Das Amateurfußballportal für Mittelfranken
Partner im
Amateurfußballnetzwerk
Partner im Amateurfußballnetzwerk

Martin Hermann: "Aus meinem Potenzial habe ich zu wenig gemacht"

Bezirksliga Süd

Was ist der Amateurfußball? Spaß? Bewegung? Freizeitbeschäftigung? Oder ist er noch viel mehr? In unserer Reihe "Typen, Themen, Temperamente" sprechen wir mit Menschen, die den Fußball lieben. Über Fußball, aber auch Themen abseits davon. Martin Herrmann war "U20"-Weltmeister, schlug ein Angebot von Uli Hoeneß aus und stürmte viele Jahre lang für die SpVgg Fürth. Im Ronhof gilt er nach über 600 Spielen mit dem Kleeblatt auf der Brust als Legende. Vereinstreue demonstriert "der Martl", wie er überall nur gerufen wird, aber auch nach der aktiven Karriere. Seit rekordverdächtigen elf Jahren verantwortet der gebürtige Weidener als Trainer die sportlichen Belange des ASV Zirndorf.

"Mit dem Alter wird man etwas ruhiger", sagt Martin Hermann über sich selbst. "Ausbrechen" wird der Trainer-Vulkan aber immer wieder.

 / © Zink

Wie funktioniert das, so eine glückliche Fußball-Ehe?

Du darfst keine Routine aufkommen lassen. Das Training von vor drei Jahren mal wieder aus der Schublade holen, das funktioniert nicht. Du musst dir immer wieder etwas Neues überlegen und mit der Zeit gehen. Ich habe es geschafft, einen guten Draht zu den Spielern zu haben. Wenn das nicht funktioniert, hätte ich schon lange aufgehört. Viele Spieler bei uns trainiere ich jetzt seit sechs, sieben, acht Jahren. Einige Spieler hatten Angebote aus der Landes- oder Bayernliga, und sie bleiben trotzdem in Zirndorf. Das muss ja einen Grund haben.

Das Trainerteam?

Wir machen schon ein sehr ausgeklügeltes Training und lassen uns viel einfallen. Aber das Thema Kameradschaft ist uns sehr wichtig, das haben wir uns in Zirndorf geschaffen.

Wie geschaffen?

Wir haben unsere eigene Kabine, mit Fernseher und Playstation, das ist ein kleiner Wohlfühlfaktor. Wir trainieren einheitlich, unsere Wäsche wird gewaschen, wie bei einem Profiverein, obwohl wir nur in der Bezirksliga sind. Das sind kleine Dinge mit großer Wirkung.

Der Begriff "Rehhagel der Bezirksliga" trifft es dann aber nicht ganz...

Nein, nein, wir als Trainerteam haben uns verändert. Ich auch. Die Mannschaft beziehe ich jetzt viel mehr in Entscheidungen mit ein, vor ein paar Jahren hast du alles alleine gemacht, jetzt sprichst du mit den Spielern. Es kann freilich nicht jeder seinen Senf dazugeben, und Entscheidungen werden von uns als Trainerteam getroffen. Aber Meinungen der Spieler nehme ich gerne auf. Früher hattest du eine Schiene, aber diese Zeiten sind vorbei.

Geht das selbst in den taktischen Bereich hinein?

Heutzutage kannst du ja im Netz alles nachlesen, warum und weshalb Dreier-, Vierer- oder Fünferkette. Ich übertreibe jetzt mal und sage: Das ist doch egal. Wichtig ist, dass das Gebilde, das du auf die Wiese schickst, funktioniert. Du brauchst sicher ein paar gute Einzelspieler. Messi und Ronaldo brauchen auch ihre Mannschaften. Wenn das ganze Gebilde funktioniert, und da gehören Funktionsteam und Trainer genauso dazu, dann läuft es. Das sieht man in dieser Saison bei uns. Wir sind nicht die besten Fußballer, aber wir bringen eine Einheit auf den Platz. Deshalb dürfen wir um den Aufstieg in die Landesliga mitspielen. Also ganz sicher um Platz zwei.

Ist dieses Modell auf andere Klubs eins zu eins übertragbar?

Ich glaube, es ist einzigartig. Ich weiß nicht, ob alle Teams solche Bedingungen haben, wie wir sie uns nach und nach geschaffen haben. Wir haben natürlich auch das Glück mit unseren Strukturen, haben vier herrliche Plätze, und weil wir wenig Jugendteams und keine Zweite haben, können wir uns da ausbreiten, wie wir wollen. Mit Vorstand Lothar Konrad haben wir auch einen, der uns den Rücken total frei hält.

