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Kramer: "Wir müssen das alles wieder auf die Basics reduzieren"

Interview

Der DFB will mit der Abschaffung der Jugendbundesligen zurückkehren zum Wesentlichen. Der ehemalige U-Nationaltrainer Frank Kramer erklärt, wie wieder mehr Talente Topspieler werden könnten.

Frank Kramer kann als gelernter Lehrer auch Fußball gut erklären – wie hier im Haupthaus des Magazins kicker vor Sportjournalisten. 

 / © Zink

Ende September 2019 stellte der Deutsche Fußballbund das „Projekt Zukunft“ vor. Das Fachblatt kicker veröffentlichte nun konkrete Inhalte des Strategiepapiers, das den Jugendfußball im Leistungsbereich auf eine neue Ebene hieven soll. Im Februar 2018 fiel der Startschuss in der Zentrale in Frankfurt, schon vor dem peinlichen Vorrundenaus der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland. Die Nachwuchskrise im deutschen Fußball ist seit Jahren ein schleichender Prozess. Abgesehen von einigen Top-Talenten schaffen immer weniger einheimische Kicker den Sprung in die Bundesliga.

Dem will der DFB nun entgegentreten, die Durchlässigkeit vom Jugendin den Profibereich muss wieder erhöht werden. Bei einem geplanten außerordentlichen DFB-Bundestag soll das „Projekt Zukunft“, das 2021 in eine Pilotphase gehen soll, bald in die Realität umgesetzt werden. Frank Kramer war von Anfang an in die Überlegungen mit eingebunden. Der 48-Jährige lebt im Landkreis Fürth, war bis vor kurzem Leiter der Nachwuchsabteilung bei RB Salzburg, vorher unter anderem Coach der SpVgg Greuther Fürth und drei Jahre als U-Nationaltrainer beim DFB beschäftigt. Er sieht das Projekt grundsätzlich positiv.

„Die Ausgangslage war, die Situation aus der Sicht der Spieler zu bewerten und zu verbessern“, sagt Kramer. Ein weißes Blatt Papier legte DFB-Direktor Oliver Bierhoff anfangs auf den Tisch und bat frei von Zwängen um Denkanstöße. Neben dem Projektteam und den Gremien von DFB und DFL waren 250 Fußballexperten aus dem Amateur, Profi- und Juniorenbereich involviert. Die 56 Leistungszentren ab der U14 sollen aus dem bestehenden Ligensystem ausgekoppelt werden. Ebenfalls werden die U17 und U 19-Bundesliga abgeschafft. Die Teams treten künftig in regionalen Gruppen gegeneinander an, Auf- und Absteiger soll es nicht mehr geben, nach der Vorrunde wird länderübergreifend ein Deutscher Meister ausgespielt. Auch eine Deutsche Amateurmeisterschaft der Nicht-NLZ-Teams wird eingeführt.

„Ich war nie ein Freund der Bezeichnung Bundesliga in der Jugend.“ Aber Spieler, Eltern und Berater denken, sie wären schon Bundesligaspieler, kritisiert er. Dabei seien es einfach Jugendspieler, die den Traum haben, Bundesligaprofi zu werden. „Bis auf einige Überflieger wie ein Kai Havertz schafft das aber nach der U19 kaum einer. Man meint heutzutage ja schon, dass der Wechsel in die U 23 für die Jungs eine Beleidigung ist“, sagt Kramer.

Oberstes Ziel der Reform ist es, den Druck bei den Nachwuchsspielern zu verringern. „Das darf aber keine Weichspülerkiste werden. Die Entwicklung, die Mentalität und der Wille, jedes Spiel gewinnen zu wollen, muss erhalten bleiben“, mahnt Kramer an. Mit der Überlegung, ein Spiel in drei Drittel einzuteilen und der Vorgabe, dass jeder Spieler zumindest ein Drittel zum Einsatz kommen muss, soll allen Spielern die Chance gegeben werden, sich zu entwickeln. Denn ohne Spielpraxis geht es nicht.

„Das Problem ist doch, dass kleinere Vereine wie Fürth oder Nürnberg immer den Druck haben, in der Jugend-Bundesliga bleiben zu müssen. Da werden die Teams dann so zusammengestellt, dass man irgendwie seine Punkte holt. Und das müssen sie in der momentanen Situation so angehen.“ Die Individualität des Einzelnen bleibe aber auf der Strecke. „Und manch guter Kicker, der vielleicht körperlich noch nicht mithalten kann, hat kaum Chancen, obwohl er sehr gute Voraussetzungen hat.“ Der Fußball müsse wieder ein Stück weit zu seinen Wurzeln finden und nicht nur von den Rahmenbedingungen bestimmt sein, meint Kramer: „Jeder denkt, er kann nur Leistung bringen, wenn er top Bedingungen vorfindet. Da muss der Platz schön gewässert und geschnitten sein, es wird im Vier-Sterne-Hotel übernachtet, der Gegner wurde per Videoanalyse vorab seziert. Wir müssen das alles wieder auf die Basics reduzieren.“ Mit dem Wegfall des Auf- und Abstiegsdrucks hätten die Trainer auch wieder mehr Handlungsspielraum auf dem Platz. Spieler könnten verschiedene Positionen bekleiden, auch der Wechsel älterer Spieler in den jüngeren Jahrgang soll machbar sein, um ihnen Spielpraxis geben zu können.

Die elf Stärksten spielen immer

„Viele Trainer im U 19-Bereich haben auch immer so aufgestellt, dass sie erfolgreich sind und dann persönlich weiterkommen. Dabei sollte es nicht um die Trainer gehen, sondern darum, dass die Spieler weiterkommen“, sagt Kramer.

Erfolgreich sei im Profibereich nur derjenige, der die ganze Palette anbieten kann. „Warum ist Frankreich Weltmeister geworden?“, fragt Kramer rhetorisch. „Weil sie hoch anlaufen konnten, tief verteidigen, gefährliche Konter, Ballbesitzspiel und gefährliche Standards hatten. Und dazu noch überragende Einzelspieler. Auch die Bayern haben es in der Champions-League gezeigt. Wenn du heute nicht komplett bist, hast du keine Chance.“ Das „Projekt Zukunft“ soll den Vereinen die Möglichkeit geben, alle Spieler ganzheitlich auszubilden ohne den großen Druck, den die Ligen jedes Wochenende generieren. Bislang reichte es den Vereinen, ein, zwei gute Spieler pro Jahrgang maximal zu fördern, um einen satten Transfererlös zu erzielen. Der Rest fiel dann eben durchs Raster.

„Im Werkzeugkasten muss heute am Ende der Ausbildung mehr als ein Hammer und eine Rohrzange sein“, sagt Kramer. Vorbehaltlich der Zustimmung der Verbände, die nicht unbedingt für große Innovationen bekannt sind, soll das „Projekt Zukunft“ kommen. „Es wird darauf ankommen, wie viel Geld bereitgestellt wird und dass wir das Projekt auch zeitnah und konsequent anpacken. Seit drei Jahren wird geplant. In anderen Ländern wie Belgien wurde ähnliches längst und viel schneller umgesetzt“, sagt Kramer.