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Melchior "Miez" Leibold: Das Küken vom Waldsportpark

Saison meines Lebens

Eine bayerische Top-Mannschaft war die Spielvereinigung Erlangen schon. Der Aufstieg aber gelang der Spieli erst in der Saison 1954/55 und nach einem Überraschungs-Remis gegen die Profis vom 1. FC Nürnberg. Torschütze war "Miez" Leibold.

Aufstiegsheld von 1955: Melchior Leibold zeigt Zeitungsausschnitte aus seiner aktiven Fußballkarriere bei der Spieli.

 / © Katharina Tontsch

"Beinahe jede freie Stunde verbringt Melchior Leibold auf dem Sportplatz, sei es beim gemütlichen Beisammensein im Kameraden-Kreis oder beim Arbeitsdienst." So stand es in den Erlanger Nachrichten, vor 65 Jahren. Ein Porträt war über den Erlanger erschienen. Er war der aufstrebende Star am Waldsportpark, gerade einmal 18 Jahre alt, und schon ein stadtbekannter Fußballer. Vielleicht hätte er ein ganz Großer werden können. Doch Leibold blieb seiner Spielvereinigung immer treu. Bis heute.

Nie hat er den Verein gewechselt, in seinem Spielerpass steht nur ein Klub: die Spieli. Leibold war jahrelang Kapitän. Doch den allergrößten Erfolg erlebte er als "Küken" der Mannschaft. Die Aufstiegssaison 1954/55 war seine erste im Herrenfußball. In der Vorbereitung im WM-Sommer 1954 hatte er das wohl wichtigstes Tor seiner Karriere geschossen: In einem Testspiel gegen den 1. FC Nürnberg erzielte Leibold den Überraschungstreffer.

Die Club-Profis waren zum 50. Geburtstag der Spieli nach Erlangen gekommen, im Waldsportpark drängten sich 3.500 Zuschauer, um Max Morlock und die anderen Stars dieser Zeit zu sehen. "Da ist man schon nervös", sagt Leibold. Die Erlanger Mannschaft hielt stark dagegen, trotzdem schoss Morlock die Gäste in Führung. In der 85. Minute aber versenkte Melchior "Miez" Leibold den Ball mit einem platzierten Flachschuss im Netz. Es blieb beim 1:1. "Der Nürnberger Trainer hat seine Spieler danach nicht einmal zum Essen ins Sportheim gelassen. Die mussten heim zum Straftraining", erinnert sich Leibold.

Das Tor gegen den Club machte Leibold zu einem stadtbekannten Fußballer. Später, als er schon Mannschaftskapitän der Spieli war, berichteten die Erlanger Nachrichten sogar über seine Hochzeit. Im Bild sind Leibold zusammen mit seiner Frau Waltraud zu sehen, die Schülermannschaft bildete Spalier. Lange wurde aber nicht gefeiert: Noch am gleichen Tag war Leibold beim Spiel seiner Mannschaft dabei. "Die Spielvereinigung ist das A und O", sagt Waltraud Leibold heute. Auch wegen dieser Fußball-Treue haben ihn im Verein immer alle respektiert.

Mit einem Hundebiss begann alles

Gerufen haben ihn alle "Miez", ein Spitzname noch aus der Jugendzeit. "Zuerst haben sie mich 'Minga' gerufen, weil mich als Bube mal ein Hund gebissen hat, der so hieß", erzählt Leibold. "Seitdem war ich der 'Minga'. Langsam ist das auf 'Miez' übergegangen." Manche kannten ihn nur unter diesem Namen. "Zu mir hat mal jemand in der Stadt gesagt: 'Grüß Gott Frau Miez'", sagt Waltraud Leibold.

Schon immer war Melchior Leibold ein "stiller, sympathischer Junge, ein Mensch, der eigentlich recht wenig Worte macht", wie es in dem Zeitungsporträt über ihn heißt. Das ist noch heute so, wie so vieles. Um für diese Geschichte über alte Zeiten zu sprechen, hat Leibold zu sich nach Hause eingeladen, Ehefrau und Tochter sitzen mit am Tisch, als der Spieli-Senior über seine Vergangenheit spricht. Heute wie damals erinnert er sich auch an seine Jugendzeit: die Bezirksmeisterschaft 1953/54, die Einladung zum Lehrgang an der renommierten Sportschule Grünwald und seine Schüler-Mannschaft.

