerischen Fähigkeiten gezweifelt.“ Weiter ging es beim SC 04 Schwabach, A-Jugend Landesliga. Jainta stieg im ersten Jahr mit der Mannschaft in die Bayernliga auf, im zweiten Jahr machte er gegen den Nachwuchs des FC Ingolstadt ein starkes Spiel. „Sie beglückwünschten mich zu meiner Leistung und haben mich gefragt, wie ich heiße.“ Ein paar Tage später riefen die Schanzer an. Mit 18 Jahren war Steffen Jainta wieder drin. Er blieb auf dem Rother Gymnasium und pendelte beinahe täglich mit der Bahn nach Ingolstadt. Gelernt hat er auf den Fahrten selten, auch zuhause musste Jainta nicht viel für die Schule machen — und bestand sein Abitur trotzdem mit 1,8.

Steffen Jainta hatte einen Einsatz im DFB-Pokal, er war auch in Testspielen für Ingolstadt am Ball — wie hier gegen den FC Köln und Miso Brecko.

 / © Jainta

Auch bei den Schanzern lief es vielversprechend, Jainta spielte regelmäßig für die Reserve des FCI in der Regionalliga, er gehörte auch zum Mannschaftskreis der damaligen Zweitligateams. Als Nachwuchsspieler musste er die Tore aufbauen und die Ballnetze tragen, durfte aber wie der Rest des Teams den Trainer Ralph Hasenhüttl duzen. „Er ist ein cooler Typ. Jeder, der ein Problem hatte, konnte immer zu ihm kommen.“ Jainta war allerdings nie danach, mit persönlichen Schwierigkeiten zum Trainer zu gehen, egal ob er Haßenhüttl hieß. Am 18. August 2014 war es dann so weit: Jainta machte sein erstes Pflichtspiel für die erste Mannschaft, er kam in der Verlängerung der ersten DFB-Pokalrunde gegen die Kickers Offenbach zum Einsatz. Ingolstadt verlor im Elfmeterschießen, Regionalligist Offenbach wurde seinem Ruf als Pokalschreck mal wieder gerecht. „Ich dachte, dass dieses Spiel mein Türöffner sein könnte.“ Für ihn persönlich, um im Profifußball anzukommen. Für die Ingolstädter war es aber ein blamabler Start in eine Saison, an deren Ende sie als Meister in die erste Bundesliga aufstiegen. Nicht mit Steffen Jainta als linker Verteidiger, sondern Danilo Soares. „Warum hätte ich auch spielen sollen? Es lief doch sehr gut für uns, nach dem Aus im DFB-Pokal hat bald keiner mehr gefragt.“ Jainta trainierte weiter mit der ersten, spielte aber wieder für die zweite Mannschaft.

 Im Frühjahr 2015 wurde ihm von Sportdirektor Thomas Linke gesagt, dass es für ihn nicht zum Ergänzungsspieler in der ersten Bundesliga reicht. In der Schlussphase der Spielzeit riss sich Jainta das Außenband. Auf dem Transfermarkt galt er als beschädigte Ware. Jetzt war der Traum wirklich vorbei.

Plan B

Während seiner Karriere hat er zwei Spielertypen kennengelernt, sagt Jainta. „Die einen setzen alles auf Fußball und die anderen haben auch einen Plan B.“ Sein Plan B war ein Sportökonomie-Studium an der Universität in Bayreuth. Die Wohnung und das Studium finanzierte er mit Fußball — bei der SpVgg Bayreuth in der Regionalliga. „Ich wurde da ganz schön gehypt, ehemaliger Zweitligaspieler und so weiter. Dabei wollte ich das gar nicht.“ Der so gelobte Neuzugang spielte selten, Muskelfaserrisse und Probleme, die mit seiner Verletzung am Außenband zusammenhingen, zwangen ihn immer wieder zu Pausen. Als ihm dann auch noch eine Sehne im Oberschenkel riss, „war es eine Katastrophe, ich war fast ein Jahr weg“

Jainta fehlte nicht nur bei den Altstädtern, sondern auch in den Sportkursen an der Uni. „Ich konnte nur die theoretischen Inhalte machen und hätte beinahe die Regelstudienzeit nicht einhalten können.“ Im Sommer 2017 wurde der Vertrag mit der SpVgg Bayreuth aufgelöst, Jainta verdiente sein Geld fortan abends in einem Lager bei der Post. Es war aber auch eine schöne Zeit. „Ich hatte super Kollegen dort.“ 

Nach Indien kam Jainta letztendlich übers Studium. Für den Bachelor-Abschluss musste er ein Praktikum absolvieren, im Internet fand er eine Anzeige der Hilfsorganisation Slum Soccer. Die Mutter war nicht angetan, aber Jainta sah, dass er hier drei Interessen miteinander verbinden kann: Fremde Kulturen, Fußball und mit Kindern arbeiten. In einem Vorbereitungskurs wurde Jainta auf den sechsmonatigen Aufenthalt eingestellt. Er lernte zum Beispiel, wie er und die anderen Freiwilligen aus Europa reagieren sollen, falls sie sehen, dass Erwachsene Kinder schlagen: Eher zurückhaltend. „Die lassen sich von einem Ausländer nicht erzählen, wie sie sich verhalten sollen. Sie würden einen ächten und dann wären es keine angenehmen sechs Monate.“ Gewalt hat Jainta weder erfahren noch beobachtet. Doch an das, was er in Indien gesehen und erlebt hat, musste er sich zu Beginn erst gewöhnen. Er schlief auf einer Pritsche in einem einfachen Haus der Hilfsorganisation mit einem gepflegten Kunstrasenplatz vor der Tür.