Und ein paar Sponsoren...

Ja, das auch. Wobei es bei uns nicht das große Geld gibt. Ein Bier und eine Brotzeit für Spieler nach dem Training – das gibt es schon. Das will ich gar nicht leugnen. Aber so einen Schmarrn wie Grundgehälter gibt es bei uns nicht. Die Spieler wissen das zu schätzen, deswegen gehen auch wenige wieder weg. Und die, die weg sind, haben sich alle höherklassigen Teams angeschlossen.

Ein Ausbildungsverein mit Kuschelfaktor?

Jetzt haben wir eine extrem junge Mannschaft, und sicher wird sich in ein, zwei Jahren von denen wieder einer dahin entwickeln. Ich bin der Letzte, der sagt, dass die Karriere eines Spielers in Zirndorf enden muss. Und doch haben wir sehr viele Spieler, die sich in Zirndorf absolut wohl fühlen und nicht mehr weg möchten.

"Als Trainer musst du Kameradschaft vorleben"

Klingt nach großer Familie, oder ist das zu romantisch verklärt?

Das kann man schon so sagen. Die Spieler machen auch privat viel zusammen, sie helfen sich gegenseitig, gehen nach den Spielen zusammen weg und machen viele Kameradschaftsabende. Das ist ein großer Faktor. Und als Trainer musst du Kameradschaft vorleben. Ich komme als Erster und gehe als Letzter. Gehe ich als Trainer nicht ins Sportheim, habe ich doch schon verloren. Wir sitzen nach Heimspielen immer zusammen. Egal, ob wir gewonnen oder verloren haben.

Dieses eingeschworene Team mit dem gleichen Co-Trainer an der Seite und dem eigenen Sohn als Fitness-Coach – was spielt das für eine Rolle?

Ganz wichtig, jeder weiß genau, was auf ihn zukommt, jeder kennt die Abläufe. Mein Sohn ist ausgebildeter Fitnesstrainer und einmal die Woche da. Das wird angenommen, darauf freuen sich die Spieler. Wir haben für die Gerätschaften auch etliche tausend Euro ausgegeben, das wird professionell betrieben und hilft auch verletzten Spielern weiter. Einmal die Woche kommt auch ein Physio vorbei – alles Punkte, die für uns Gold wert sind.

Da drängt sich die Frage auf, warum man das alles macht. Das Streben nach Erfolg? Und was bedeutet Erfolg im Amateurfußball?

Schwer zu definieren. Also wenn der FC Bayern Meister wird, dann ist das ein Erfolg, den man mit dem Kader aber voraussetzen darf. Wenn wir mit unserer Truppe um Platz zwei in der Bezirksliga mitspielen, ist das ein Erfolg. Das hatten wir nicht auf dem Plan. Erfolg ist für mich, wenn ich eine Mannschaft weiterbringe und Spieler dazu lernen.

Ist Erfolg, der nur an einem Tabellenplatz festgemacht wird, zu dominant im Amateurbereich?

Da stimme ich zu. Manche Vereine investieren viel, geben pro Saison 15 Spieler ab und holen dann 15 neue. Ein Kommen und ein Gehen. Das ist nicht mein Modell eines Amateurvereins. Für uns in Zirndorf ist so etwas nicht vorstellbar.

Und doch zählen oft nur Ergebnisse...

Der Druck des Gewinnes ist groß. Als Spieler hat es mich früher auch ein paar Tage lang gewurmt, wenn wir am Wochenende verloren haben. Jetzt ist das anders: Verliert mein Team 0:1, hat aber eine ordentliche Leistung gebracht, kann ich damit leben. Es gehört ja viele Faktoren dazu, der Gegner, der Schiedsrichter, das Glück. Wenn wir das umsetzen, was wir uns vorgenommen haben, der andere Torwart aber einfach jeden Ball hält, ist alles gut. Womit ich nicht leben kann: Wenn du eine Gurke ablieferst und dann verlierst.

"Das ist am Dorf genauso wie bei einem Profiklub. Jeder gackert mit rein"

Wie gehen Sie mit Druck um?

Das ist am Dorf genauso wie bei einem Profiklub. Jeder gackert mit rein. Wenn die Ergebnisse stimmen, da hörst du nichts. Aber wenn du zwei-, dreimal am Stück verlierst, kommt von überall etwas. Je weiter es nach oben geht, desto ekelhafter wird das. Früher warst du als Trainer eine Art Diktator, jetzt musst du dich mit vielen auseinandersetzen. Du musst beständig und authentisch sein. Und bestimmt kein Fähnchen im Wind und im Falle einer Niederlage alles verändern. Nicht, wenn du von deiner Mannschaft und deiner Aufstellung überzeugt bist. Rückgrat brauchst du schon.

