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Mögliche Verletzungen beim Re-Start: "Es wäre gut, sich etwas zurückzunehmen"

Interview

Was ist der Amateurfußball? Spaß? Bewegung? Freizeitbeschäftigung? Oder ist er noch viel mehr? In unserer Reihe „Typen, Themen, Temperamente“ sprechen wir mit Menschen, die den Fußball lieben. Über Fußball, aber auch Themen abseits davon. Leonard Fraunberger ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie sowie Sportmediziner. Der 52-Jährige ist mit seiner Praxis iQ-Move („klug bewegen“) in Kooperation am Lehrstuhl für Sportbiologie und Bewegungsmedizin in Erlangen tätig und prüft dabei auch Profis vor Saisonbeginn auf Herz und Nieren. Wir haben den Vizepräsidenten des Bayerischen Sportärzteverbandes gefragt, was Fußballer in der Vorbereitung auf das nahende Ende des Lockdowns und den Start ins Training berücksichtigen müssen – sollte es nach dem 7. März tatsächlich wieder losgehen.

Lange nicht Fußball gespielt, die Fitness hat gelitten, doch die Motivation ist groß: Eine Gleichung, die Sportmediziner für gefährlich halten.

 / © Sportfoto Zink

Herr Dr. Fraunberger, viele Menschen stehen in den Startlöchern, um endlich wieder Sport treiben zu dürfen. Geht das so einfach, von Null auf Hundert?

Gut ist es, wenn man sich nach einer Pause langsam wieder vorbereitet. Man kennt das vom Skifahren von früher, da hat man auch zuerst Gymnastik gemacht, umdie Muskeln und Bänder vorzubereiten. Beim Fußball ist es ähnlich. Wünschenswert wäre eine ganzjährige Aktivität, um eine gewisse Grundfitness zu halten. Wenn man nun aber ganz pausiert und gar keinen Sport mehr gemacht hat, ist es natürlich schwierig, sofort wieder in einen Spielbetrieb reinzukommen. Spielt man aber nur ein-, zweimal die Woche, steigt das Verletzungsrisiko vehement.

Was ist zum Wiederbeginn besonders zu beachten?

Wichtig ist die Motivation, gerade jetzt, wenn man denn wieder loslegen darf. Sich da etwas zurückzunehmen, wäre gut. Vor dem ersten Spiel richtig aufwärmen, was gerne vernachlässigt wird, 10 bis 15 Minuten nur mal um den Platz laufen und dann erst mit dem Ball anfangen. Häufig ist es ein Kaltstart, der das Risiko deutlich erhöht.

Welche Besonderheit steckt hinter dem Training in einer Gruppe? Auf welche Art sind Mannschaftssportler besonders?

Es ist der Ehrgeiz, man will alles geben, ein Tor schießen, Erfolg haben, da ist ein Zuviel sehr häufig. Es gibt Untersuchungen des DFB, wonach gerade in der Männergruppe zwischen 40 und 50 Jahren das Risiko deutlich erhöht ist. Nicht nur im Fußball. Übertragen auf nahezu alle Sportarten ist das die am meisten gefährdete Gruppe, sowohl was Verletzungen an Knie, Bänder und Sehnen angeht als auch das Risiko eines plötzlichen Herztodes, etwa durch einen Herzinfarkt. Dies ist unter anderem auch den Lebensumständen geschuldet, der sogenannte Bierbauchtyp. In der Pandemie haben die Menschen laut einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts im Schnitt ein Kilo zugenommen. Das ist schon bedenklich.

Die letzten Fußballspiele im Amateurbereich in Mittelfranken fanden Ende Oktober 2020 statt. Wie reagiert der Körper nach so einer langen Pause?