Doch gleich daneben lebten die Menschen in ärmlichsten Verhältnissen, schliefen unter Planen. Sie hatten für sich selbst kaum genug zu essen, luden aber Jainta ein. „Es ist Wahnsinn. Sie haben fast nichts, würden dir aber trotzdem alles geben und machten auf mich einen zufriedenen Eindruck.“ Anpassungsschwierigkeiten hatte Jainta an das indische Essen. Eine 34-stündige Zugfahrt verbrachte er mit Magenproblemen auf einer Zugtoilette, die die meisten Europäer wohl nicht mal zum Pinkeln benutzen würden. Sechs Wochen lang hatte er fast jeden Tag Durchfall, nahm acht Kilo ab. „Das ging an die Substanz“, sagt Jainta. Zwei Kollegen unter den Freiwilligen brachen ab.

So sieht Fußball in der Gegend um Nagpur aus. Training auf einem löchrigen Platz aus Erde und Schotter.

 / © Jainta

Jaintas Arbeitstag begann morgens um 7 Uhr. Einheimische Trainer von Slum Soccer hatten sich vom Fußballer aus Deutschland gewünscht, dass er sie trainiert. Doch so manches Mal stand Jainta alleine auf dem Fußballplatz. So erfuhr er, dass es in Indien ein plausibler Grund ist, bei so einem Termin zu fehlen, weil man müde war. „Da muss man locker werden. Die Inder meinen das nicht böse.“ Auch das Training an den Schulen gehörte zu Jaintas Aufgabengebieten. Bei seinen Besuchen sammelte Jainta die Kinder vom auf Pausenhof ein, im Klassenzimmer saßen die Lehrer während der Unterrichtszeit ohne Schüler. Jainta machte Fußballübungen mit den Schülern, bei denen kleine Rechenaufgaben gelöst oder englische Vokabeln gelernt werden. Die Kinder spielten auf einem Platz aus Schotter und Erde mit Löchern. „Das war echt gefährlich“, sagt Jainta. Doch die Kinder kannten es nicht anders. Sie dankten ihm mit dem Gefühl „ihnen jeden Tag ein schönes Erlebnis schenken zu können.“ Nicht nur mit Fußball, sondern auch mit Aufmerksamkeit — und Süßigkeiten. Jainta kaufte Kekse und verteilte sie an die Kinder unter den Planen in der Nachbarschaft. Unter den Freiwilligen diskutierten sie, ob das in Ordnung ist, so als Ausländer, als Weißer den Armen gegenüber aufzutreten. Ist es okay, Autogramme zu geben? Jainta hat beide Fragen für sich mit „ja“ beantwortet, obwohl er Argumente für beide Seiten hat. Aber letztendlich ging es für ihn nicht darum, wie er sich fühlt, sondern wie sein Verhalten ankommt.

"Was du hier in Deutschland für Probleme hast, ist echt ein Witz"

Und dann war da noch das Zusammenstellen der Nationalmannschaft für die Obdachlosen-WM in Cardiff. Aus allen Staaten Indiens wurde jeweils eine Mannschaft mit vier Spielern zum nationalen Endturnier nach Mumbai geschickt. Jainta und Kollegen aus der Hilfsorganisation wählten aus, wer mit zur WM vom 27. Juli bis 3. August nach Wales darf. Die Freude der Spieler, die berufen wurden, kann Jainta kaum in Worte fassen. „Es heißt, wer an diesem Turnier teilnimmt, dessen Leben kann sich verändern.“ So wie das des Portugiesen Tiago Manuel Dias Correia, genannt Bebé. Ein Waisenkind, das neben Mülltonnen schlief. „Weltbühne statt Waisenhaus: Ex-Obdachloser wird Fußballstar“, schrieb der Spiegel im August 2010, als Manchester United Bebé verpflichtete — nur 15 Monate nachdem er für Portugal vier Tore in sechs Spielen beim Europäischen Street-Fußball-Festival geschossen hatte. Mittlerweile spielt Bebé für Rayo Vallecano in der zweiten Liga Spaniens. Das Lebensglück kann durchaus vom Fußball abhängen.

Aber nicht das Lebensglück von Steffen Jainta. Erst recht nicht nach dem halben Jahr in Indien. In Cardiff sieht er seine Schützlinge wieder, ab Herbst wird er in Schottland seinen Master machen. Beruflich kann er sich vorstellen, etwas mit Marketing im Sportbereich zu machen. Fußballspielen will Jainta auch wieder, irgendwann, aber dann eher unterklassig. Egal wie es kommt: „Was du hier in Deutschland für Probleme hast, ist echt ein Witz.“ Diese Erkenntnis aus Indien, aber auch die Erinnerungen an die glücklichen, respektvollen Menschen will er für immer behalten. Ein Armband aus Stoff, dass ihm ein indischer Fußballer geschenkt hat, so lange wie möglich. „Ich werde es tragen, bis es von alleine abfällt.“

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