"Fußball haben wir immer und überall gespielt", aber nicht im Verein. "Früher hat man ja erst mit neun, zehn Jahren richtig angefangen", erzählt der gebürtige Erlanger. Sein Elternhaus war schon immer im Stadtosten, zum Waldsportpark hatte es Leibold nie weit. Das Testspiel 1954 gegen den Club war erst sein dritter Einsatz in der Vollmannschaft. "Ich habe zu Beginn noch eine Genehmigung vom Arzt gebraucht, damit ich schon als 17-Jähriger bei den Herren spielen darf." Viele im Team waren bereits sehr erfahren, darunter Kapitän Ernst Strampfer. "Um unsere guten Spieler haben uns alle beneidet", sagt Leibold. Auch der Zusammenhalt stimmte. "Nach dem Training und nach den Spielen sind wir immer zusammen im Sportheim gesessen - je nach Ergebnis. Wenn wir verloren haben, ist niemand nach Hause gegangen." In der Saison 1954/55 wurde Leibold, beidfüßig talentiert, auf Linksaußen zum Stammspieler. Als Meister der zweiten Amateurliga ging die Spielvereinigung in die Aufstiegsrunde zur Bayernliga Nord. "Auf ihnen ruhen die Hoffnungen der Erlanger Fußball-Gemeinde" titelten die Erlanger Nachrichten. Und so war es auch: Tausende fieberten bei den Entscheidungsspielen mit. "Das war grandios", erinnert sich der 83-Jährige.

Der ATSV Erlangen als schärfster Rivale

"Wir haben schon davor oben mitgespielt." Die Spieli war bereits in der Saison 1953/54 Meister der zweiten Amateurliga, aufgestiegen aber sind die Erlanger noch nicht. "Es hatte nie ganz geklappt. Ein Ausrutscher kann alles kaputt machen." Spielten die Erlanger schlecht, mussten sie sich einiges von den vollbesetzten Rängen anhören. "Es war immer was los", sagt Leibold. "Die Zuschauer waren nicht immer gutgesinnt. Wenn es nicht gut lief, haben sie zu uns gesagt: Ihr Flaschen!" Auch Rivalitäten gab es: In der Stadt war damals der ATSV Erlangen ein direkter Konkurrent.

Härtester Gegner in der Aufstiegsrunde im Jahr 1955 waren die Club-Amateure, die sich mit Erlangen in der Tabelle um Rang eins stritten. Die Verfolger kamen aus Hof, außerdem in der Liga: Kitzingen, Küps und Goldbach. Das Rückspiel beim 1. FCN verloren Leibold und sein Team mit 0:1. Zum Saisonfinale aber siegte die Spieli mit 1:0 gegen Küps, die Club-Amateure unterlagen in Kitzingen mit 2:3 - der Bayernliga-Aufstieg der Erlanger war Wirklichkeit. 2.000 Zuschauer im Waldsportpark feierten. Und Melchior Leibold war mittendrin.

"Es war bis zuletzt spannend. Wir haben es gerade so geschafft." Die Freude war riesig. "Das Bier ist gelaufen", sagt Leibold. So recht allerdings kann er sich nicht erinnern an die Aufstiegsspiele, zu lange ist all das her. Vergessen aber wird er es nie, auch dank seiner Mutter, die damals die Zeitungsartikel über ihren Sohn aufbewahrt hatte. Nach dem Aufstieg 1955 hielt die Spieli fünf Jahre die Klasse, ehe es wieder zurück in die Landesliga ging.

An die vergangenen Erfolge denkt Leibold deshalb gerne, noch mehr aber vermisst er die Kameradschaft von damals. Diese sei heutzutage nicht mehr so wie früher. Mit den aktuellen Bezirksliga-Fußballern der Spieli verbindet den einstigen Helden nicht mehr viel. Seine Vereinstreue aber endet nie. Beinahe 75 Jahren ist er Spieli-Mitglied. Noch immer geht Leibold die 800 Meter runter zum Sportplatz, um nach dem Rechten zu sehen. Er schaut, ob das Licht aus ist, die Wasserhähne zugedreht sind oder der Rasen in Ordnung ist - abends, bei Wind und Wetter. Jeden Tag.

Die Mannschaft von 1954/55

Goth; Bauer, Schrettenbrunner, Bräuer, Gechter, Strampfer, Leibold, Nagel, Täuber, Kraus, Ksoll, Meyer.