Man kann es sich vorstellen wie bei einem gebrochenen Bein, das etwa sechs Wochen lang in Gips ist. Da sieht man deutlich, wie sich der Muskel abbaut. Und genau das passiert durch Inaktivität, das heißt: Ich verliere Muskulatur, habe ich zusätzlich zu viel Input in der Nahrungszufuhr, werden mehr Fettpölsterchen aufgebaut. Und vor allem die stabilisierenden Strukturen wie Sehnen und Bänder leiden unter dem zusätzlichen Gewicht. Die brauchen auch eine kontinuierliche Belastung, umgefestigt zu bleiben. Wenn ich in solch einer Phase bin und genau so spielen will wie vor fünf, sechs Monaten, steigert das das Risiko deutlich. Was man aus der Trainingslehre weiß: Die Periodisierung über das Jahr ist wichtig, eine Vorbereitungsphase bei Fußballvereinen über sechs bis acht Wochen ist wichtig, bevor eine Saison losgeht. Da ist zu empfehlen, den Körper langsam an die Belastung zu gewöhnen. Locker joggen, ein paar Sprints, das alles im Wechselbetrieb.

Das hört sich gut an. In der Praxis wird das erfahrungsgemäß verkürzt. Sind deshalb nach so langer Abstinenz besonders viele Verletzungen zu befürchten?

Eben aufgrund des Abbaus der Muskeln und des Skelettapparates in Verbindung mit mehr Gewicht besteht eine größere Gefahr von schweren Verletzungen.

Stichwort Prophylaxe: Was sollten Trainer in der Trainingssteuerung besonders beherzigen?

Wichtig ist der Erhalt einer allgemeinen Fitness. Wir brauchen auch Stoßbelastungen. Da empfiehlt es sich, einfach mal laufen zu gehen und Sprints einzubauen. Triathleten legen in Übergangsphasen nach großen Wettkämpfen eine drei- bis vierwöchige Pause ein, für Körper und Geist.Dennoch muss eine Mindestbelastung sein von zweimal laufen die Woche. Nicht nur für das Herz-Kreislaufsystem ist das wichtig, gerade auch für das Gestell, etwa Sprunggelenk, Knie und Hüfte. Wenn man vier Wochen gar nichts macht und dann wieder anfängt, zwickt es im Knie, oder die Schienbeinkante tut weh. Wir brauchen einen Mindestinput von mindestens zweimal pro Woche.

Ihr Rat an Trainer heißt dann: Die Übungsstunden sollten auf keinen Fall genauso aussehen wie vor dem Lockdown?

Genau. Mit zwei-, dreimal wöchentlich Joggen die Belastung beginnen und erst im Mannschaftstraining wieder fußballspezifisch arbeiten.

Kann man als Sportler selbst vorbeugen? Sich mental auf den Tag x vorbereiten?

Meinen Körper fit zu kriegen ist ein Ziel, um dann möglichst mit viel Spaß und Freude ins Spiel gehen zu können. Es ist ja nichts gewonnen, wenn man gar nichts gemacht hat und dann gleich nach fünf Minuten verletzt ist. Das war dann eher Übermotivation. Man kann schon während des Trainings etwas visualisieren, bei einem Online-Meeting zusammen Athletiktraining im Wohnzimmer machen. Das stärkt auch das Mannschaftsgefühl.

Welche Rolle spielt die Ernährung? Sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll?

In der Sportmedizin wird empfohlen, auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu achten. Nahrungsergänzungsmittel sind dann auch für Höchstleistungen nicht notwendig. Ich kann alles, was der Körper benötigt, über eine normale, gesunde Ernährung aufnehmen. Wichtig ist auch der Flüssigkeitshaushalt: Wenn man z.B. eine Stunde joggt, kann man sich vorher und nachher auf die Waage stellen und überprüfen, was man in dieser Stunde an Gewicht verliert. Habe ich einen Liter ausgeschwitzt, sollte ich in den nächsten zwei Stunden etwa eineinhalb Liter Wasser trinken, umden Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen. Ganz wichtig ist es auch, die Kohlenhydratspeicher rechtzeitig wieder aufzufüllen, das können eine Brezel mit Frischkäse sein oder Kartoffeln mit Quark, damit der Muskel wieder das bekommt, was er verbraucht hat. Das hilft vor dem nächsten Training und schützt vor Verletzungen. Man weiß auch, dass es für das Immunsystem ganz wichtig ist, in der ersten halben Stunde diese Speicher wieder aufzufüllen, weil dann der Open-Window-Effekt nicht so stark ausfällt.

