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Görlitz: "Es kitzelt schon gewaltig im Fuß"

Landesliga Mitte

Die abendliche Betreuung der beiden Töchter machte eine Verlegung des Telefongesprächs notwendig. Ex-Profi Michael Görlitz führt inzwischen das normale Leben eines Familienvaters, der sich jedoch zur Entspannung nicht in sein liebstes Hobby flüchten kann. Seit Freitag ist klar, dass die Saison in den Amateurligen nicht vor September fortgesetzt werden soll und sich die persönliche Pause des 33 Jahre alten Neumarkters, der seit seinem Wechsel zum ASV Neumarkt verletzungsbedingt noch kein Punktspiel bestreiten konnte, um weitere Monate verlängert.

Michael Görlitz stand bei mehreren Profi-Vereinen unter Vertrag: Unser Bild zeigt ihn im Trikot von Arminia Bielefeld.

 / © Sportfoto Zink

Herr Görlitz, ist Ihnen schon langweilig?

Nein, das kann man so nicht sagen. Mit zwei Kleinkindern von einem und drei Jahren hat man immer seine Tagesaufgaben. Zu Ostern haben wir eine Eiersuche im Garten veranstaltet und seit kurzem auch ein Trampolin angeschafft. Natürlich gibt es dazu Fragen zu beantworten, warum wir nicht auf den Spielplatz können. Über die Beschäftigung bei der Arbeit (angestellt als technischer Druckdesigner beim Vereins-Hauptsponsor Pröpster; d.Red) bin ich sogar froh, das gibt mir ein Gefühl von Normalität.

Wie sieht die sportliche Normalität in der Corona-Pause aus?

Ich gehe drei- bis viermal pro Woche laufen, mehr als ein bisschen kicken im Garten ist leider nicht drin. Ein paar Übungen aus dem Kraftzirkel kenne ich noch von früher, ansonsten tausche ich mich mit ehemaligen Kollegen über deren Programm aus. Es kitzelt schon gewaltig im Fuß.

Ein Kreuzbandriss im Knie setzte Sie im vergangenen Sommer unmittelbar vor dem Saisonstart außer Gefecht. Im März war das lang ersehnte Comeback geplant, ehe der Spielbetrieb ausgesetzt wurde. Was geht einem da durch den Kopf?

Das ist natürlich für mich persönlich unheimlich ärgerlich, weil ich viel Herzblut in meine Reha gesteckt habe. Nachdem ich seit Oktober/November nur individuell auf dem Platz arbeiten konnte, war ich nach der Winterpause im Trainingslager wieder voll dabei und hatte beim Testspiel über 75 Minuten keine Probleme. Vielleicht tut die zusätzliche Zeit meinem Knie trotzdem ganz gut. Ich nehme die Situation an, wie ich es im Juli auch getan habe. Da gab es keine Sekunde des Zögerns. So will ich nicht aufhören.

Vor drei Jahren leitete ein Achillessehnenriss bei 1860 München praktisch das Ende Ihrer Profilaufbahn ein. Inwiefern ist diese Erfahrung nun hilfreich?

Die damalige Situation war sicherlich komplizierter. Vorher kannte ich nur kleinere Blessuren und musste auf einmal mehrere Wochen auf Krücken gehen. Nach einer Kreuzband-Operation kommt man schneller zurück in den Alltag und die Belastung. Der psychologische Druck durch den Arbeitgeber ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Immerhin musste ich mich mit dem Leben nach der Karriere beschäftigen und ordne Rückschläge seitdem aus einer gelasseneren Perspektive ein. Profitiert habe ich im Nachhinein von den Kontakten zu Ärzten und Physios. Ich weiß, wie wichtig die kleinen Fortschritte und Übungen sind.

Stichwort Motivation. Wie wichtig ist der Bezug der Mannschaft?

Bei Verletzungen gibt dir die Gemeinschaft Kraft. Ich war ganz nah dran an den Jungs bei den Heimspielen oder auch mal im Training. Es fühlt sich gut an, den einen oder anderen Ratschlag geben zu dürfen. Aktuell merke ich, wie mir die Unterhaltungen in der Kabine und die Ansprache außerhalb der Familie fehlen. Einige Freundschaften entwickeln sich trotz Konkurrenz im Profiteam, aber der enge Zusammenhalt beim ASV ist schon etwas anderes. Im digitalen Mannschaftschat ist der Austausch leider ein bisschen abgeflacht. Kleine Anregungen fürs Heimtraining und Challenges reizen mich doch sehr. Die Aufgabe, einen Ball zu jonglieren und gleichzeitig sein T-Shirt auszuziehen, habe ich jedenfalls erledigt.

Ein ehrgeiziger Reflex aus den alten Profi-Zeiten?

Halbe Sachen gibt es in dem Geschäft selbst bei einem Spaß-Wettkampf nicht. Das habe ich als Jugendlicher bei Bayern München hautnah miterlebt. Während ich mir bei einer Zweikampf-Übung kurz den Schuh gebunden habe, erwischte Daniel van Buyten einen Kumpel mit einem unglücklichen Tritt. Die Hand war gebrochen. Da wusste ich, hier muss jeder auf sich schauen.

In den Worten klingt seichte Kritik am System durch. Wie bewerten Sie das Bestreben der Klubs, den Bundesligabetrieb trotz Ausgangsbeschränkungen scheinbar auf Biegen und Brechen wieder aufzunehmen?

Aus der Sicht eines Spielers würde ich das Vorgehen begrüßen. Selbst ohne direkten Kontakt tut die Rückkehr zur Arbeit auf dem Platz gut. Ich denke, da werden auch seriös die entsprechenden Schutzmaßnahmen getroffen. Die Kritik an einer Sonderstellung des Fußballs kann ich teilweise nachvollziehen. Die Kommerzialisierung hat extreme Züge angenommen. Wenn da nach Corona die Ablösesummen sinken, schadet es nicht. Allerdings sieht die Öffentlichkeit meist nur diese schillernden Millionengehälter der Topstars, deren Klubs eher durch die Krise kommen. In der zweiten Liga kannst du etwas beiseite legen, aber hast nicht ausgesorgt. Hier kann es schon an Existenzen von Aktiven und Mitarbeitern gehen. Ich wünsche mir, dass bei Unterstützungshilfen genau auf die Bilanzen geschaut wird, wer über seine Verhältnisse gewirtschaftet hat und wer nicht.

Wie lange braucht denn eine ambitionierte Landesliga-Mannschaft, um nach der Pause wieder auf Betriebstemperatur zu kommen?

Nachdem jeder individuell für sich angehalten ist, die läuferischen Grundlagen zu erhalten, braucht sich bestimmt nochmal zwei bis drei Wochen reguläres Mannschaftstraining.

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