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FC Serbia: Wenn der Fußball nur ein netter Nebenaspekt ist

Alltag in der Kreisklasse 4 Teil 4

Schiefe Seitenlinien und Traumtore, Bierbäuche und Modell-Athleten. Eine Saison verbringen wir in und mit der Kreisklasse 4. Eine Saison lang berichten wir über den Fußball, der meilenweit entfernt ist von dem, was man heute modernen Fußball schimpft und der in Verbindung mit Bratwurst und Bier doch jeden Cent Eintrittsgeld wert ist. Heute: Ein Verein, der für viel mehr steht als nur Fußball.

Der FC Serbia (rot) eilte zum vierten Erfolg im vierten Spiel dieser Saison.

 / © Zink / JüRa

Mario Basler wäre stolz auf Goran Kekic. Die Nummer acht des FC Serbia sitzt an diesem wunderbaren Spätsommertag mit Trikot und Stutzen auf einem Polsterstuhl und raucht. Er nimmt einen Schluck aus der Cola-Dose, unterhält sich mit den vielen Menschen, die sich hier, auf dem alten Sportplatz des SC Viktoria, das Spiel ihres Vereins aus sicherer Entfernung anschauen. Später telefoniert er, der Rauch seiner Zigarette mischt sich mit dem vom Grill, wo herrlich duftende Cevapcici vor sich hin bräunen.

Nach einer halben Stunde muss Goran Kekic dann aber doch mal los. Er ist ja eigentlich nicht hier, um einen angenehmen Sonntag mit Freunden zu verbringen, sondern um mit dem FC Serbia in der Kreisklasse Fußball zu spielen. Kurz darauf schießt Milenko Babic das 1:0, mit dem es auch in die Pause geht. Goran Kekic sitzt jetzt wieder auf seinem Stuhl, redet, trinkt, raucht.

Daniel Lazic muss lachen, wenn man ihn auf diese Szene anspricht. Ein Fußballer, der während des Spiels telefoniert und raucht? „Wir Serben sind vom Balkan“, sagt der Schatzmeister des Vereins, „Bier und Zigarette gehören da zu einem Wohlfühlerlebnis dazu.“ Und ein solches soll auch der Fußball sein, den sie seit der Gründung des kleinen Vereins vor sechs Jahren sehr erfolgreich spielen. „Mit strenger Disziplin würden wir aber unser Gesicht verlieren“, findet Lazic. „Unser Trainer Miso Zivkovic ist ein absoluter Fußball-Fachmann, aber er weiß, dass er die Balance finden muss.“ Fußball beim FC Serbia ist weitaus mehr als Sport. „Wir als Verein wollen als gutes Vorbild vorangehen“, sagt der Schatzmeister und meint damit nicht den rauchenden Ersatzspieler. Fußball, findet er, sei eine wunderbare Sache, „toll, emotionsgeladen“, das haben sie in den vergangenen Jahren schließlich selbst erlebt.

Von der B- haben sie sich in die Kreisklasse hochgearbeitet, im vergangenen Jahr sind sie nur knapp am Durchmarsch in die Kreisliga gescheitert. In dieser Saison soll es klappen mit dem Aufstieg, das haben sie sich fest vorgenommen – und dafür tun sie auch alles. An den ersten drei Spieltagen haben sie dreimal gewonnen und ihre Rolle als einer der Favoriten in dieser Liga bestätigt. Das ist die eine Seite, die sportliche. Dass es so gut läuft, freut Daniel Lazic genauso wie seine Vorstandskollegen und alle Menschen, die es mit dem FC Serbia halten. Doch Fußball ist nur ein schöner Nebeneffekt, ein Anlass für weitaus wichtigere Dinge.

Für das Heimspiel gegen Boxdorf haben sie in der serbischen Gemeinde der Stadt geworben, alle Einnahmen des Tages kommen dem kleinen Dusan zugute, einem serbischen Kind, das an einem Tumor leidet. „Das Gesundheitssystem in Serbien ist nicht so gut wie das hier“, sagt Lazic. Das Schicksal des Jungen beschäftigt ein ganzes Land, knapp 190000 Euro werden benötigt, um ihm eine Operation in Barcelona zu ermöglichen.

Ein serbischer Schauspieler hat erstmals darauf aufmerksam gemacht, seitdem wird überall Geld gesammelt. Und auch der FC Serbia möchte seinen Teil dazu beitragen. „Wir wollen die Leute beteiligen, denn uns als Verein schenken die Menschen großes Vertrauen“, sagt der Schatzmeister. Als er davon erzählt, muss er kurz unterbrechen, eine serbische Unternehmerfamilie, die einen größeren Betrag gespendet hat, verabschiedet sich.

Musik, Cevapcici, Schnaps

Ohne den Aufruf des Vereins hätten sie das womöglich nicht getan, was Daniel Lazic stolz macht. „Wir sind Anlaufstelle und Motor“, sagt er. „Unser Hauptziel ist es, die Serben in Nürnberg zu vereinen.“ In den vergangenen Jahren haben sie schon mehrmals Geld gesammelt für leidende Menschen daheim in Serbien, sie veranstalten Partys oder helfen Landsleuten, die nach Nürnberg kommen, um hier ein neues Leben zu beginnen.

„Da sind immer mal wieder Jungs dabei, die kein Wort Deutsch sprechen, aber in Serbien vielleicht in der zweiten oder dritten Liga gespielt haben“, sagt Lazic. Beim FC Serbia können sie weiterhin Fußball spielen, die Verantwortlichen versuchen dann, eine Arbeitsstelle zu vermitteln. Mancher wird schnell zu gut für die unteren Ligen, doch die meisten wollen weiter für Serbia spielen. Weil sie dort ein Stück Heimat in der Fremde gefunden haben – so wie die Menschen auf den Polsterstühlen vor der kleinen Holzhütte. „Die Leute kommen hierher, um serbische Musik zu hören, Cevapcici zu essen und serbischen Schnaps zu trinken“, sagt Lazic. Nur Goran Kekic muss jetzt doch noch Fußball spielen. Und was macht er? Schießt den FC Serbia kurz vor Schluss zum 2:1-Erfolg. Auch das ist: Alltag in der Kreisklasse.

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