Sehen Sie den Amateurfußball entsprechend seiner Bedeutung gewürdigt?

Das ist doch das Basis für alles. Wo kommen denn die guten Spieler her? Klar, von den kleinen Vereinen. Insofern gehört der Amateurbereich mehr bezuschusst. Es beginnt im Jugendbereich, wenn Eltern ihre Kids abgeben und nach zwei Stunden wieder abholen. Da sind sie schön bespaßt worden, und das alles für drei oder vier Euro Mitgliedsbeitrag.

Beschleunigen die Auswirkungen der Pandemie die ohnehin sinkenden Zahlen an Mitgliedern?

Freilich. Individualsport wird noch mehr zunehmen. Du machst Sport, wann du willst, und lässt dich von einem Trainer nicht mehr zusammenstauchen und musst dich nicht mehr unterordnen und in einer Mannschaft integrieren.

Wobei der Fußball in diesen Punkten eine soziale Komponente vermittelt...

Das ist doch das A und O. So sind wir aufgewachsen, und das war sicher nicht schlecht. Die ganzen Mannschaftssportarten werden in den nächsten Jahren ein Problem bekommen.

Warum finden sich bei kleinen Klubs immer weniger Zuschauer ein?

Schuld ist die Übersättigung im Fernsehen. Du kannst ja rund um die Uhr Fußball schauen, da musst du nicht auf einen Amateurfußballplatz gehen. Dabei liefern die einen ehrlichen Job ab. Das Geld bei den Profis spielt auch eine Rolle. Ich gönne es jedem einzelnen, kann mich aber nicht anfreunden mit den Millionensummen, wenn etwa ein David Alaba statt 10 Millionen 15 Millionen will.

"Wenn ich nicht mehr ausbrechen darf, höre ich auf"

So deutlich, wie Sie jetzt sind, treten Sie auch als Trainer auf. Wie würden Sie sich selbst charakterisieren?

Ich lebe Fußball. Als Spielertrainer habe ich jeden beleidigt, mit dem Alter wird man gelassener. Meine Ausbrüche habe ich immer wieder mal. Wenn ich nicht mehr ausbrechen darf, höre ich auf. Ich freue mich jeden Dienstag und Donnerstag aufs Training und auf das Spiel am Wochenende, diese Anspannung brauche ich.

"Normalerweise hätte ich eine andere Karriere machen müssen"

Mit so einer totalen Überzeugung wundert es, dass Sie nur 31 Zweitligaspiele gemacht haben...

Ich habe damals Bayernauswahl gespielt und war mit meinen Eltern schon bei Hoeneß in München. Nach Nürnberg konnte ich aus Weiden mit dem Zug fahren und habe dabei Hausaufgaben gemacht. Ich hätte nach München ziehen müssen, wollte aber die mittlere Reife fertig machen. Und da war Nürnberg einfacher.

Nur da hat Sie ein Trainerwechsel ausgebremst...

Ich sollte unter Heinz Elzner in der Bundesliga debütieren, der wurde aber entlassen. Udo Klug, der neu kam, hat mich sofort zu den Amateuren geschickt – ohne mich einmal gesehen zu haben. Nach einem halben Jahr in der Bayernliga bin ich dann nach Fürth.

Der Anfang einer langen Liebe...

Da habe ich als 19-jähriger Bursche 31 Zweitliga-Spiele gemacht. Wir sind aber abgestiegen, und ich hab’ mich überreden lassen zu bleiben. Berater gab es damals nicht. Ingolstadt und Saarbrücken haben angeklopft, aber ich bin von Saison zu Saison immer geblieben. Normalerweise hätte ich eine andere Karriere machen müssen als einer der Top-Stürmer in Deutschland zu der Zeit.

Überwiegt im Rückblick Wehmut oder Stolz?

14 Jahre war ich insgesamt in Fürth und war dem Verein sehr verbunden. Über 600 Spiele hab’ ich gemacht, das macht schon stolz. Es war eine gute Zeit, mir geht es gut. Aber aus meinem Potenzial habe ich zu wenig gemacht.

Werden Sie heute, knapp 30 Jahre später, noch darauf angesprochen?

Immer wieder. Ab und an gibt es einen Autogrammwunsch. Ich habe gesunde Enkel, habe einen guten Job, ich kann jeden Tag etwas Warmes essen. Alles andere ist Luxus.

Mehr zum Thema