Open Window? Was hat ein offenes Fenster jetzt damit zu tun?

Nach der Belastung fallen meine Abwehrzellen im Blut ab, die müssen in den Muskel, um dort den Trainingsreiz zu verarbeiten und eventuell erforderliche Reparaturen durchzuführen. In dieser Phase ist man deutlich infektanfälliger. Dieser Effekt verringert sich, wenn ich recht frühzeitig Kohlenhydrate und Protein im Verhältnis von ca. 3:1 und ausreichend Flüssigkeit zu mir nehme. Regeneration und Anpassung verlaufen dann auch schneller.

Zwischen dem letzten Spiel und dem möglichen Neustart haben sich viele Fußballer nur mit Ausdauerläufen fit gehalten – jetzt sprechen Sie davon, die Füße erst einhängen zu müssen. Wie darf man sich die Prozesse im Körper vorstellen?

Der Muskel muss irgendwie angesteuert werden. Dafür haben wir die Nerven, die das Zusammenspiel über die Gelenke dann auch steuern. Das ist ein Prozess, den muss ich üben, üben, üben. Damit werden die Koordination verbessert und das Zusammenspiel von Nerven und Muskel optimiert. Daher ist es wichtig, beim Einstieg ins Mannschaftstraining solche Übungen mit einzubauen. Etwa einfach mit dem Ball jonglieren, um ein Gefühl für den Ball zu bekommen. Es ist eine koordinative Herausforderung. Je nachdem, wie lange man schon Fußball spielt, bleibt eine Grundkoordination jedoch erhalten. Das ist wie Radfahren. Was ich als Kind gelernt habe, das kann ich auch. Vieles ist noch abgespeichert und läuft automatisch ab.

Es soll so früh wie möglich losgehen, die Saison im bayerischen Amateurfußball muss bis 30. Juni beendet sein – sind vier Wochen Vorbereitungszeit genug?

Vier Wochen Mannschaftstraining können ausreichen. Wichtig ist, dass sich jeder Einzelne an die Vorgaben des Trainers gehalten und möglichst drei, vier Einheiten pro Woche gemacht hat. Dann ist der Feinschliff mit Technik und taktischen Varianten in vier Wochen anzugehen.

Basiert diese Einschätzung auf Erfahrungswerten?

Bei den Profis der SpVgg Greuther Fürth etwa hat das individualisierte Training dazu geführt, dass die Schwächen des Einzelnen ausgeglichen werden konnten und die eigentliche Vorbereitung dann deutlich effizienter vonstatten ging. Zudem war der Druck etwa englischer Wochen weg, schnell wieder parat zu stehen.

Besteht da ein großer Unterschied zwischen Profis und Amateuren, oder ist die Situation nach einer längeren Pause vergleichbar?

Die körperlichen Voraussetzungen sollten bei den Profis etwas besser sein. Ist ja ihr Beruf und ein gesunder Körper eine Grundvoraussetzung. Trotzdem gibt es im Amateurbereich sehr viele Spieler, die körperlich sehr gut beieinander sind. Von den körperlichen Grundprinzipien ist Mensch gleich Mensch.

Wie waren Ihre Erfahrungen nach dem ersten Lockdown?

Viele Sportler hatten mentale Probleme, sich zu motivieren. Die Perspektivlosigkeit war das Problem und zu erkennen, was man trotzdem machen kann. Ohne Wettkämpfe und Spiele fehlten Motivation und die starke soziale Gruppenkomponente.

Kommt genau das auch in diesen Tagen wieder zum Tragen ,oder helfen die Erfahrungen, um jetzt entsprechend anders oder besser darauf zu reagieren?

Das ist individuell unterschiedlich, wie man es verkraftet. Aber bei den meisten ist die Vorfreude groß, dass wir wieder – auch dank des Impfstoffs – zwar nicht sofort zur Normalität zurückkehren, aber doch loslegen können.

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